"Mein Alltag ist FSK 6" – So lebt es sich, wenn man wirklich kein Blut sehen kann

© Hella Wittenberg

Eines meiner liebsten Hobbys ist es, ins Kino zu gehen. Ich genieße es, mich tief in den Kinosessel zu vergraben und dann in irgendwelche absurde Filmwelten einzutauchen. Die Namen der meisten Schauspieler und die Filme kann ich im Schlaf aufsagen. Kein Ding. Ich bin so wie das menschgewordene IMDb. Was ich dir aber auch mit geschlossenen Augen und wie auswendig gelernt aufsagen kann: den "Parental Guide" oder auf Deutsch: die Freiwillige Selbstkontrolle, kurz FSK.

Ab wann ist der neue von Tom Ford freigegeben? An welchen Stellen sollte man in „The Lobster“ lieber das Popcorn stehen lassen, weil da gemetzelt wird, was das Zeug hält? Ich hab Ahnung davon. Denn das sind die Momente, in denen man mich komplett in meiner Sitzgelegenheit eingesunken findet, mit geschlossenen Augen, die Beine auf der Kopflehne vor mir und vielleicht sogar die Ohren zuhaltend. Die blutigen Augenblicke sind die, in denen mir heiß und kalt wird. Also nicht auf so niedliche "Ach, ich fühle voll mit der Filmfigur mit"-Art. Das ist brutal. So was wie romantisch Händchenhalten ist dann nicht drin. Meine Handinnenflächen sind nämlich derart schwitzig, ich könnte damit Pflanzen bewässern.

Mein Leben ist eine einzige Vermeidungsstrategie.

Was mein Problem ist? Ich hab eine Blutphobie. Meine ganz persönliche Angststörung, die ich mit mir überall hinschleppe, seit ich 13 bin. Mittlerweile hab ich meinen 29. Geburtstag gefeiert. Und jetzt ist wird es erst richtig schlimm. Mein Leben ist eine einzige Vermeidungsstrategie. Ich bin bis obenhin voll mit Panik vor Blut. Vor Schnittwunden. Vor jeglicher Art von Verletzungen. Vor der Androhung von Blut. Wenn ich nur etwas länger darüber nachdenke und die Fantasie mitspielt, bekomme ich Herzrasen. Selbst als ich einmal zu lange auf den Gips am Arm meiner Mutter starrte, wurde ich bei dem Gedanken an das, was passiert war, ohnmächtig.

Nachdem der Blutdruck kurz ansteigt, geht er urplötzlich wieder runter. Ich sehe aus, wie von Tim Burton ausgedacht, und dann kippe ich um. Einmal, zweimal, dreimal. Hintereinander. Kam alles schon vor. Immer wieder abzuklappen, raubt mir jegliche Kräfte. Wenn es richtig schlimm ist, laufen mir nach der Ohnmacht unkontrolliert die Tränen, ich bin zittrig und schwitze.

Bin ich einfach nur ein Weichei?

Ich bin wahnsinnig vorsichtig, wahnsinnig gut über alles in der Umgebung informiert und habe immer was Süßes, Kaugummis und was zu Trinken bei mir, um mich nach einer Ohnmacht wieder auf Vordermann zu bringen. Mich wird man also kaum mit einer Clutch unterwegs sehen. Ich reise mit XL-Bag.

Da dieses aufkommende Angstgefühl mit unglaublichen Hitzewellen einhergeht, trage ich selbst im Winter am liebsten ein T-Shirt anstatt einem dicken, eigentlich viel gemütlicheren Pulli. Also insgesamt die Art von Klamotten, die mich nicht einschnürt. Kein enger Kragen, keine High-Waist-Jeans. Kein Hut. Wenn nämlich neben der Angst vor Blut noch Enge dazukommt, bin ich verloren. Ich muss mir schließlich wenigstens das Gefühl vorgaukeln, ich könnte der ausweglosen Situation entfliehen, in der mir schwarz vor Augen wird.

Nachdem der Blutdruck kurz ansteigt, geht er urplötzlich wieder runter und ich sehe aus, wie von Tim Burton ausgedacht. Dann kippe ich um. Einmal, zweimal, dreimal. Hintereinander.

Was daran besonders nervt: Ich werde mit meiner Phobie nur selten ernst genommen. Den Satz „Ich kann kein Blut sehen“ meine ich nicht als Koketterie. Aber da ich inzwischen weiß, dass es die meisten herzlich wenig kratzt, wenn ich so etwas sage, bin ich zum Kontrollfreak geworden. Ich muss mich schließlich selbst schützen, wenn andere denken, ich wäre beispielsweise nur auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Nicht nur mein Kinobesuch ist durchgeplant (In welchem Kino kann ich den Sitz so weit nach hinten schieben und die Beine hochlegen, so dass keiner mitkriegt, wenn ich ohnmächtig werde?), mein ganzer Alltag dreht sich um die Prävention möglicher blutiger Konfrontationen.

Wenn man erst mal ein Problem mit dieser roten Flüssigkeit hat, dann stellt sich schnell das Gefühl ein, dass sich wirklich alles darum dreht. Um mich herum reden die Leute ständig über fiese Brüche durch irgendwelche sportlichen Aktivitäten („Der Knochen hat richtig hervorgeguckt! Man, hab ich geblutet!“), über Unfälle mit ihrem Messer oder Tierleichen, an denen sie morgens vorbeigeradelt sind.

Was nicht hilft

Bitte komm nicht zu mir und zeig mir deine dunkelrot blutende Fingerkuppe, nachdem du dir da mit dem Messer beim Avocadoschneiden volle Kanne reingehackt hast. So eine direkte Attacke knockt mich gleich für den restlichen Tag aus. Übrigens auch dann, wenn mir beim Arzt Blut abgenommen wird. Wie oft habe ich schon gehört: „Entspannen Sie sich, ist gleich vorbei, tut auch nicht weh“ und dann wurde weitergequatscht, um mich abzulenken. Kurz darauf lag ich mit Beule an der Stirn auf dem gar nicht mal so sterilen Arztboden. Danach ist nur noch Rumliegen und Zwiebackessen angesagt. Diese Vorhersehbarkeit stört mich.

Apropos Arzt: Da war ich natürlich schon. Es war ein Reinfall, weil ich auch da nicht so richtig ernst genommen wurde.

Bitte komm nicht zu mir und zeig mir deine dunkelrot blutende Fingerkuppe.

Warum das so bei mir ist, weiß ich nicht. Oder ich will es verdrängen. Aber ich kann mich sehr gut an den Moment in der Schule erinnern, als wir „Frankenstein“ sahen und ich vom Stuhl kippte. Und ich weiß, wie ich auf das blutige Ohr meines Hundes Lenny guckte und dann bewusstlos wurde. Ich erinnere mich auch noch sehr gut daran, als das Thema Geburt in der Schule besprochen wurde und ich wochenlang komplett fertig war. Was für eine blutige Sauerei!

Die Sache mit den Zwängen

Mit der Blutphobie gehen auch viele weitere Zwänge einher. Ich mag zum Beispiel Fahrradfahren. Doch nachdem ich sehr nah bei einem ziemlich schlimmen Fahrrad-Unfall dabei war, schloss ich mein Fahrrad in den Keller. Für immer. Wenn ich nur an diesen Moment denke, wird mir arg schwindelig. Ich halte mich von allem Extremen fern.

Weil's so peinlich ist, mach ich aus meiner Blutphobie mittlerweile schon zwanghaft einen Scherz. Bloß nicht zu viel Wind darum machen.

Mein Alltag ist FSK 6

Mein Alltag ist FSK 6. Eine Zeitlang habe ich mich wegen meiner Blutprobleme vollkommen zurückgezogen. Rausgenommen aus allem, was aufregend ist – hätte ja Blut dabei sein können. Mittlerweile versuche ich mich immer wieder aus meiner Komfortzone herauszuwagen. Ganz oft klappt es nicht, dann kriege ich bei dem Gedanken, was alles Blutiges passieren könnte, keine Luft mehr.

Aber dieses Zurückziehen macht keinen Spaß. Dafür bin ich auch nicht aus meinem 200-Seelen-Dorf in Brandenburg nach Berlin gezogen. Ich will ja nicht, dass alles um mich herum weitergeht und ich nur wegen dieser Phobie stillstehe. Kinobesuche bleiben nun mal das Tollste für mich. Also studiere ich den Parental Guide, lasse mich Spoilern, und ziehe das durch – auch wenn das bedeutet, dass ich mich danach für den Rest des Tages einfach nur von dem Filmerlebnis auf meiner Couch erholen muss. So lange ich mich aufraffen und meiner Phobie entgegenstellen kann, fühle ich mich stark. Ich fühle mich gut. Weil ich das Gefühl habe, auf gewisse Weise immer wieder über mich selbst hinauszuwachsen.

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