Lieblingsort auf den zweiten Blick – Der versteckte Spielplatz am Kotti

Drei Mal ist es mir passiert in meinem Leben, das inzwischen fast dreißig Jahre zählt: Mein Herz ist vollends ausgefüllt worden.

Manchmal sitze ich in der schroffen Häuserschlucht am Kottbusser Tor und lasse mich vom Beton fest umarmen. Das zerwaschene Grau ist eine große Freiheit, finde ich. Ich schließe dann die Augen und stelle mir vor, wie sich die Wohnungen Reihe um Reihe empor zum Himmel strecken und Berlin vertikal kein Ende findet. Die Unendlichkeit lässt sich gut in Quadratmeter Wohnraum angeben, oder in den Geschichten der Bewohner, die diese Wände mit Leben befüllen und die Stadt mit Scheitern oder Lachen. Dann öffne ich vorsichtig meine Lider und schaue nach oben in das kleine Stück Himmel, das so wirkt als wäre es von den derben Gebäuden, die es umgeben, einfach ausgestanzt worden. Geplanter Wohnraum in Reih und Glied. Das Gefühl, sortiert geworden zu sein, stellt sich ein.

Im Sommer hält sich die Hitze zwischen den Wohnkomplexen bis in die späten Abendstunden, weil sich kaum ein Windchen hierher verirrt. Die Luft ist dann überladen mit opulenter Wärme und trägt das Quäken und Rauschen der unzähligen Fernsehgeräte rüber, die dort im Sommer in der großen Wärme hinter geöffneten Fenstern laufen und – gefiltert von Vorhängen und Gardinen, von dicken und dünnen Menschen, von Alten und Jungen, die davor hocken – emsig Unterhaltung in die Betonlandschaft hinauswürgen.

Die Armut und der Reichtum der Stadt

In den wenigen Metern, die man auf dem Weg von der U-Bahn-Station in die Schlucht zurücklegen muss, hat man alles gesehen: Junkies, Geschäftsleute, Verkäufer, Familien und Touristen. Obsthändler, zerfressene Arme, offene Beine und überreife Melonen. Glattrasierte Achseln, Einkaufskörbe und aufgemalte Augenbrauen. Auf einer Schulter sitzt ein Papagei. Die Beine tragen einen dabei unermüdlich weiter, mechanisch, während die Gedanken ins Stolpern geraten und sich sperrig in den kurzen Momenten, in den grellen Impressionen, verhaken. Taka’s Fischgrill bietet mir dann Flucht. Auf weißen Monoblockstühlen sitzend, auf Kirmesbänken lungernd, einen salzigen Sardinenteller essen oder eine Dorade. Das Fett der Fische zieht dann schlierig über die Zunge, die tranig in ihrer tiefroten Glätte glänzt. Dazu bitteren Rucola, Olivenöl, Zitrone, Salz und Pfeffer. Intensiv. Der Filter fehlt. Ich laufe einfach weiter.

Zentrum-KreuzbergKottbusser-Tor-GrbäudedurchgangFischladen

Die türkischen Backwaren an den Seiten bilden eine Allee für mich. Ich flaniere zwischen den Pideauslagen und halte meine Uludağ fest in der Hand umschlossen. Andere trinken Bier. Viele trinken Bier. Einige sitzen dabei, weitere fallen und manche liegen sogar nur noch. Die Autos rasen währenddessen um den zweispurigen Kreisel, hupend, um das Schreien der anderen Kraftfahrzeuge zu übertönen. Jeder versucht, der Lauteste zu sein. Derjenige mit dem meisten Recht. Der Mittelpunkt. Immerzu das unnachgiebige Heulen der Motoren. Die Ampeln, die bremsen, dämpfen und die Wut in den kleinen Wagen zum Sieden bringt. Der Kampf der Blechmassen. Das stille Beobachten des Betons. Kinder, die auf Balkonen stehen, reden, gucken oder tanzen. Die Bettler. Neben mir wird auf den Boden gespuckt. Die Armut und der Reichtum der Stadt. Einige Mädchen putzen lachend die Scheiben der wartenden Autos.

Beim ersten Mal, als mein Herz befüllt wurde, war ich gerade 18 Jahre alt und verbrachte meinen Sommerurlaub in den Bergen der Toskana. Ich lebte in dieser Zeit in einem kleinen Baumhaus mitten im Wald und vertrödelte die Nächte mit körperlicher Liebe und die Tage faulenzend zwischen den Olivenbäumen auf dem angrenzenden Hain. Dort wuchsen wilde Feigen, die ihre reifen Früchte fallen ließen, sodass die ganze Welt bei 35 Grad nach Süße duftete. Eine Libelle landet auf meinem Arm, glänzte metallisch und glättete sich seelenruhig die Gliedmaßen gerade, wie eine Marionette, die sich von ihren Fäden befreit.

Ich weiß noch, wie sich die Szenerie binnen Sekunden veränderte. Wie sich die unendliche Stille in intensives Erleben verwandelte, weil sich der Himmel zusammenzog, das Tier flüchten ließ und die Wolken weinten. Der Donner. Über die Feigenbäume und die Olivenhaine hinweg. Dann wurde es Nacht. Die Zikaden zirpten noch in der Stille. Und als ich einschlief, da glaubte ich, ich werde morgen nicht mehr aufwachen, weil ich nun alles gesehen und gefühlt hätte. Aber ich wachte auf.

Die Welt steht still und es riecht und lebt. So wie ich es auch tue.

Ein weiteres Mal erwischte mich das Gefühl auf meinem Roadtrip durch Kalifornien. Innerhalb weniger Stunden passierten wir Kakteenwüsten, die wie Mondlandschaften wirkten, Naturschutzgebiete, riesige Gebirge, kristallklare Bergseen, Surfer, Hollywood und bunte Segelboote. Ich war müde. Mein Freund lenkte den Wagen in eine breite Ebene. Die Tage zuvor hatten wir mit Streiten und Wüten verbracht. Mein Inneres fühlte sich morsch an. Porös. Die Welt schien fragil. Wir passierten die Ebene im Cabrio und dann waren da plötzlich diese Wolken. Ich bin mir sicher, dass nur wir gerade dort waren. Die letzten Menschen auf der Welt oder doch die Ersten? Ein tiefdunkles Leuchten. Mittig fiel Regen. Hinter uns die Sonne. Ich spürte, wie ich mich auflöste. Irgendwann muss ich dann zurückgekommen sein und mein Freund hielt meine Hand und aus mir heraus liefen Bäche von Tränen, weil mein Herz so gefüllt war.

In meiner Häuserschlucht am Kottbusser Tor ist es wie bei den ersten beiden Malen. Die Welt steht still und es riecht und lebt. So wie ich es auch tue. Auf dem Spielplatz herrscht vollkommene Ruhe. Das Schild sagt, Erwachsene dürfen die Turngeräte nicht benutzen, aber es ist leer dort. Zu schwer bin ich für den Kletterturm auch nicht, der ein großes Netz aus dicken Seilen aufspannt, die einen sicher tragen.

Es ist so: Es gibt diese raren Momente, in denen es sich anfühlt, als würde einem das Herz mit Bauschaum aufgefüllt werden, der dann aushärten kann und das ganze Gewebegebinde eine Zeit lang nachstablisiert, bevor es wieder leer wird – denn so funktioniert Schönheit.

Kottbusser-Tor-Spielplatz


Fotos: © Charlott Tornow

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