Warum wir die kleinen Momente im Singleleben feiern sollten

Ich lernte ihn im Prince Charles kennen. Bei dieser queeren Partyreihe, die ich sonst nie besuche, weil der Druck für mich zu groß ist, dort jemanden zu finden. Hier sind fast alle schwul und fast alle Single, da muss es doch klappen. Doch eben dieses „Muss“ lässt mich nicht mutig und forsch sein, sondern versetzt mich meistens in ein paralysiertes Stadium. Wie das schüchterne Mädchen mit Brille aus den Highschool-Filmen, dass am Spielfeldrand sitzt und sehnsüchtig auf die Rettung durch den großen Basketballspieler hofft. So sitze ich auf einem Barhocker am Rand des größten Floors. Mit Moscow Mule, Kippe und dem einschüchternden „Muss“. Ich warte eine Weile und überlege, wieder abzuhauen. Dann setzt er sich einen Tisch weiter. Er schaut mich an. Und ich ihn. Nervös ziehe ich an meiner Zigarette und nehme einen weiteren Schluck. Er nimmt seinen Hocker und trägt ihn zu mir rüber. Er ist mein großer Basketballspieler.

Kriegsgeschichten aus dem Singleleben

Wenn ich mit meinen Singlefreunden in einer Bar sitze, tauschen wir Kriegsgeschichten aus. Clara erzählt dann von diesem süßen Italiener, mit dem sie im Kater Blau so wunderbar geknutscht hatte und der auf ihre Nachricht am nächsten Morgen nie geantwortet hat. Und Jakob berichtet von dem Girl, das auf Tinder so wortgewandt war und beim späteren Treffen nur nicken wollte. Meistens rangieren die Geschichten zwischen stark-deprimierend und ungewollt-komisch. Und meistens enden sie in Fragezeichen, einem ausgewachsenen Facebook-Stalking und dem „Beim nächsten Mal wird es besser!“ in Unisono. Umso schöner sind dann die Geschichten, die einfach passen. Trotz Kürze und Haltbarkeitsdatum. So wie meine Ein-Abend-Verliebtheit.

Umso schöner sind  die Geschichten, die einfach passen. Trotz Kürze und Haltbarkeitsdatum

Als ich mit meinem Basketballspieler die grundlegenden Kennenlern-Fragen durchgehe, zähle ich seine Muttermale. Von seinem Gesicht wandert mein Blick über die Oberarme. Acht. Neun. Zehn. Er lächelt, als er mich dabei ertappt, nimmt unsere leeren Drinks und geht zur Bar. Und während er sich zielstrebig an schwarzen Leggings und grauen Hoodies zur Theke schlängelt, muss ich grinsen. Ich mag ihn. Und die sechszehn Muttermale.

 

Nach einer weiteren Runde samt „Was führt dich eigentlich ins Charles?“-Fragen, die wir aufgrund der Lautstärke dem Anderen vorsichtig entgegenschreien, nimmt er meine Hand und zieht mich nach draußen. Vor dem Fotoautomaten umfasst er mein Gesicht und küsst mich. Energisch und mit Waschmaschinen-Zunge. Das macht mir heute nichts. Als wir draußen auf den Treppen tiefer ins Gespräch kommen, merken wir, dass unsere Begegnung eine Ein-Abend-Verliebtheit bleiben wird. Ihm ist es wichtig finanziell unabhängig zu sein. Ich lebe auf Elterngeld. Seine letzte Beziehung war eine offene. Ich habe Disneyvorstellungen. Er hat seine Checkliste und ich habe meine. Übereinstimmungen suchen wir vergebens. Trotzdem knutschen wir und lachen und vergessen die Welt um uns. Wir bleiben in unserer Blase aus Alkohol und Zuneigung bis die Wolken wieder lila sind.

Keine Telefonnummern, kein Facebook, keine Adressen

Mit der aufgehenden Sonne verlieren wir langsam unsere Leichtigkeit und holen unsere Mäntel von der Garderobe. Händchenhaltend laufen wir zu den Taxen, sagen „Ciao“ und wissen beide im Moment, dass wir keine Worte mehr nach diesem Abend wechseln werden. Wir haben keine Telefonnummern ausgetauscht. Kein Facebook. Und keine Adressen. Unser Abend war ein guter. Er endet.

Zurück am Single-Tisch hadert Clara weiter damit, ihren Stolz zu ignorieren und dem Italiener eine letzte Nachricht im Facebook-Massenger zu schicken. Und Jakob beschwört eine Tinder-Pause. Wir nörgeln über Typen und Mädels. Über Oberflächlichkeiten und das Berliner Singleleben. Wir bestellen eine weitere Runde und werden laut. Doch manchmal sollten wir vielleicht einfach die kleinen Erfolge feiern. Ihnen ruhig und wissend mehr Raum geben. Den Basketballspielern. Den Muttermalen. Und den Momenten, in denen wir einfach kopfaus glücklich waren.


Letztes Mal hat Julius über die Angst vorm Verlieben Gedanken geschrieben.

Titelfoto: © Matze Hielscher

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