Wochenend-Daddy zu sein, ist wie eine Fernbeziehung mit dem eigenen Kind

© Wiebke Jann

„Cool trotz Kind“ ist für alle Eltern dort draußen. Autor Clint durchläuft dafür sämtliche Lebensentwürfe. Auf drei Jahre Kleinfamilie folgten vier Jahre Wechselmodell. Nun sieht er seine Tochter Wanda* nur noch am Wochenende. Ein Alltag zwischen Sehnsucht und Großstadt-Exzessen.

Es sind keine Tropfen, sondern ganze Bäche von Schweiß, die mir in die Augen rinnen, während ich hauchdünne Gurkenscheiben um die Gänsestopfleber wickle. Mein Koch-Kollege hobelt großzügig Trüffel darüber, was mir Zeit gibt, ein Glas Champagner zu stürzen und sofort mit einem großen Schluck Bier nachzuspülen. Ein Kontrollblick aus dem Bullauge über unser Arbeitsfläche zeigt mir, dass wir gerade die letzten Datschas von Neu-Venedig passieren und gleich durch den Kleinen Müggelsee fahren werden.

Auf dem Oberdeck purzeln die alten Leute herum, die meisten haben sich bereits einen fiesen Sonnenbrand abgeholt. Obwohl es noch nicht mal Mittag ist, sind sie alle betrunken. Anlass für diese Orgie ist eine Goldene Hochzeit, der ich nun halb als Gast, halb als Hilfskoch beiwohnen darf. Vielleicht hauen wir auch alle deshalb so auf den Putz, weil wir den nächsten Lockdown wittern. Schließlich ist die Inzidenz laut Medien zuletzt wieder SPRUNGHAFT angestiegen, so etwa von 14,1 auf 14,2. Höchste Zeit panisch zu werden.

Die Flucht vor der Realität

Großer Müggelsee, Köpenick, Treptow, etwa drei Kisten Wein auf fünfzehn Personen. Schließlich legen wir neben der Jannowitzbrücke an. Das goldene Ehepaar und seine Gäste torkeln zur nächsten Feier-Location. Eine volltrunkene Prozession von Weißkopfadlern. Ich folge ihnen mit dem behaglichen Phlegma eines vom Rausch leergefegten Gehirns. Doch als meine Schuhsohlen auf dem Pflaster plötzlich schmatzende Geräusche erzeugen, reißt mich das zurück ins wirkliche Leben.

„Papa, warum ist der Boden hier so klebrig?“, hat meine Tochter Wanda vor knapp einer Woche gefragt. Da war die Welt noch in Ordnung.

„Weil wir unter einer Linde stehen. Die werfen jetzt ihren Blütenstaub ab, oder so.“

Ich habe ihr eines der Blätter gepflückt, das sich anfühlte wie mit Honig bestrichen. Und erzählt, dass ich früher auch so aussah, wenn ich tagelang Currywurst unter den Linden des Hackeschen Markts verkauft hatte.

Und dann wurde alles anders

Zwei Tage später ist Wanda mit ihrer Mutter an die Ostsee gezogen. Wir haben diesen Schritt gemeinsam beschlossen und waren seit Monaten darauf vorbereitet. Doch als Wanda und ich uns dann wirklich verabschieden mussten, ist mir doch ein Schreck in die Glieder gefahren. Das Bewusstsein, dass ab jetzt alles anders wird. Wochenend-Daddy. Eine Fernbeziehung mit dem eigenen Kind.

Seitdem dröhne ich mich gewissenhaft zu. Es ist die bittersüße Mischung aus wiedererlangter Freiheit und Selbstmitleid, die man nach jeder Trennung verspürt. Nur dass mir diese Trennung nun jeden Sonntag bevorsteht.

Es ist die bittersüße Mischung aus wiedererlangter Freiheit und Selbstmitleid, die man nach jeder Trennung verspürt.

„Mimimi“, rufe ich mich zur Ordnung. Kein Mensch mag heulende Männer. Als ich hinter der Feiergesellschaft ins gemietete Restaurant einfalle, bin ich wieder ganz unantastbarer Macho. Auch hier reihe ich mich bei den Köchen ein, bereite Langustenschwänze und Entrecôte für den Abend vor. Zwar werde ich mehrmals aufgezogen, weil ich ein pinkfarbenes Armband trage, doch das lässt mich nur selig lächeln. Das Armband hat Wanda für mich geknotet.

Kein Mensch mag heulende Männer

Der nächste Morgen beginnt dann in klassischer Junggesellen-Manier: mit dem Kopf in der Schüssel. Während ich dusche und mich rasiere, behalte ich ständig die Uhr im Auge. Ich habe um zehn ein wichtiges Date. Schließlich ziehe ich mir das letzte gebügelte Hemd an und setze mich an den Küchentisch. Genau zur vereinbarten Zeit klingelt mein Telefon.

„Papaaaa!“

„Hallo, Kind!“

„Was machst du?“

„Ich hab gerade gegöbelt. Weil ich gestern furchtbar betrunken war.“

„So betrunken wie der Mann letztens, der über die Tische gefallen ist?“

„Kann schon sein. Aber ich hab Medizin genommen, für die Nase. Damit ich nicht so schnell umfalle.“

„So wie Nasenspray?“

„Ja, so ähnlich.“

Danach erzählt sie mir von ihren Eskapaden. Vom Umzug, und welche Tiere es auf dem Bauernhof gibt, den sie nun mit ihrer Mutter bewohnt. Es ist schön, sie so reden zu hören. Natürlich ist da auch eine bohrende Stimme, die stichelt, dass man am Telefon auf Dauer keine Distanz überbrücken kann. Aber auch die Hoffnung, dass Wanda und ich die Ausnahme werden. Schließlich ist auch bald Wochenende. Und danach, nach der nächsten Woche voller Verdrängungsexzesse, kommt wieder eins. Ein ständiges Auf und Ab, im Grunde genau so, wie ich es mag. Denn glücklich zu sein, ist was für die Toten.

© Mit Vergnügen

* Name wurde geändert