"Abandoned Berlin" entführt euch an die verlassenen Geheimplätze der Stadt

"If it's verboten it's got to be fun" – unter diesem Leitsatz erkundet der Ire Ciarán Fahey, der im wahren Leben freier Sport-Journalist ist, seit 2009 verlassene und verfallene Plätze in Berlin. Auf seinem Blog "Abandonded Berlin" sammelt er die Fotos und Geschichten seiner Erkundungstouren. Zwischen überwuchertem Schutt, abgeblättertem Putz und Graffiti entdeckt er immer wieder gruselig-schöne Flecken und kleine Fluchten in die Vergangenheit.

Ciarán recherchiert die historischen Hintergründe, ergänzt seine eigenen Bilder durch alte Aufnahmen aus Archiven und porträtiert und konserviert damit den morbiden Charme dieser blinden Flecken auf der Stadtkarte Berlins. So lebendig und spannend, dass der Guardian seinen Blog zum "besten City-Blog in Deutschland" gekürt hat.

Was war der erste verlassene Ort in Berlin, den du besucht hast?
Der Spreepark war der erste Ort und die erste Liebe. Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Mut fand, über den Zaun zu klettern, aber im Sommer 2009 habe ich es schießlich gewagt. Es war so ein magisches Erlebnis, dass ich es unbedingt mit anderen teilen musste. Seitdem gab es einige Updates zu diesem Ort und es werden sicher noch mehr kommen.

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Was gefällt dir an den verlassenen Orten? Worin liegt ihre Schönheit?
Ich mag die Aufregung, die Spannung wie bei einer Jagd, die ästhetische Schönheit der verlassenen Orte, das Gefühl, die Zeit zurückzudrehen, als sei man ein zeitreisender Detektiv auf der Suche nach Beweisen aus der Vergangenheit. Ich bin von Natur aus neugierig. Ich möchte immer wissen, was sich hinter der nächsten Ecke oder im nächsten Raum verbirgt.

Im Video stehst du vor einem "Betreten verboten"-Schild und sagst, das sei wie eine Einladung für dich. Warum?
Naja, das ist der natürliche Drang danach, etwas zu sehen, was nicht für die eigenen Augen bestimmt ist. Wenn Leute solche Schilder aufstellen, fragt man sich automatisch, was sie zu verstecken haben. Was wollen sie verbergen? Welche Geheimnisse liegen auf der anderen Seite?

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Was war bis jetzt der aufregendste Ort, an dem du warst und warum?
Das war wahrscheinlich der unterirdische U-Boot-Bunker mitten in einem Wald in Brandenburg. Früher war dort die Kommandozentrale für deutsche U-Boote während des Krieges. Die Leiter führte tief unter die Erde und der darauf folgende Tunnel führte in nichts als schwärzeste Dunkelheit. Ich bin noch nie an einem dunkleren Ort gewesen, dunkler als die Dunkelheit selbst. An den Wänden und auf dem Boden war Wasser und das einzige Geräusch war das "Tropf, tropf" von der Decke. Es war unfassbar klaustrophobisch. Ich glaubte, Stimmen zu hören und dachte an die Geister ertrunkener Seeleute.

Keine Ahnung, aber irgendwas habe ich da jedenfalls gespürt. Dann fiel mir ein, dass es draußen dunkel wurde und ich den Schacht nach oben nicht mehr sehen würde, wenn kein Tageslicht hereinfiele. Ich dachte daran, dass ich dann eingesperrt wäre. Eingesperrt mit den Geistern. Ich hörte wieder die Stimmen. Und das Tropfen wurde auch lauter. Ich beeilte mich, so schnell ich konnte, den Weg zurück zu gehen. Die Tropfen folgten mir. Endlich fand ich den Schacht. Noch nie war ich so erleichtert, aus einem Loch zu steigen.

Was hast du durch deine Ausflüge zu den verlassenen Orten über Berlin gelernt?
Ich habe eine Menge über die Stadtgeschichte gelernt und nicht nur die Dinge, die man überall so liest oder in Filmen sieht, über Nazis und all das. Ich habe vielmehr einen ganz facettenreichen Eindruck gewonnen, fantastische Geschichten, zu wild, um sie sich auszudenken, manche von ihnen tragisch und alle irgendwie miteinander verbunden durch Missgunst, Geld und Macht. Gerade die jüngere Vergangenheit ist so voll davon. Es ist ein bisschen wie ein Puzzlespiel. Ich setze immer noch die Teile zusammen.

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Welchen verlassenen Ort würdest du gerne als nächstes besuchen?
Ich habe eine Liste mit fast 90 Orten in und um Berlin, die ich noch erkunden will. Einige von ihnen sind aber gar nicht mehr verlassen – in Berlin muss man schnell sein, wenn man den Investoren zuvorkommen will. Aber ich will so viele wie möglich dokumentieren, bevor sie wieder zugänglich gemacht werden und sie ihren besonderen Zauber verlieren. Ihre Geschichten werden natürlich immer bleiben, aber sie sind irgendwie packender, wenn die Gebäude noch herrenlos sind. Letzte Woche war ich auf einem verlassenen Flugfeld in der Nähe von Hennigsdorf. Aber wo ich als nächstes hingehe, möchte ich lieber nicht verraten – das müsst ihr einfach abwarten.

Vielen Dank, Ciarán!

Neben seinem Buch gibt es auch ein Video, das in Zusammenarbeit mit dem spanischen Dokumentarfilmer Jordi Busquets entstanden ist und bei dem die Orte durch Faheys Kommentare noch einmal zum Leben erwachen:


Alle Bilder: © Jordi Busquets

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