Sorry, Mama, Akku alle – So war das auf dem Southside Festival

© Franziska Taffelt

Letzte Woche noch habe ich mich (zu Recht) über die “neue deutsche Spießigkeit” aufgeregt, als sich eine Bekannte in ihrem Facebook-Status darüber beschwerte, dass sie zu alt sei für ein mit Anfang 20-Jährigen überfülltes Rockkonzert. Altersarroganz lehne ich ab und bin eigentlich auch nur Fotografin geworden, um dort zu arbeiten, wo andere feiern. Nun also Southside.

Zeltplatz Nr. 8 sieht aus, als sei das Festival schon vorbei.

Auf dem Weg ins Ländle, im Zug nach Tuttlingen, sitzen ordentliche, sehr gut vorbereitete Mädchen zwischen Abitur und Studium vor mir. Die haben wirklich an alles gedacht – Sonnencreme, Desinfektionsmittel, Pflaster, Brühwürfel, Neonmarker, Federohrringe, Ketten mit Peace-Anhängern undsoweiterundsofort. Ich bin sehr beeindruckt und sehr beunruhigt ob der nachwachsenden Festivalgeneration. Ist das noch Rock'n'Roll?

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Diese Sorge stellt sich jedoch als absolut unberechtigt heraus, als ich Freitag Nachmittag über einen der elf Zeltplätze Richtung Eingang laufe. Zeltplatz Nr. 8 sieht aus, als sei das Festival schon vorbei. Leere rote Bierdosen säumen die Wege und die Wiesen. Dazwischen liegen und lallen die in der Sonne, die sie ordentlich geleert haben. “Not bad”, denke ich, dafür dass das Festival vor nicht einmal zwei Stunden eröffnet wurde.

Meine nächsten zwei Tage spielen sich zwischen Spaßtrunkenheit, großartigen Anmachsprüchen (“Isch dein Vater Terrorischt?!" – ja, den gibt’s noch!) und großen Sommergefühlen ab. Die Shirts der Girls werden von Tag zu Tag kürzer, ihre Bäuche immer röter und ihr Zustand immer williger. Eine Firma bietet an, Pappschilder mit eigenen Sprüche zu basteln. Von “Free Hugs” über “Sorry, Mama, Akku leer” bis hin zu “Blow Job for Beer” ist alles dabei.

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Freizügigst inszenieren sich gerade die feierwütigen Boys vor meiner Kamera. Alle wollen sich für immer an DAS Southside 2014 erinnern. Viele essen Pommes wie im Schwimmbad. Die Schlange am Bio-Vegi-Stand ist dementsprechend kurz, vorm Riesenrad umso länger. Die Jugend kommt hier voll auf ihre Kosten. Trinkfest und exsessiv feiert sie sich selbst und ihre Freiheit.

Während ich den Bungee Jumpers zuschaue, frage ich mich, ob ich tatsächlich alt geworden bin oder ob meine Jugend einfach nicht so hoffnungslos hemmungslos war. Hier wird gefeiert und zwar als ob es kein Morgen gibt. Ein Wochenende voller Rock'n'Roll, bevor es am Montag wieder in den tristen Kleinstadtalltag zurück geht. Passend dazu wird das ziemlich gute Lineup frenetisch gefeiert und niemand vergisst, warum man eigentlich hier ist.

Ich habe eine neue Lieblingsband – Bilderbuch aus dem schönen Wien spielen ironischen, klugen Pop mit Sexappeal (ein dementsprechend kluges Interview mit Sexappeal folgt in Kürze). Zu viert haben sie dann auch ein lustiges DJ-Set im Jägermeister Gasthof gespielt, allerdings ziemlich nüchtern. Ich war überrascht. Ja, man sei viel unterwegs und habe so viel zu tun. Die Stimmung war trotzdem heiß – heiße Boys im heißen Jägermeister Gasthof. Außerdem war das Holzhaus eine gute Alternative zur ersten Reihe. Auf der Terrasse hatte man einen direkten Blick auf eine der Hauptbühnen und konnte sich die große Party mit sicherem Abstand von oben anschauen. Zwischen den Konzerten hat dort dann ein netter Jägermeister-DJ gute Hip-Hop- und Reggae-Hits aus meiner Jugend aufgelegt. Das fand ich beruhigend.

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Moderat haben ein hartes, lautes Set gespielt und wurden mit minutenlangen Zugaberufen zurück auf die Bühne gebeten. Franz Ferdinand hatten in der dunkelroten Abendsonne Grund genug, ihre Sonnenbrillen nicht abzusetzen, und Seeed haben sehr gute Choreographien in sehr schönen Anzügen performt. Das Casper-Phänomen wollte ich mir auch angucken. Da lief aber Fußball. Das hielt ich dann für spannender. Soll aber gut gewesen sein, dem Publikum nach urteilend.

Das war sie also, die Abiparty 2014. Das Festival wirbt bereits mit "dem nächsten Sommer eures Lebens". Und mir fällt Cro ein: "Bye, ich fühl mich so frei, ich will nicht mehr heim, und mir is scheiß egal, was morgen kommt, ich heb mein Glas und schrei…". Egal, wie welche Generation feiert, das Gefühl bleibt doch immer das gleiche.

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Vielen Dank Franziska Taffelt für den Text und die Fotos! Franziska hat auch die 50 schönsten Rapper für uns fotografiert. 

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