Lesevergnügen #14: 11 spannende Neuerscheinungen für den Spätsommer

© Wiebke Jann

Der Sommer ist noch nicht ganz vorbei, der Herbst klopft langsam an. Bei wärmenden 20 Grad und Sonnenschein könnt ihr euch jetzt noch draußen in den Park legen, das herrlich warme Licht genießen, dem Rascheln der bereits herabfallenden Blätter lauschen und eure eigenen Buchseiten umblättern, denn in den letzten Wochen sind nach einer Baby-Sommerpause wieder viele spannende Bücher erschienen. Die Neuerscheinungen bringen euch ein Twitter-Tagebuch von Jan Böhmermann, den Debütroman von Mercedes Spannagel, in dem sich Jugendliche gegen ein rechtskonservatives System aufbäumen, ein Manifest für eine solidarischere Gesellschaft von Max Czollek, wunderschön kuratierte Gespräche von Christoph Schlingensief, Schulstunden mit unserem Matze und Blicke in die Zukunft mit Dirk Peitz. Was lest ihr zuerst?

"Die Schule meines Lebens": Matze Hielscher

Matze sammelt Berufsbezeichnungen wie andere Clubstempel. Seit Kurzem ist eine neue dazugekommen: Autor. In seinem Podcast "Hotel Matze" trifft er sich seit 2016 mit Künstler*innen, Unternehmer*innen und smarten Typen, um herauszufinden, wie sie ticken. Und das macht er ziemlich gut, denn er schafft es, dass sich seine Gäste in seinem kleinen Hotelzimmer so wohlfühlen, dass sie ihm Dinge erzählen, die sie sonst in der Öffentlichkeit vielleicht nicht gesagt hätten. Basierend auf seinen Interviews ist jetzt sein Buch "Die Schule meines Lebens" im Piper Verlag erschienen, mit dem uns Matze weniger ein Buch als viel mehr eine Schatztruhe geschenkt hat. Eine Schatztruhe prall gefüllt mit Lebensweisheiten und Erfolgsrezepten von ziemlich außergewöhnlichen Menschen. Wir begegnen Kim Frank, der uns erklärt, dass Emotion wichtiger ist als Perfektion, Nora Tschirner, die uns sagt, dass man auch von einer guten Sache zu viel machen kann, und Dunja Hayali, die uns rät, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen.

336 Seiten | Erschienen im Piper Verlag | Mehr Info

© Piper Verlag | Suhrkamp Verlag

"Fernblick: Wie wir uns die Zukunft erzählen": Dirk Peitz

Dass wir die Zukunft nicht vorhersehen können, das haben uns die letzten Monate mehr als bewiesen. Hätte uns vor einem Jahr jemand erzählt, dass wir aufgrund einer weltweiten Pandemie in öffentlichen Räumen Mund-Nasen-Bedeckungen tragen, alle Events abgesagt und Restaurants, Clubs und Bars geschlossen werden, hätten wir das wohl nicht geglaubt. Dass die Zukunft unvorhersehbar ist, bedeutet aber keineswegs, dass wir uns nicht trotzdem vorstellen, wie sie ist. Wie sie sein könnte, wie sie auf keinen Fall werden darf oder unbedingt werden soll. Welche bahnbrechenden Technologien erfunden und welche zügig wieder verworfen werden, welche Zukunft wir uns einst ausgemalt haben, wo wir richtig oder auch ganz falsch lagen, davon handelt dieses Buch. Der Zeit-Autor Dirk Peitz startet auf der Suche nach der Zukunftsschreibung dort, wo sie für uns in den letzten Jahrzehnten stattzufinden schien: im Silicon Valley. Er trifft sich auf seiner Reise in Richtung Zukunft, die ihn von den USA bis nach China und zurück nach Berlin bringt, mit Think-Tank-Wissenschaftler*innen, Stanford-Professor*innen, Städterplaner*innen und Träumer*innen, um gemeinsam mit ihnen eine Zukunft zu erzählen.

313 Seiten | Erschienen im Suhrkamp Verlag | Mehr Info

"Kein falsches Wort jetzt": Christoph Schlingensief (hrsg. Aino Laberenz)

Ziemlich genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass der absolute Ausnahmemensch Christoph Schlingensief gestorben ist. Und nicht selten haben wir gedacht, dass uns ein Mensch wie er in den letzten Monaten sehr gefehlt hat. Nachdem zu Beginn des Jahres die sehr bewegende und geniale Dokumentation "Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien" über ihn auf der Berlinale lief, folgt nun ein Buch, das in seinem Namen veröffentlicht wurde. In "Kein falsches Wort jetzt" hat seine Ehefrau und Mitarbeiterin Aino Laberenz eine Auswahl an Gesprächen und Interviews zusammengestellt, in denen Schlingensief von seinen unzähligen Projekten erzählt und sein künstlerisches Schaffen reflektiert. Durch diese kuratierten Gespräche fühlt man sich Schlingensief und seinen Gedanken nicht nur ziemlich nah, sondern hat auch das Gefühl, dass sein einzigartiges Verständnis für künstlerisches Arbeiten wieder ein bisschen lebendig wird. Vielleicht brauchen wir seine inspirierenden Gedanken 2020 mehr denn je.

336 Seiten | Erschienen im KiWi Verlag | Mehr Info

© KiWi Verlag | Blumenbar Verlag

"Queenie": Candice Carty-Williams

2019 gewann die junge Autorin Candice Carty-Williams mit ihrem Debütroman "Queenie" den British Book Award, war Sunday Times Bestseller und ist jetzt endlich auch auf Deutsch verfügbar. Im Roman erzählt sie die Geschichte der jungen POC Queenie, die vor allem darin gut ist, sich Ärger einzuhandeln. Statt bei ihrer Zeitung über die Themen zu schreiben, die ihr wichtig sind – Black Lives Matter, Feminismus, Mental Health – vertrödelt sie ihre Zeit mit ihrem Boyfriend, der mehr zu seinem rassistischen Onkel hält als zu ihr. Doch nach dem Ende der Beziehung droht gleich die nächste Pleite: die Datinghölle. Während sie so zwischen Datinghölle und unerfüllendem Zeitungsjournalismus pendelt, beginnt Queenie allerdings, sich die wichtigen Fragen des Lebens zu stellen: Wie kann ich die Welt ein bisschen besser machen? Wie in ihr glücklicher werden? Carty-Williams ist hier eine wichtige, herzzerreißende und lustige Geschichte geglückt, die kaum mehr am Zahn der Zeit sein kann.

544 Seite | Erschienen im Blumenbar Verlag | Mehr Info

"Gegenwartsbewältigung": Max Czollek

Max Czollek ist Anfang 30, jüdisch und wütend. Nicht Steine-werfend-wütend, sondern wütend darauf, was in Deutschland für ein Integrationstheater gespielt wird. Nachdem er einen großen Erfolg mit seinem ersten Buch "Desintegriert euch!", in dem er spannende Denkanstöße zu Integration und Zugehörigkeit gab, feierte, folgt nun sein zweites Buch, das nicht weniger wütend und gleichsam lösungsorientiert ist. In "Gegenwartsbewältigung" schreibt er ein Manifest für eine plurale Gesellschaft, reflektiert die heutige Gesellschaft und zeigt ihre Probleme und mögliche Lösungen auf. Wie muss eine Gesellschaft sein, damit sie in der heutigen Zeit solidarisch sein kann? Welche Überzeugungen müssen wir dafür aufgeben und welche neuen finden wir dadurch? Max Czollek hat mit "Gegenwartsbewältigung" eines der wichtigsten Bücher des Jahres geschrieben.

208 Seiten | Erschienen im Hanser Literaturverlage | Mehr Info

© Hanser Literaturverlage | © Diogenes Verlag

"Die Welt auf dem Teller": Doris Dörrie

Essen ist viel mehr als nur genügend Nährstoffe aufnehmen und satt werden. Essen schafft Erinnerungen, ein Gefühl von Gemeinschaft, einen Weg, mit unserer Welt zu kommunizieren. In ihrem neuen Buch "Die Welt auf dem Teller" beschreibt Doris Dörrie genau das. Erinnerungen an Onigiri am Flughafen in Tokyo, ihre Liebe zu Brot, die sie seit der Kindheit hat und dass sie seit Jahren, wann immer sie kann, bei "Viet Fun" (genialer Name!) mittags eine Pho ist. Neben Reiseerlebnissen und Kindheitserinnerungen schreibt Dörrie aber nicht nur über das Essen und Genießen, sondern auch darüber, wie wir zu einer ökologischeren Ernährungsweise kommen, was jede*r einzelne tun kann und warum wir oft ein bisschen mehr Dankbarkeit zeigen sollten.
Tipp: Doris Dörrie schreibt so lecker, dass ihr das Buch besser nicht hungrig lesen solltet – oder mit genügend leckeren Snacks an eurer Seite.

208 Seiten | Erschienen im Diogenes Verlag | Mehr Info

"Dorfroman": Christoph Peters

Das Leben auf dem Dorf folgt ganz eigenen Regeln. Das wissen wir nicht erst seit Juli Zehs Roman "Unterleuten". In seinem neuen Buch "Dorfroman" beschreibt Christoph Peters, wie sich ein kleines Dorf am Niederrhein aufgrund des Baus eines Atomkraftwerks spaltet. Wie sich die Zeit nicht weiterdreht. Wie ein Dorf gefühlt für immer im Aufbruch in die neue Republik, in einer industriellen Landwirtschaft steckt und sich gegen alle Veränderungen sträubt. Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der nach Jahren zurückkehrt und erst durch eine neue Liebe lernt, dass es auch ein anderes Leben als das seiner Eltern, seines ganzen Dorfes gibt.

416 Seiten | Erschienen im Luchterhand Verlag | Mehr Info

© Luchterhand Verlag | © Econ Verlag

"Starting a Revolution": Naomi Ryland und Lisa Jaspers

Unsere Arbeitswelt braucht eine Revolution. Sie muss gerechter, sozialer, nachhaltiger und ethischer werden. Aber wie schaffen wir das zwischen kaputtem Wirtschaftssystem und fragwürdiger Start-up-Kultur? Und wer sind die Revoluzzer*innen in dieser Zeit? Naomi Ryland, die Gründerin von tbd, einer Karriereplattform für nachhaltige Jobs, und Lisa Japsers, die Gründerin von Folkdays, gehen der Sache auf den Grund und zeigen, was wir von Unternehmerinnen für die Zukunft unserer Arbeitswelt lernen können. Nachdem im vergangenen Jahr die englische Ausgabe erschien, launchen die beiden jetzt die erste Auflage auf Deutsch.

203 Seiten | Erschienen im Econ Verlag | Mehr Info

"Oberkampf": Hilmar Klute

Früher war Paris die Stadt der Liebe. Inzwischen hat Paris einige Schicksalsschläge hinter sich, die ihr diesen Ruf zwar nicht streitig machen, allerdings einige weitere hinzufügt. 2015 der Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo". Die Terroranschläge im November desselben Jahres. Kurz zuvor zieht der junge Schriftsteller Jonas Becker nach Paris, um ein Buch über sein Idol, den Schriftsteller Richard Stein zu schreiben. Die Tage verbringt er dementsprechend mit ihm, die Nächte in Bars mit seiner neuen Freundin. Alles scheint harmonisch, bis die Anschläge alle Welt erschüttern. Das schöne Leben bekommt tiefe Risse, nicht nur bei Jonas, sondern auch bei Richard Stein. Hilmar Klute schafft es, eine kluge und gleichsam witzige Brücke zwischen der Liebe, dem Zeitgeschehen, dem persönlich Erlebten und der Literatur zu schlagen.

320 Seiten | Erschienen im Galiani-Berlin Verlag | Mehr Info

© Galiani-Berlin | © KiWi Verlag

"Das Palais muss brennen": Mercedes Spannagel

Mit gerade einmal 25 Jahren schreibt Mercedes Spannagel ihren Debütroman und sorgt damit für Aufruhr in der Literaturszene. Schon der polemische Titel "Das Palais muss brennen" zeigt, dass es sich hier nicht um einen Feel-Good-Roman handelt. Sie erzählt von einer rechten Elite, die von ihren eigenen Nachkommen zu Fall gebracht wird. Luise ist die Tochter der rechtskonservativen Bundespräsidentin Österreichs und versucht das Leben ihrer Mutter mit so vielen Störfaktoren wie möglich zu pflastern. Ein Mops namens Marx zieht ein, die Jagdwaffen landen im Pool und das Teezimmer tapeziert sie mit Zeitungsartikeln, die die Verbrechen der chinesischen Regierung aufklären. Gemeinsam mit ihren Freund*innen streift sie durch Wien und gemeinsam schmieden sie Pläne, wie sie die Regierung stürzen können. Abgründig und mit tiefschwarzem Wortwitz schreibt sie eine Geschichte des Widerstandes.

192 Seiten | Erschienen im KiWi Verlag | Mehr Info

"Gefolgt von niemandem, dem du folgst Twitter-Tagebuch. 2009-2020": Jan Böhmermann

In Zeiten, in denen die Wahlen in Amerika mehr über Snapchat als über NBC verfolgt werden, klingt es nur logisch, dass nicht die Zeitungschroniken ein genaues Abbild unserer kürzesten Vergangenheit bilden, sondern die Chronik unserer sozialen Netzwerke. Mit "Gefolgt von niemandem, dem du folgst" veröffentlicht Jan Böhmermann jetzt sein Twitter-Tagebuch der letzten 11 Jahre (haben wir uns nicht ausgedacht). Er beobachtet sich und die Welt, streitet mit dem Bundesjustizminister, diskutiert mit Sido, sinniert über die Problematik Erdbeeren zu transportieren und flirtet mit Erika Steinbach. Wir können nicht nur beobachten, was die stetig wachsende Reichweite Böhmermanns mit ihm macht, sondern auch, wie sich das 2009 in Deutschland noch recht unbekannte Medium zu einem der wichtigsten Kurznachrichtendienste entwickelt. Die kuratierten Auszüge zeigen eine herrlich komische, spitze und ehrliche Chronik unserer Kulturgeschichte der letzten Dekade.

464 Seiten | Erschienen im KiWi Verlag | Mehr Info

© Kiwi Verlag
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