Kaffee statt guter Sex – Ein Morgen in der Berliner Manufucktur

© Olena Yakobchuk | Shutterstock

Die Haut meines Pos klebt unangenehm am ungeschliffenen Holz eines Bistrostuhls, der zu einem Ensemble aus einem runden Tisch und drei weiteren Stühlen gehört. Ich tippe auf Boxi, 60 Euro für alles. Flohmarkt, findet er super, denke ich mir. Er steht an der Arbeitsplatte, vor dem Fenster. In nichts als einer Boxershorts, leichter Flaum auf seinen Waden. So toll. Seine Rückenmuskeln zucken beeindruckend bei jeder Bewegung, die Wintersonne scheint schwach durch den leicht bewölkten Himmel, in der Ferne kann ich die Türme der Bayer Werke rauchen sehen. Weddinger Morgen sind klamm.

Die Spucke auf meinen Zeigefingern riecht unangenehm, während ich versuche, die Make-up Reste von letzter Nacht in meiner Haut verschwinden zu lassen. Sie riecht nach Schlaf, Alkohol und Zigaretten. Sein Mitbewohner ist im Bad. „Kacken“, brüllte er, als ich zaghaft die Klinke der Badezimmertür drückte. Nach unserer kurzen, wenngleich intensiven Nacht verwunderte mich seine Aufforderung, zum Frühstück zu bleiben. Nicht der, der kackt. Der andere. Das machen sie, die Kerle, lediglich in zwei, wenn man Glückt hat in drei von zehn Fällen. Gemeinsam aufwachen ist intim. Gemeinsam frühstücken ist intimer. Besonders dann, wenn man sich nicht kennt. So hoffte ich, dass es sich um einen schnellen Kaffee, ein aufgebackenes Brötchen für den Nachhauseweg handelt. Doch, nachdem ich auf Zehe†nspitzen möglichst geräuschlos in die Küche schlich, offenbarte sich mir ein erschreckendes Bild: Kaffeebohnen. In einer braunen Papiertüte, nachhaltig, säurefrei, mit schwarzem Schriftzug, dessen Worte nur Kenner verstehen. Kaffeebohnen heißen nichts Gutes, denn sie bedeuten „Crafting“. Und Crafting bedeutet „Nimm dir Zeit!“.

„Setz dich, ich mach uns schnell Kaffee“, lässt er mich wissen, ohne sich umzudrehen. Er scheint konzentriert. So konzentriert, als handle es sich nicht um das Zubereiten eines ordinären Heißgetränks, sondern das Mischen eines Fruchtbarkeitsserums. Das Wort „schnell“ und die Präsenz ganzer Bohnen samt hochwertiger Handfilter-Installation vertragen sich nicht. Befangen rutsche ich auf dem Stuhl hin und her. Als würde ich ein Pflaster langsam von meiner Haut lösen, in etwa so fühlt sich jede Bewegung auf meinem Unterschenkel an. Meine Kleider rochen nach durchtanzter Nacht, sie lüften im kalten Januarwind auf seinem Balkon. Daher trage ich sein T-Shirt. Nähe suggerieren.

Im Weddinger Vintagehimmel brodeln Apparaturen, die selbst Marie Curie nicht hätte bedienen können.

Dunkelbraune Bohnen rieseln langsam durch seine Finger, ganz so, als handle es sich um das braune Haar einer nicaraguanischen Schönheit. Er riecht mit geschlossenen Augen an der halb geöffneten Tüte, lässt das Aroma von einem ins andere Nasenloch wandern. Ich schaue ihm dabei zu, kaue nervös an der rauen Haut meines rechten Daumens. Kaffee, Frühstück, geht bei mir anders. Maschine an, Kapsel rein, Wasser läuft. Fertig. Milch raus, Flocken drunter, Apfel schälen. Fertig. Zehn Minuten, alle sind glücklich. Doch hier, im Weddinger Vintagehimmel, brodeln Apparaturen, die selbst Marie Curie nicht hätte bedienen können. Mit unzähligen geschickten Handgriffen begleitet er die ganze Bohne, über das Mahlen bis hin zum Füllen in den zarten Papierfilter. Nebenher teilt er eine reife Avocado, indem er die scharfe Klinge eines japanischen Messers gekonnt durch die dunkelgrüne Schale gleiten lässt.

Seine Routine wirkt magisch auf mich, anziehend. Beinahe erotisch. Wie ein lukullisches Vorspiel, dessen Höhepunkt der erste Biss, der erste Schluck ist. Ich beobachte ihn und versuche, Bilder und Berührungen der letzten Nacht zu rekonstruieren. Seine Küsse zu schmecken, seine Haare zu riechen. Es fällt mir schwer, war unsere Begegnung doch eher „zum Mitnehmen“, weniger zum „hier verspeisen“. Zwischen anquatschen und ablecken vergingen kaum 20 Minuten. Ein Genussmensch? In der Küche ja, im Bett eher weniger.

Ich beneide das rohe Hühnerei um die Aufmerksamkeit, die ihm seine Hände zukommen lassen. Vorsichtig balancierend, langsam ins heiße Wasserbad legend. Denn während er die Komplexität seines Essens dechiffriert, hat er mich gefickt wie eine Tiefkühlpizza.

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