Alarmstufe Grün: Alle sind verrückt nach Pflanzen. Wieso eigentlich?

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Neulich war ich bei IKEA, „wegen ein paar Kleinigkeiten“, wie dieses moderne Märchen immer so schön beginnt. Ein paar Kleiderbügel, Kissenbezüge, solche Sachen. Am Ende war ich drei Stunden dort und habe etwa zweieinhalb davon in der Pflanzenabteilung verbracht. Denn ich liebe Pflanzen. Das macht man jetzt so. Man kommt im Grunde auch gar nicht drumherum. Zimmerpflanzen sind überall.

Die grüne Invasion hat vor etwa zwei Jahren schleichend eingesetzt und mittlerweile sind wir richtiggehend umzingelt. Sie hängen von Decken, überwuchern Cafétische, begrünen Klamottenläden und Büroräume. Blumensträuße gibt’s mittlerweile im Abo und Flechtkurse für Blumenkränze sind eine ernsthafte Veranstaltung, zu der erwachsene Menschen hingehen. Blumen- und Blätterprints sind auf Postern, Bettwäsche, Hosen, Rucksäcken und Handyhüllen. „Where have all the flowers gone?“, singt ein einsamer Gitarrenbarde an der Friedrichstraße in die neblige Oktoberluft. Kann ich dir sagen: Die sind alle bei mir. Sie stehen auf meinem Fensterbrett, baumeln von der Gardinenstange, harren ihres Todes in Vasen, Gläsern und Schalen. Ich bin befallen. Alarmstufe: Grün. Wie konnte das passiert? Welche existentielle Sehnsucht kompensiert der neurotische Großstädter nun schon wieder?

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Wenn wir schon den Großteil unserer Zeit inhäusig verbringen, dann soll uns das Grünzeug wenigstens ein wenig Gesellschaft leisten

„Aber das ist doch ganz einfach“, schaltet sich meine innere Küchentischpsychologin ein, „die Leute sehnen sich in ihrer betongrauen Lebenswelt nach Natur!". Siehe auch: Vollbärte, Slow Food, Urban Gardening. Klingt plausibel, aber ich recherchiere weiter. Was ist rein faktisch so toll an Pflanzen? Können die was Besonderes? Glücklich machen sie anscheinend, weil sie so hübsch sind. Und sie reichern die Raumluft mit Sauerstoff an. Damit tun sie also ungefähr das Gegenteil von Menschen und sind damit eigentlich sehr zu begrüßen.

Man könnte also meinen, mit dem Horten von Pflanzen trösten wir uns darüber hinweg, dass wir uns in unserem rasanten Leben als Homo Digitalis meilenweit von der Natur entfremdet haben. Wenn wir schon den Großteil unserer Zeit inhäusig verbringen, dann soll uns das Grünzeug wenigstens ein wenig Gesellschaft dabei leisten und uns das Gefühl geben, wir wüssten noch wie Gänseblümchen schmecken. Nach Pipi, übrigens. Ich weiß das, ich bin vom Land und bis zur Einschulung bestand meine Ernährungspyramide aus Dreck, Sand und eben Gänseblümchen. Eine direkte Verbindung von meiner grünen Kindheit zur jetzigen Obsession würde ich dennoch nicht ziehen, denn die 20 Jahre dazwischen fand ich einen Gummibaum und einen schiefen Kaktus vollkommen ausreichend auf dem Fensterbrett.

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Dabei ist es, historisch gesehen, noch gar nicht so lange her, da hat sich der Mensch mühevoll gegen die Übermacht der Natur gewehrt. Ihr mit harter körperlicher Arbeit jeden Fußbreit Ackerland abgetrotzt, mit viel Aufwand Gemüse- und Getreidesorten gezogen und geerntet, Bäume mit der Axt geschlagen und zu Feuerholz gehackt. Die unbeugsame Natur war der erklärte Feind und über sie aus eigener Kraft zu dominieren die Voraussetzung, um zu überleben. Als man sich nun im Laufe des letzten Jahrhunderts bewusst wurde, dass man mit dem eifrigen und schonungslosen Raubbau an natürlichen Ressourcen den Ast absägt, auf dem man sitzt, wurden plötzlich zumindest metaphorisch andere Töne angeschlagen. Die Natur wurde romantisch verklärt und zum Mythos erhoben, sodass ein Caspar David Friedrich sich zu schemenhaft-atmosphärischen Abbildungen von Fichtenwald und Kalksteinfelsen inspiriert fühlte.

Natur und Pflanzen sind jetzt plötzlich wieder kostbar, oder genauer: Die Zeit, die ihre Pflege beansprucht. Es ist nicht weniger als ein Statussymbol. "Schaut her, ich bin der Alltagsmühle entstiegen und habe Zeit für die schönen Dinge des Lebens! Und jetzt entschuldigt mich, ich muss noch Luftwurzeln trimmen!"

Junge schöne Menschen in jungen schönen Wohnungen mit jungen schönen Pflanzen

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Fast forward in die Gegenwart: Menschen verwandeln ihre Wohnungen in einen „Urban Jungle“, wie sie zum Beispiel in diesem Bildband abgelichtet werden. Darin sieht man junge schöne Menschen in ihren jungen schönen Wohnungen mit jungen schönen Pflanzen. Sie streichen sanft über die Blätter einer monströsen Monstera und sind ganz sagenhaft glücklich wegen all dieser Pracht. Dann lächeln sie versonnen, blicken zwischen von der Decke hängenden Lianen hinaus auf ihre mit Sonnenblumen, hüfthohem Farn und Mammutbäumen bepflanzte Dachterrasse und denken „Toll, jetzt nur noch die Tillandsien mit Wasser einsprühen und die Wärmelampe über der Calathea einschalten.“ Schließlich sterben sie einen qualvollen Tod durch zu viel O2.

Wo wir gerade von qualvollem Tod sprechen: Die meisten meiner sorgsam gehegten Pflanzen werden nicht besonders alt. Zu nass, zu hell, zu trocken – die Biester sind anspruchsvoller als "reife Haut" in der Kosmetikwerbung. Mittlerweile habe ich einen Großteil ersetzt durch genügsame Kakteen. Die sind in ihrer kargen Stacheligkeit ohnehin eine viel bessere Methaper zum grausamen modernen Leben, nicht wahr? Außerdem überfordern sie meinen zarten Indoorlungen nicht mit einer Überdosis Sauerstoff.

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