Eins, Swipe, Drei: Offene Beziehungen funktionieren auch auf Tinder nicht

© Vincent Desiderio, "Sleep"

Nach einem die Unabhängigkeit zelebrierenden Sommer läutet der Herbst die Kuschelzeit ein. Und die wird in Berlin, das wissen Alteingesessene wie auch Zugezogene, sehr, sehr, sehr lang. Zeit also, Tinder wieder zu aktivieren. Als meist stiller Beobachter, von zwei ganz netten Dates abgesehen, habe ich sämtliche Tinder-Phasen miterlebt. Sehr schnell, bereits kurz nach deutschlandweiter Etablierung, ging das Swipe-Moloch von der verbalen Phase – das kaum wahrnehmbare Raum-Zeit-Kontinuum, in dem man noch schüchtern und nervös auf ein Match wartete, man hat sich schließlich mehr als eine halbe Sekunde pro Person zum Swipen Zeit genommen – in die anale Phase über.

Ob man es „von hinten möge“ folgte meist kurz nach dem üblichen, wenngleich sich in den Minuswerten der zu Verfügung stehenden Vokabeln befindlichen, „Hallo“. Nun ist Berlin wirklich kein Kind von Traurigkeit, denn während morgens um sieben im King Size tatsächlich auf dem letzten Loch gepfiffen wird, hat der ein oder andere immer noch ausreichend Kraft, nach einem willigen Loch – dem willigen Loch – Ausschau zu halten.

Anal gehört zum guten Ton, darüber regt man sich weniger auf, darüber rümpft man in Berlin, ich nenne es liebevoll „Sprollywood“, seltener das weißgepuderte Näschen als über die nicht existente Mietpreisbremse. Und ohne es zu merken, es mag auch daran liegen, dass ich aus selbstheilenden Zwecken dem Swipen für wenige Monate den Rücken kehrte – ha, Rücken kehrte –, verabschiedete sich das grunzende Gros aus der analen Phase, um mir nichts dir nichts in die „Multiple Phase“ überzugehen. Und damit meine ich keine multiplen Orgsamen. Die sind auch in der sexuell erfahrenen Bundeshauptstadt so rar wie ein CDU-Sommerfest ohne Tittengrabscher.

In keiner Stadt wird so viel vermeintlich-multipel geliebt wird wie in Berlin

„Multiple Phase“? Ja, denn scheinbar ist Berlin nicht nur super offen, locker, tolerant, verspielt, frech, arm aber sexy. Nein, wir leben auch die Polyamorie. Und das ist keine neue Foto-App von Amorelie. Polyamorös ist das griechische Kunstwort für die Praxis, Liebesbeziehungen zu mehr als nur einem Menschen zu haben. Das klingt so wahnsinnig Bohemian, ich weiß. Nach Abenteuer, nach das Leben und die Liebe in die Hand nehmen, nach Paris im Sommer '69. Doch ich sage euch eins: Offene Beziehungen haben auf Tinder genauso viel verloren, wie dieser eine Delphin, der sich momentan in der Ostsee rumtreibt und in Motorboote beißt.

Meine wütende Antihaltung gegenüber Polyamorie kann ich rational nicht erklären. Und dennoch widert es mich oft, meistens eigentlich, an, wenn mir so ein Tindermann mit Bondage-Profilbild weiß machen möchte, dass er in einer abgesprochenen offenen Beziehung auf Augenhöhe lebt. Davon dürfe die Freundin natürlich nichts erfahren, man mache dies vertraulich und hinter vorgehaltener, gefesselter Hand. Neben Fremdgehen, liebesbedingter Unentschlossenheit und dem stadtbekannten „Commitment Issue“ scheint die offene Beziehung zu einer tolerierten Fratze des eigentlichen Beziehungsmodells zu werden, in dem am Ende einer immer heult.

Und geheult wird in dieser Stadt wegen Sex und Liebe doch wirklich genug. Da kann man auf einen Dreier-, Vierer- oder Fünferreigen getrost verzichten.

Die offene Beziehung scheint zu einer tolerierten Fratze des eigentlichen Beziehungsmodells zu werden, in dem am Ende einer immer heult.

Nehmen wir Justus vom Zionskirchplatz, der neben Marie noch Laura und Claire bummst. Er teilt meine Meinung nicht und geht davon aus, dass ihn Marie zustimmend mit ihren weißen Zähnchen anlächelt, während er ihr vorschlägt, „es doch mal mit anderen zu versuchen“. Mann könnte schließlich weiterhin sonntags zum Brunchen ins Einstein Stammhaus. Dabei möchte Marie eigentlich nur heulen. Weil sie Justus wirklich liebt, griechisch nur aus der Oberstufe kennt, und machmal, eher selten, zu „Ach Niko Ach“ am Ku'damm geht. Aber polyamorös, das findet sie eigentlich richtig beschissen.

Das hindert Justus, der hier leider für seine Zunft mit Namen und fiktivem Kopfkino herhalten muss, nicht daran, polyamorös rumzutindern, als hätte der Olymp keine Sperrstunde. Und in meinem persönlichen internationalen Tinder-Vergleichsmodell kann ich belegen, dass in keiner der mir in den letzten Jahren besuchten Großstädte so viel vermeintlich-multipel geliebt wird wie in Berlin.

So freut man sich als paarungsbereiter Hauptstädter über ein vielversprechendes Match, sieht sich jauchzend, Hand in Hand durch den herbstlichen Lustgarten schweben und Kürbislatte auf dem Weinbergsweg trinken, nur um dann festzustellen, dass Justus, John oder José, huch, „in einer Partnerschaft, aber wir sind cool“, ist. Natürlich. Wir sind alle cool. Zumal dieses offene Beziehungsmodell wahnsinnig vielversprechend ist, besonders im Alter zwischen 25 und 35. Wer weiß das denn nicht?!

Polyamorie ist kein Spiel, das ist Vertrauen auf hohem Niveau und Russisch Roulette für Hartgesottene.

Ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt, ich halte es für ganz großen Quatsch und eine weitere Ausfahrt – in den Gegenverkehr – aus einer Beziehung, die sich irgendwo zwischen Komfortzone und Muschi Club abspielt. Nein, niemand möchte von dir, Justus, dominiert werden, während die arme Marie halb erstickend ins Kopfkissen hyperventiliert. Polyamorie ist etwas für Experten, für Menschen, die wissen, was sie tun, und dies auch beide zu genau, exakt genau, gleichen Teilen tun wollen. Polyamorie ist kein Spiel, das ist Vertrauen auf hohem Niveau und Russisch Roulette für Hartgesottene. So kann man nur hoffen, dass Tinder bald in die nächste Phase übergeht. Bestenfalls in die Trennungsphase.

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