Wie soll man mit einer Beziehung abschließen, wenn es dieses beschissene Internet gibt?

© Hella Wittenberg

In seiner Kolumne “Romeo und Julius” erzählt Autor Julius Geschichten von seiner Suche nach der Liebe in Berlin. Von schrägen Dates, gebrochenen und geheilten Herzen und der schimmernden Hoffnung, dass es den einen Romeo da draußen geben muss. Das ist Episode 10.

Erstes Bild, rahmenlose Brille: Ich wische nach links. Zweites Bild, Affe auf der Schulter: schon zu oft gesehen. Swipe. Semi-professioneller Backpacker: Nope, zu viel Campen, Bohneneintopf und Aussicht genießen müssen und sich dabei nicht beschweren dürfen. „Für zwei Wochen in der Stadt“: Nö, ich bin kein Sexdate und auch kein Touristenführer. “Techno ist mein Leben“: Meins nicht. „In einer offenen Beziehung“: Sorry, ich bin prüde. Typ „Ich besitze keine T-Shirts“: Nein. Kevin: Nein. Herbert: Nein. „Keine Fetten“: Ich hasse dich. „Nur straight-acting“: Du hasst dich. „Keine Hipster“: Okay, ciao.

„Hast du die letzte halbe Stunde überhaupt ein einziges Mal nach rechts geswipt?“, fragt mich Linda von der Seite und reißt mir das Smartphone aus der Hand „Wahrscheinlich nicht“ sage ich genervt und zünde mir in ihrer WG-Küche eine Zigarette an. „Dann suche ich jetzt für dich weiter“, sagt sie und übernimmt meinen Tinder-Account. „Besser so“ denke ich. Nach einer Weile vermischen sich die Namen, Selfies und Beschreibungen sowieso zu einem dauerlächelnden, die Welt bereisenden, immer sportlichen Cocktail, der am Ende nach fast gar nichts mehr schmeckt.

„Wie wär’s denn mit Robin, 27?“ hält mir Linda den Bildschirm euphorisch entgegen. „Nee“ schüttle ich den Kopf. „Der sieht schon so super aktiv aus. Das ist der Typ Mann, der dich jeden Samstag um 10 Uhr aus dem Bett reißt, in die Kletterhalle schleppt, damit ihr dort die Ersten seid und dich anfeuert, wenn du ein paar Höhenmeter geschafft hast. Plus, der ist bestimmt richtig unruhig beim Sex und wechselt alle paar Minuten die Stellung und will dann, dass du dich auch so viel bewegst und verbiegst und wirbelst, und du weißt ja wie sehr ich mich mit dem See-Elefanten von Urmel aus dem Eis identifiziere.“ – „Du spinnst“ sagt Linda und lacht. Sie wischt noch ein paar Mal über den Bildschirm, nippt am Rotwein, nickt, überlegt, wischt, dann pausiert sie. Zwei schweigende Minuten vergehen. Dann drei.

„Überlegst du etwa auch noch, wie Robin beim Sex wäre?“ frage ich ungeduldig, weil die Stille jetzt wirklich schon zu lange anhält „Ich wette mit dir, der ist auch noch so ein Geräuschloser, der einen ganz schrecklichen Gesichtsausdruck hat, wenn er kommt, aber dabei keinen Mucks macht.“ Linda reagiert nicht und gibt mir zögernd das iPhone zurück. Ich schaue auf das Display und aus der Stille, die gerade fast unerträglich war, wird sofort ein lautes Trommeln, weil mein Herz in doppelter Geschwindigkeit pumpt und das Pulsieren direkt in meinem Gehörgang landet. Da sind sie wieder. Zurück auf Tinder – die Husky-Augen.

Am komischsten ist es, dass es ihn überhaupt noch gibt, obwohl es ihn mit mir nicht mehr gibt. Als wäre er von den Toten auferstanden.

„Ist alles okay?“ fragt Linda, während sie mein Weinglas über den Tisch näher zu mir rückt. „Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis das passiert“ antworte ich und nehme einen großen Schluck Rioja. „Aber, ist schon komisch, oder?“ fragt sie weiter. „Ja, klar, ist das komisch. Wir hatten jetzt zwar schon über einen Monat keinen Kontakt mehr, aber es ist komisch, zu wissen, dass er auch wieder auf der Suche ist. Und am komischsten ist es, dass es ihn überhaupt noch gibt, obwohl es ihn mit mir nicht mehr gibt. Als wäre er von den Toten auferstanden“ sage ich und trinke einen weiteren, größeren Schluck Wein. „Weißt du was, Julius, wir überarbeiten jetzt mal dein Profil“ sagt Linda extra positiv. „Diese Beschreibung muss echt weg. Das liest sich fast so schlimm wie ein Wandtattoo“ fährt sie fort. „Okay“ nicke ich und swipe nach links.

Meine Instagram-Story

Zwei Tage später geht mein fremdbestimmter Optimierungsprozess mit Sport weiter. Meine Freundin Florence hat mich überredet, mal wieder mit ihr ins Fitnessstudio zu gehen. Ich war schon lange nicht mehr da. Wie lange, das merke ich erst, als wir im Eingangsbereich stehen. Das Studio gehört seit ein paar Monaten zu einer neuen Kette und wurde zum Wechsel von Grund auf umgebaut. Wenn Fitnessstudios für mich vorher schon etwas von einer anderen Welt hatten, ist das jetzt endgültig so, denn die komplette Halle sieht so aus, als hätte sich das Geschichtsbuch der 7A hier nach einer durchzechten Nacht mehrfach übergeben. Die Armee der Ming-Dynastie reiht sich an die Sixtinische Kapelle, während über die Boxen Despacito in einem Remix bechert, der bestimmt auch in der Hölle zur Folter der armen Seelen läuft. „Ich hasse alles so sehr“ rufe ich Florence hinterher, als wir uns an den Umkleiden trennen. „Ich hasse alles auch“ ruft sie zurück.

Eine halbe Stunde später treffe ich Florence an der Beinpresse wieder. „Was hast du so lange gemacht?“ fragt sie, schließlich hat sie schon 10 Minuten auf dem Laufband hinter sich. „Ich musste eine Instagram-Story machen, was sonst? Dieses Desaster muss ich doch festhalten.“ – „Hast du den Fake-Michelangelo schon gesehen?“ – „Die Decke? Das soll Die Schöpfung sein, oder?“ – „Wohl eher Der Untergang.“ Wir lachen laut heraus. „Perfekt. Das kommt direkt in die Story“, sage ich, lege mein Handtuch auf den Sitz und setze zum Pressen und Posten an.

Zum Ende des Trainings öffne ich auf dem Ergometer erneut die App, um zu checken, wie viele meiner Freunde mit mir leiden. Ich wische zu meiner Story, Slide 1, und betrachte die Views und da sind sie wieder, ganz oben – die Husky-Augen. Slide 2, ganz oben. Husky-Augen. Slide 3. Husky-Augen. 4. Husky-Augen. 5. Husky. Mein Puls steigt, ich höre auf zu strampeln und muss alles in mir zusammenhalten, nicht zu schreien. „Das muss doch ein Witz sein“, denke ich. Ein kosmischer Scherz. Irgendwo sind die Kameras, und gleich springt Ashton Kutcher auf mich zu und schreit „Punk’d“. In der gesamten Zeit unserer Fast-Beziehung haben sich die Husky-Augen nie meine Story angeschaut. Aber jetzt – jetzt sehen sie sich meine Story an, obwohl sie mich schon so lange nicht sehen wollen.
Mit dem Gedanken bricht ein ganzer Eisberg an Fragen auf mich herunter: Warum macht er das? Warum jetzt? Warum rast mein Puls? Warum kümmert es mich noch so sehr? Und wie soll man mit einer Beziehung abschließen, wenn es dieses beschissene Internet gibt?

Und so stehe ich plötzlich vor dem Spiegel der Umkleide und suche den besten Winkel für ein Selfie, der meinen Oberkörper, der dem Auenland aus Herr der Ringe gleicht, am besten in Szene setzt.

Als ich später in der Umkleide stehe, erreicht mein innerer Kampf ein neues, absurdes Level, weil das schlimmste, der David unter den Gefühlen gewinnt – die Hoffnung. Hoffnung, dass er sich das anschaut, weil ich ihm doch noch etwas bedeute. Dass er mir mit seinem Click eine digitale Hand entgegenstreckt oder wenigstens einen Finger, und dass das der Anfang unseres eigenen Michelangelo-Deckenfreskos ist. Die Wiederauferstehung ist. Und so stehe ich plötzlich vor dem Spiegel der Umkleide und suche den besten Winkel für ein Selfie, der meinen Oberkörper, der dem gemütlichen Auenland aus Herr der Ringe gleicht, am besten in Szene setzt. So, dass er doch mehr nach den von Feuer gestählten Modor-Oberkörpern aussieht, die mich umgeben. Ich schieße ein Foto, dann 22, dann lade ich eins hoch, dann lösche ich es wieder.

Ein letztes Mal

Es vergeht eine Woche, in der ich mein Leben minutiös auf peinlichste Art und Weise dokumentiere. Die Sushi-Platte im Dudu, das Entsorgen des Weihnachtsbaums im Office und diese eine Edgar-Postkarte, die wirklich keine Aufnahme wert und einfach nur geschmacklos ist. Alles wird fotografiert, mit einem halb-lustigen Spruch unterlegt und gepostet. Und alles wird betrachtet. Und mit jedem View kriecht die Hoffnung wieder hoch wie ein Virus, der die Kontrolle über seinen Wirt mit jedem Paar Augen Stück für Stück übernimmt. Das geht solange, bis es an einem Freitag das letzte Mal ist, dass sich die Husky-Augen meine Story ansehen. Ein Freitag, an dem er sein Instagram-Profil auf privat stellt und er uns endgültig auch digital aufgibt. Ein Freitag, an dem ich mich später Lichter-aus-betrinke.

Ich brauche darauf hin ein paar Wochen, um die Infektion wieder aus meinem System zu bekommen. Ich übernachte nicht bei mir, sondern bei Freunden, rauche eine ganze Schachtel am Tag und schaue mir die Golden-Globes-Rede von Nicole Kidman in Dauerschleife an und weine ein bisschen, wenn sie sagt: „And thanks to Keith Urban. When my cheek is against yours, everything melts away. And that is love.“

Ich drehe mich um, breche die Wurzeln und laufe los.

Es ist erst letzten Dienstag, dass ich Linda am Hörer habe, als ich nach der Arbeit zum Rosenthaler Platz laufe und ganz über den Damm bin. „Und, wie hältst du durch?“ fragt sie mit besorgter Stimme. „Ganz gut. Ich bin wieder auf Tinder und ich glaube, es hat echt geholfen, dass wir mein Profil gepimpt haben“ antworte ich. „Also gehst du wieder auf Dates?“ fragt sie. „Yes, ich gehe wieder auf Dates“, sage ich beruhigend und schaue nach links in das beschlagene Fenster eines Restaurants. Meine Zehen schlagen sofort Wurzel, im Reflex lege ich auf. Da sind sie wieder die Husky-Augen. Auf meinem Nachhauseweg. Genau hier, in diesem vietnamesischen Restaurant, in das er mich mal ausführen wollte. Da sitzt er und trinkt ein Bier und lacht mit Freunden. Ganz analog, ganz im Hier und Jetzt, auch wenn wieder eine Scheibe aus Glas zwischen uns liegt. Und ich bleibe stehen und betrachte ihn. So lange, bis er auch mich sieht und mich betrachtet und die Husky-Augen meine treffen. Ich atme durch, halte den Blick für einen Moment, dann nicke ich ihm zu und spreche „Ciao“ in die Berliner Kälte, obwohl er das nicht hören kann. Ich drehe mich um, breche die Wurzeln und laufe los, bereit für eine neue Baumkrone. Wir sind vorbei. Und diesmal – da sage ich Ciao – ein letztes Mal.

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