Wenn man kinderfrei hat, macht man nie, was man will

© Clint Lukas

Die Kolumne „Cool trotz Kind“ ist für alle Eltern da draußen. Und für die, die es werden wollen. Autor Clint erklärt, wie ihr auch mit Kind euer Gesicht wahren könnt. Dies ist die letzte Folge vor der Sommerpause...

Kann man cool bleiben, auch wenn man ein Kind hat? Mit dieser Frage beschäftige ich mich hier seit einem Jahr. Wer aufmerksam zwischen den Zeilen gelesen hat, konnte für sich vielleicht eine halbwegs brauchbare Antwort heraus destillieren. Nun gehe ich in die Sommerpause. Auch um meiner Tochter mal Gelegenheit zu geben, in die Schule oder die Pubertät zu kommen. Keine Ahnung, was da als nächstes ansteht.

Aus aktuellem Anlass aber noch eine Sache: Vor einer Woche hat mir das liebe Kind mal wieder eine Überraschung aus der Kita mitgebracht. Bei ihr äußerte die sich nur in einem kurzen, nachmittäglichen Fieber. Ich dagegen liege seitdem mit einer Mandelentzündung im völlig verschwitzten Bett. Anfangs haben meine Lebensgeister gerade noch ausgereicht, mit zittrigen Händen die Bierflasche zu heben, um meine Dosis Penicillin zu schlucken.

Wenn Kranksein wie früher ist

In diesen Tagen, als die Seuche erstmal genüsslich die Infrastruktur meiner Existenz zerlegt hat, um sich im Anschluss ganz auf den Kern meines Wesens konzentrieren zu können, war die Mutter meiner Tochter so nett, sie außerplanmäßig zu sich zu nehmen. Ich genieße also den Luxus, mich voll und ganz auf mein Elend zu konzentrieren. Und seit es durch die Antibiotika in erträgliche Bahnen gelenkt wurde, ist das nicht mal unangenehm.

Den ganzen Tag Filme schauen, die ich seit Jahren sehen wollte; dabei Süßigkeiten und Chips in mich rein stopfen; bei aufkommender Müdigkeit einfach die Verpackungen und Essensreste vom trägen Körper wischen, sich auf die andere Seite drehen, um noch ein Stündchen an der Matratze zu horchen – genau so war es, wenn ich als Kind krank war. Und es hat durchaus seinen Reiz.

Es mag anstrengend sein, den ganzen Tag ein Kind an der Backe zu haben. Doch noch viel schwieriger ist es, die kurzen Momente von Freizeit zu nutzen.

Denn eines habe ich gelernt, seit ich Vater bin: Es mag anstrengend sein, den ganzen Tag ein Kind an der Backe zu haben. Doch noch viel schwieriger ist es, die kurzen Momente von Freizeit zu nutzen, die sich hier und da bieten. Nicht dass man Freizeit NUTZEN müsste. Die kann man natürlich auch zwecks Regeneration einfach vor der Glotze verstreichen lassen.

Seit der Trennung habe ich sowieso die halbe Woche frei, weil meine Tochter dann bei ihrer Mutter ist. Doch auch früher haben wir darauf geachtet, uns gegenseitig immer wieder mal Strohwitwertage zu schenken. Wie hab ich mich immer darauf gefreut. Vor allem im ersten Jahr, als ich noch knietief drin stand im Kinderalltag, wochenlang eigentlich NUR mit den Bedürfnissen meiner Tochter beschäftigt war. Doch am Horizont leuchtete dieser schwache Schimmer: Nächstes Wochenende fahren Mutter und Kind zu ihrer Tante. Und ich kann von Freitag bis Sonntag machen, WAS ICH WILL.

Der Plan: Ausschlafen, Kultur und Drogen

Was ich mir immer alles vorgenommen habe! Erstmal ausschlafen natürlich, richtig lange ausschlafen. Und dann auf Ausstellungen gehen, ganz viele Ausstellungen! (Wo man sich schon fragen könnte, wie man auf viele Ausstellungen gehen soll, wenn man bis in die Puppen schläft.) Und abends, HOHO, ja abends, da soll dann die Sau abgehen. Bereits Wochen vorher hab ich sämtliche Freunde darauf vorbereitet, dass es krachen muss. Hab Drogenbestellungen aufgegeben und die wüstesten Bekanntschaften damit beauftragt, nach noch wüsteren Partys Ausschau zu halten.

Ihr könnt euch denken, was an diesem Wochenende dann wirklich passiert ist. Das Ausschlafen war gegen 5.34 Uhr beendet, weil es meinen Biorhythmus einen Scheiß interessiert hat, was ich mir für drollige Szenarien römischer Dekadenz ausgemalt habe. Der morgendliche Kaffee brachte dann kurz so etwas wie Größenwahn. Doch bei der halbherzigen Recherche nach interessanten Ausstellungen, bin ich ziemlich schnell Richtung Youtube und EPIC FAIL COMPILATIONS abgedriftet. Ausstellungen, was soll ich da überhaupt?

Das Ausschlafen war gegen 5.34 Uhr beendet, weil es meinen Biorhythmus einen Scheiß interessiert hat, was ich mir für drollige Szenarien römischer Dekadenz ausgemalt habe.

Gegen Mittag nochmal ein Peak an Aktivität: Was soll ich essen? Irgendwas Geiles. Boah, ich BESTELLE mir was Geiles zu essen! Eineinhalb Stunden gieriges Surfen auf einschlägigen Lieferdienst-Seiten, nach denen ich viel zu viel bestelle. Wenn ich dann nach dem nur mäßig befriedigenden Gelage und dem anschließenden Mittagsschlaf zu mir komme, bin ich längst im Schneckenhaus-Modus. Heute geh' ich mal nicht raus, denk ich dann. Und beginne, den Freunden abzusagen. Oder mache einfach das Handy aus.

Ehe man sich versieht, ist das freie Wochenende vorbei, ohne dass irgendwas Besonderes passiert wäre. Mir ging es sogar oft so, dass ich mich Sonntag früh schon nach Frau und Kind gesehnt habe. Nicht nur wegen der Zuneigung. Sondern weil ich da wenigstens wusste, was ich zu tun habe. Der Fluch der Freiheit – mit Kind gibt es ihn nicht.

Der Fluch der Freiheit – mit Kind gibt es ihn nicht.

Inzwischen hab ich halbwegs gelernt, mit diesem Phänomen umzugehen. Konkrete Planung im Vorfeld kann helfen. Und die beruhigende Gewissheit, dass es ganz natürlich ist, in Momenten der Entspannung in den alten Junggesellen-Modus zu fallen. Aber vor allem versuche ich nicht mehr so krampfhaft, die beiden Bereiche zu trennen.

Denn das ist der Vorteil am Elterndasein. Man ist plötzlich krass organisiert. Für den inneren Schweinehund gibt es keinerlei Platz mehr. Deshalb sollte man diese Energie nutzen, und einfach MIT dem Kind in die gottverdammten Ausstellungen gehen. Oder sich mit Freunden zum Trinken verabreden. Klar, man kann das Kind nicht mit ins Sisyphos nehmen. Aber trinken kann man ja auch im Park. Oder auf dem Spielplatz.

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