Jahresendfest statt Silvester

"Bald ist Jahresendfest - Woooohooooo!" schreit mein Sohn durch die Gegend. Das ist ein wirklich verrücktes Gefühl, denn dieses Fest hab ich mit seinem Vater zusammen für uns als eigene Tradition erschaffen. Das Ganze entstand mit der jährlichen Fragerei, was ich denn Weihnachten mache und ich immer mit 'Nix' darauf antwortete.

Auf mein 'Nix' folgten meistens verzückte Kindergesichter in erwachsenen Körpern, die mit leuchtenden Augen von den wunderbaren Gefühlen der Weihnachtszeit und all den Traditionen erzählen, die sie wie Heimlichkeiten in sich aufbewahren und auch nur zu dem einen Stichwort rauslassen. Einige meiner Freunde übernehmen diese Rituale für ihre eigene Familie und wünschen sich für ihre Nachkommen ebenfalls, dass sie Erwachsene werden, die sich an diese zauberhafte Zeit aus ihrer Kindheit erinnern. Und genau das wollte ich für meinen ehemaligen Bauchbewohner auch: Ein Fest für die Familie und die Freunde, die Freude und Vorfreude.

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Weihnachten kam für uns schlussendlich nicht in Frage. Wir haben keinen religiösen Hintergrund und ich selbst habe keine greifbare Verbindung mit diesem Fest. Dazu kommt, dass ich selbst schon immer an Silvester gerne mit einem Fazit das Jahr beendet habe. Ich mag schauen, was mir besonders gut gefallen hat, was ich im aktuellen Jahr über mich und alle anderen gelernt habe, wie sich meine Pläne verwirklichen ließen und was sich als völlig bescheuert herausgestellt hat. Ich finde es als Ritual sehr wichtig, sich und sein Leben zu reflektieren und sich Ziele setzen zu können, aus denen man auch lernt, wenn man daran scheitert. Also haben wir gegrübelt, beratschlagt und gemindmapt, wie wir das alles unter einen Partyhut bekommen. Daraus ist die Megasause des Jahres entstanden: Das Jahresendfest! Im Prinzip ist diese Feier eine symbolische und sehr verspielte Variante einer Selbstanalyse und wir haben die Möglichkeit unserem Sohn einen selbstverständlichen Umgang damit vorzuleben. Wir feiern an dem Tag am meisten uns selbst und den chancenvollen Neubeginn der kommenden 365 Tage.

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Soweit die Theorie, praktisch gesehen ist eine eigene festive Tradition zu erschaffen gar nicht so einfach, wie man sich das vorstellen mag. Vergleichbar ist das mit einer Geburt. Es gibt zwar ein grobes Grundkonzept, aber eigentlich hat man keine Ahnung, wie das genau läuft. Im Grunde haben wir uns viel bei anderen Festen abgeschaut. Wir bereiten uns den ganzen Dezember wie wild darauf vor.

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Zum Beispiel basteln wir kleine Raketen aus Klopapierrollen oder malen mit einem Kreidestift Feuerwerke an die Fenster. Seit diesem Jahr haben wir selbst gemachte Salzteig-Ornamente in Raketen und Planeten Form, die dekorativ an einem Stock über dem Küchentisch hängen und eine kindsgroße und handgemachte Papprakete zum Bespielen und davon düsen. Ich hab mich auch an DIY Spiel-Jetpacks gewagt, die zum spacigen Thema, das sich irgendwie in die Richtung verselbstständigt hat, passen. Mit all dem verlassen wir imaginär das alte Jahr und brausen inklusive unserer vorher aufgeschriebenen Wünsche, Pläne und mächtig viel Getöse ins Neue.

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Es gab zu diesem dritten Jahresendfest ganz traditionsbewusst meinen berüchtigten veganisierten überbackenen Nacho-Auflauf, den wir mit Freunden und deren fabelhaften Vulasch kombinierten. Im Laufe des Abends werden Wunderkerzen und Kinderknaller angezündet, je nach dem wie lange der Jüngste des Hauses durchhält. Für das kommende Jahresende wird jeder für sich das ganze Jahr lang Momente auf Zettel notieren, die wir dann zur Party hervor kramen und vorlesen. Ich bin jetzt schon verdammt neugierig darauf, was mein Sohn mal aufschreiben wird, wenn er schreiben kann. Ach, was ich mich wirklich auf all die anstehenden Jahresendfeste freue.

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Ich höre hin und wieder kritische Stimmen, unter anderem dass ich dem Kind etwas mitsamt dem Weihnachtsgefühl raube, aber ich erlebe gerade am eigenen Leib, dass Tradition oder eine wunderbare Erinnerung an die Kindheit genau das ist, was man selbst daraus macht. Ich mache mir eigentlich nicht viel Gedanken darum, wie andere unseren Lebensweg sehen. Ich hoffe aber trotzdem auf Offenheit und Toleranz von meinen Mitmenschen. Vielleicht sogar, dass wir andere ein wenig zum Anders- oder Eigensein inspirieren und möglicherweise zum ganz persönlichen Jahresendfest anschubsen. Generell bin ich der Meinung, dass man Vielfalt mehr wertschätzen sollte. Die wichtigsten Menschen in unserem Leben sehen uns ebenso. Dem Kind ist es übrigens völlig egal, was wir nicht-machen. Wir machen es einfach nicht, genauso wie wir eben auch nicht Chanukka oder das Zuckerfest feiern.

Allerdings war das auch mal unser ursprünglicher Gedanke, einfach alle Feste ganz interkulturell zu feiern. Stellte sich für uns als unmachbar heraus. Aber den Kalender samt erläuterndem Buch haben wir trotzdem parat. Er ist erst zweieinhalb, wer weiß, welche Fragen da noch kommen mögen. Im Moment möchte ich allen Zweiflern sagen, dass sie den Glanz in den Augen sehen sollten, wenn er 'Bald ist Jahresendfest' brüllt.

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Die Autorin dieses Textes schreibt als Brae Talon auch auf ihrem eigenen Blog und macht tolle Fotos.

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