Aus Panoramabar wird Piratenspielplatz. Was sich sonst noch ändert, wenn man Vater wird

Sonntagmorgen. Pepe und ich sind 8.45 Uhr auf dem Spielplatz an der Schaukel. Er sagt immer wieder "Noma". Nochmal. Ich stupse ihn an, während er hin und her baumelt, versuche ich auf Twitter die Nachrichten zu checken. Klappt nicht. Andere Väter trudeln mit ihren Kindern ein. Wir nicken uns komplizenhaft zu. Ein wenig müde, aber irgendwie aufgeräumt. Einen Vater kenne ich schon 15 Jahre, wir haben mit unseren Bands in Jugendzentren gespielt, jetzt streiten sich unsere Kinder um den Platz auf der Schaukel.

Pepe wurde vor wenigen Tagen zwei Jahre alt. Wenn ich mich jetzt an die Zeit erinnere, als ich mir darüber Gedanken gemacht habe, wie das denn so alles wäre, wenn man jetzt Vater werden würde, dann fällt mir auf, dass ganz wenig so geworden ist, wie ich dachte. Vor dreieinhalb Jahren hatte meine Frau Stephanie das Thema Kinderkriegen immer mal wieder angesprochen. Ich war wahrscheinlich typisch männlich unterwegs: Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich noch eine Weile warten können. Ich hatte ein wenig Angst vor der Verantwortung, vor zu viel Veränderung und auch Angst, so ein einsamer Kollwitzplatzvater zu werden. Ich war 33 Jahre alt, als Pepe Ende November 2012 geboren wurde und hatte eine ganz andere Angst: Es gab einige Komplikationen während der Geburt. Pepe lag eine Woche auf der Intensivstation. Obwohl ich dieses kleine Ding noch nicht einmal auf dem Arm halten konnte, hatte ich unfassbare Verlustangst. Heute rate ich allen Menschen, für die Geburt unbedingt in ein Krankenhaus mit einer Säuglingsintensivstation zu gehen.

Wir verlassen den Spielplatz, gehen zum Späti, holen Brötchen und ein bisschen Obst für das Frühstück. Für den Weg bräuchte man zwei Minuten, mit Pepe dauert es 15. Gerade ist er unglaublich fasziniert von Autos. Manchmal starrt er einfach ewig auf die Straße und sagt "Auuuudo", als wäre es das Allerkrasseste auf der Welt. Wahrscheinlich ist es das sogar. Wir gehen in den kleinen Späti. Ich setze ihn in den Einkaufswagen und packe die Sachen einfach auf ihn drauf. Der Verkäufer macht immer den selben Witz. "Das wird nicht billig" und zeigt auf Pepe.

In den zwei Jahren habe ich nicht ein einziges Mal gedacht, dass ich noch zu jung fürs Papasein bn. Nicht ein einziges Mal dachten Stephanie und ich, dass wir doch auch noch ein bisschen hätten warten können. Es ist genau richtig so gewesen. Ich glaube, dass diese Erkenntnis von der Natur mitgeliefert wird. Meine Eltern haben mich mit 20 bekommen und auch nie gesagt, dass sie noch zu jung waren. Die Natur macht, dass es passt.

Alles, was früher im Club beim Bier besprochen wurde, wird jetzt Sonntag um 11.00 Uhr beim zweiten Kaffee besprochen.

Die Brötchen und wir kommen endlich zu Hause an. Stephanie hat den Tisch gedeckt und die Zeit genutzt, um zu duschen und aufzuräumen. Seit Pepe im Kindergarten ist, isst er viel besser, wir müssen uns darum keine Sorgen mehr machen. Sein "Audddo" soll mit auf den Tisch. Na gut. Im Hintergrund blinkt das Handy. Eine befreundete Familie meldet sich: "Was geht?" Wir verabreden uns auf dem Spielplatz. Mit der Familie hatten wir vor der Geburt kaum zu tun. Jetzt gehört der gemeinsame Spielplatzbesuch am Sonntagvormittag schon fast zur Routine. Wir stehen dann am Rand und sprechen über neue Platten, neue Jobs, den neuen Bürgermeister. Alles, was früher im Club beim Bier besprochen wurde, wird jetzt Sonntag um 11.00 Uhr beim zweiten Kaffee besprochen. Aus dem Panoramabar ist der Piratenspielplatz geworden.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann mich das letzte Mal jemand am Freitag angerufen und gefragt hat, was denn am Wochenende so geht. Mit dem Tag der Geburt war ich raus aus der Abendplanung meiner Kumpels. Das scheint auch die Natur zu machen – hier aber bei den anderen. Ganz oft muss ich die Initiative ergreifen und das ist manchmal schon eine Überwindung, weil man natürlich weniger schläft, mehr mit sich rumträgt als früher und verlässlich früh um 7.00 Uhr Pepe am Bett steht und sagt: "Das Auuddddo ist da." Da sagt man am Abend schnell: "Schatz, lass einfach ne Folge 'Modern Family' glotzen und dann früh schlafen." Aber man muss selber raus, man muss die Leute selber anrufen, damit man kein einsamer Kollwitzplatzvater wird.

Einfach losgehen, hier in eine Bar, im Bücherladen stöbern, mal eben Freunde zum Kaffee treffen – das kriegen wir spontan jetzt nicht mehr hin. Bei uns wird dies zwei Wochen vorher in einen Küchenkalender geschrieben, so wie ihn meine Eltern auch haben. Da wir beide ein recht unregelmäßiges Leben führen, dazu noch selbstständig sind, ist das aber nicht anders machbar. Die ersten anderthalb Jahre war Stephanie zu Hause. Ich habe meistens einen Tag in der Woche frei gemacht, damit sie mal was anderes machen kann. Wenn sie am Wochenende Hochzeitsfilme dreht, kümmere ich mich um Pepe. Wenn einer von uns am nächsten Tag etwas wichtiges vor hat, oder auch, wenn er einfach mal in Ruhe schlafen will, dann schlafen wir auch mal in getrennten Zimmern. Eine Balance zu finden, ohne aufzurechnen, ohne ständig um freie Zeit zu verhandeln, ist gar nicht so einfach. Ich nehme als Bestätigung unserer Aufteilung, dass mich Pepe auch oft Mama nennt.

Elternsein ist super und anstrengend und leider beides innerhalb einer Minute.

Fertig gefrühstückt, aber leider zu spät dran. Wir wollen wieder vor die Tür, in den Park. Gerade hat Pepe bei dem Vorschlag laut "Jaaaa" geschrieen, jetzt macht er wahnsinnige Anstalten, sich anziehen zu lassen. Er rennt immer wieder weg, wirft sich auf den Boden. Stephanie hält ihn fest, während ich ihm die Schuhe anziehe. Beziehungsweise: ich es versuche.

Es gibt grummelige Menschen und lustige Menschen, manche Menschen schreien immer laut durch die Gegend, andere sitzen schüchtern in der Ecke. Kinder können all die verschiedenen Stimmungen innerhalb einer Minute haben. Gerade tanzen wir mit Pepe zu Tailor Swift durch die Wohnung, dann aus dem Nichts folgt ein Wutanfall. Alles scheiße, dein Pepe. Elternsein ist super und anstrengend und leider beides innerhalb einer Minute. Ganz oft wissen wir auch nicht, was jetzt richtig oder falsch ist und sind dann selbst ganz verletzlich. Gut gemeinte Ratschläge gießen dann noch eher Säure auf die dünne Haut. 

Zurück auf dem Spielplatz. Im Prenzlauer Berg gibt es davon ja so einige. Wenn montags im Büro von den vielen Partys in unterschiedlichsten Clubs berichtet wird, zähle ich immer die verschiedenen Spielplätze auf, die wir am Wochenende besucht haben. Um uns toben die Kids, bewerfen sich mit Sand, springen auf dem Trampolin, fallen hin. Vor drei Jahren lag ich um diese Zeit noch im Bett und meine Klamotten haben nach Zigarettenrauch gestunken. Jetzt schreit Pepe: "Noma". 

bymatzehielscher-38

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