Wochenendväter sind für ihre Kinder nur Kumpels

© Benjamin Hiller

Jetzt geht es mir an den Kragen. Nachdem der Berliner Mietendeckel gekippt wurde, drohten mir Nachzahlungen, wie so vielen anderen auch. Allerdings wurde meine Wohnung, genauso wie 130 weitere Häuser, von einer schwedischen Immobilienfirma gekauft. Und die hat medienwirksam auf die Nachzahlungen verzichtet. Vermutlich nicht aus Altruismus, sondern weil sie Gras über den Mega-Deal wachsen lassen will, bevor sie danach die Zähne zeigt.

Dummerweise kam nun die frühere Eigentümerin um die Ecke, eine englische Immobilienfirma. Und die möchte gern Nachzahlungen für das ganze Jahr 2020. Da habe ich zwar dank Corona so gut wie kein Geld verdient. Aber natürlich wäre es ungerecht, wenn das jetzt ausgerechnet die englischen Shareholder ausbaden müssten.

Ein Spielball unbekannter Mächte aus London und Malmö

750 Euro minus an einem Tag. Da hatte ich echt schon bessere Umsätze. Bestimmt hat es andere noch viel härter getroffen. Aber trotzdem: Wenn ich nur daran denke, wie viele Austern ich mir für 750 Euro kaufen könnte! Fines de claire, mit ein bisschen Zitrone und einer Flasche Piquepoul Blanc aus dem Languedoc. Die werde ich DENEN sicher nicht in den Rachen werfen!

Aber ich will mich gar nicht beschweren. Auch wenn ich ein Spielball unbekannter Mächte aus London und Malmö bin. Denn als alter Hase im Showgeschäft weiß ich, dass es immer noch schlimmer kommen kann – und wird.

Kaum habe ich nämlich das Problem mit der Nachzahlung verdrängt, erfahre ich, dass meine Tochter aus Berlin wegziehen wird. Nach vier Jahren Wechselmodell, in denen sie die Hälfte der Zeit bei mir verbracht hat, drohe ich plötzlich zum Wochenendvater zu werden.

Es kommt immer noch schlimmer

Natürlich wurde das nicht über meinen Kopf hinweg entschieden. Ich hätte mein Veto einlegen können. Doch ihr neues Zuhause klingt einfach zu gut. Bauernhof in Meckpom, Tiere und andere Kinder, eine Schule am Meer. Noch mehr Astrid Lindgren geht wirklich nicht. Vor allem muss ich meine Tochter dann nicht mehr durchs Märkische Viertel zur Schule bringen. Wer nicht weiß, wovon ich spreche: Einfach mal mit dem Bus zur Rushhour durchs Märkische Viertel fahren. Das will man keine zwölf Jahre lang tun müssen.

Dazu kommt, dass mir Berlin in letzter Zeit nicht wie der ideale Wohnort für ein sechsjähriges Kind vorkam. Alles, was gut ist an dieser Stadt, kann man doch erst viel später genießen. Und das passt ja auch. Wenn meine Tochter mit vierzehn, fünfzehn dann anfängt bockig zu werden, kann sie wieder zu mir ins Ghetto ziehen und die Sau abgeben.

Doch wie wird es bis dahin werden? Ich will gar nicht abstreiten, dass fünf Tage Freizeit pro Woche verlockend klingen. Das habe ich mir schon manches Mal gewünscht, vor allem dann, wenn mir die Leibesfrucht allzu penetrant an der Backe klebte. Andererseits vermisse ich sie auch sehr schnell. Wenn ich sie mal fünf Tage nicht sehe, komme ich mir ganz entwurzelt vor. Ist auch kein Wunder. Denn unterm Strich ist die Beziehung zu meiner Tochter die einzig stabile in meinem Leben.

Back to normal

Mal sehen, ob ich es hinkriege. Dass bei ihr kein Umdenken einsetzt und sie in mir nur noch den Kumpel sieht, bei dem sie am Wochenende chillaxen kann. Ich habe es in der Hand. Und ich werde mir Mühe geben.

Bis dahin heißt es: back to normal. Ich kann mich schon sehen, wie ich in Unterhosen im Wohnzimmer sitze. Eine Flasche Bier in der einen Hand, in der anderen eine Zigarre, dazu Wagner-Ouvertüren in Zimmerlautstärke. Ein bisschen glorreich, ein bisschen erbärmlich. Und am Ende des Tages die Erkenntnis, dass meine Vaterschaft das einzige ist, was mich wirklich erwachsen macht.

© Grafik: Mit Vergnügen, Foto: Hella Wittenberg
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