Berliner am Sonntag: Unstrukturiert sein mit Manuel Möglich

© Hella Wittenberg

Der Sonntag ist heilig! Wir haben uns gefragt, was waschechte, zugezogene oder ganz frisch gebackene Berliner an diesem besten Tag der Woche eigentlich so tun? Lassen sie alle Viere gerade sein oder wird doch gearbeitet, was das Zeug hält? Sind sie „Tatort“-Menschen oder Netflix-Binger, Museumsgänger oder festgewachsen am Balkon? Brunchen sie mit Freunden oder trifft man sie allein im Wald beim Meditieren an? Wir haben bei unseren liebsten Berlinern nachgefragt.

Das sagt der Journalist und Medienmacher Manuel Möglich über seinen Sonntag

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Ist der Sonntag ein besonderer Tag für dich?

Ich schätze vor allem das Wochenende. Wenn ich nicht nur einen, sondern zwei Tage ohne Termine habe und tun kann, was ich will. Dann fahre ich raus aus der Stadt, ins Grüne zu meinem Bauwagen. Ich mag es mittlerweile mehr, den Tag zu nutzen anstatt abends feiern zu gehen.

Wie startest du in den Tag?

Es gibt ja Leute, die dann gerne lange schlafen – dazu gehöre ich nicht. Das liegt schon an meinem Hund. Aber ich lasse alles etwas langsamer angehen. Probiere spontan zu sein. Hauptsache der Tag ist möglichst unstrukturiert. Selbst wenn ich mal die Idee habe, den Keller aufzuräumen oder Pflanzen umzutopfen, passiert das doch nicht. Ich will mich nicht stressen.

Also keine Beschäftigung mit der Arbeit?

Das habe ich früher gemacht, versuche ich jetzt zu vermeiden. Verpflichtungen schiebe ich sonntags wirklich zur Seite. Ich habe realisiert, dass morgen immer auch noch ein Tag ist und es nichts bringt sofort loszupreschen. Denn es ist doch egal, auch wenn einem die Medienbranche ein anderes Gefühl vermittelt. Man darf nicht vergessen: Jeder ist ersetzbar. Durch andere gute oder teilweise nicht mal so gute Leute. Man muss sich fragen, ob man nur auf der Welt ist, um die ganze Zeit zu arbeiten oder ob man auch mal eine gute Zeit mit Menschen haben will, die einem viel wert sind und andersherum? Wenn man das für sich beantwortet, kann man entspannter leben und gleichzeitig fokussierter an Sachen herangehen.

Worauf fokussierst du dich sonntags?

Erwachsene Menschen haben ja keine Hobbys mehr wie Kinder. Selbst Sport machen die meisten nur, weil sie Angst haben, fett zu werden oder weil der Rücken weh tut. Als Kind hat man sich auch mal gelangweilt. Ich finde es total super, sich auch mal als Erwachsener aktiv zu langweilen, auch wenn das oft als Gegammel oder Zeitverschwendung angesehen wird.

Ich habe realisiert, dass morgen immer auch noch ein Tag ist und es nichts bringt sofort loszupreschen.
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Was unterscheidet den Vormittag vom Nachmittag bei dir?

Die Unterscheidung ist ziemlich marginal. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich Freunde treffe, ist nachmittags höher als vormittags.

Bewegst du dich auch mal aus deinem Bezirk heraus?

Wenn ich nicht gerade raus fahre, eher weniger. Ich will auch sonntags abends nicht noch essen gehen oder so. Sonntags bin ich schon gerne auf dem Sofa. Wenn ich mich aus Kreuzberg weg bewege, ist das mit einem Plan verbunden. Da kann ich den Teufelsberg oder die Sanddüne empfehlen. Das hat dort viel Schönes und auch Surreales. Wir haben da mal für eine „Wild Germany“-Reportage recherchiert und wer Bock auf Parkplatzsex hat, der ist auf diesen Parkplätzen rund um den Teufelsberg und in der Ecke generell goldrichtig. Zumindest war das so vor acht Jahren. (lacht) Wenn die Zeit zum Wegfahren reicht, dann lohnen sich auch immer Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Mit Paddeltour und allem Drum und Dran. Den Bogensee finde ich ja auch gut. Da muss man sich zwar zehn Minuten durch den Wald kämpfen, aber dann ist das wunderschön und richtig leer. Man muss nur ausblenden können, dass Joseph Goebbels dort einen Landsitz hatte. Ich versuche die Menschenmassen am Sonntag zu meiden. Am Sonntag auf den Flohmarkt zu gehen, würde mir nie einfallen.

Den Bogensee finde ich ja auch gut. Da muss man sich zwar zehn Minuten durch den Wald kämpfen, aber dann ist das wunderschön und richtig leer.

Wen willst du am Sonntag nicht sehen?

Es gibt einige Leute, die ich für meine Geschichten getroffen habe, die will ich dann eher nicht sehen.

Was konntest du von deiner letzten Story lernen, als du über die Polizei berichtet hast?

Ich bin niemand, der die Polizei verteufelt. Wenn bei mir eingebrochen wird, rufe ich da an. Im Zuge des Films wurde mir aber klar, dass die Polizei in Deutschland nicht so fest mitten in der Gesellschaft verankert ist, wie sie sich gerne präsentiert. Mehr Transparenz erscheint mir bei der Behörde wichtig und eine Fehlerkultur zu etablieren.

Wie schaffst du es, die Schicksale und Probleme aus deinen Reportagen für das Y-Kollektiv und Rabiat oder früher bei „Wild Germany“ nicht mit ins Private zu nehmen?

Ich habe meinen Zivildienst auf der Domplatte in Köln bei einer Notanlaufstelle gemacht, an der Junkies Spritzen tauschen konnten und heiße Suppe bekommen haben oder auch Kleidung. Der erste Monat war hardcore. Ich sah 17-jährige Mädchen, die seit zwei Jahren auf den Strich gingen, um sich einen Schuss setzen zu können. Mit der Zeit habe ich aber ein Gespür für die Leute entwickelt, sie auch für mich und dann wurde alles irgendwie normal. Ich habe verstanden, dass ich die Sachen auf der Arbeit lassen muss, wenn ich nicht vor die Hunde gehen will. Die Welt kann ich nicht komplett verändern. Ich kann aber dennoch versuchen, sie etwas besser zu machen. Meinen Beitrag leisten, um stückweise etwas zu bewegen.

Ich habe verstanden, dass ich die Sachen auf der Arbeit lassen muss, wenn ich nicht vor die Hunde gehen will.
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Du lässt auf jeden Fall zuvor Unsichtbares sichtbar werden. Das bringt sicher auch einiges an Verantwortung mit sich, oder?

Gerade erst hatte ich eine Person am Telefon, die mir sehr wirr ihre Erlebnisse mit der Polizei erzählte und die das Gefühl hat, bald nicht mehr unter uns zu sein. Das ist schlimm und krass, ob das nun stimmt oder nicht. Aber ich bin trotzdem nicht der richtige Ansprechpartner. Das Vertrauen in mich weiß ich natürlich zu schätzen, aber ich bin eben Journalist und Medienmacher und kein Psychologe. Wenn ich für alle komplett da sein wollte, müsste ich mich selbst ganz aufgeben.

Trotzdem verbringst du viel Zeit mit deiner Arbeit.

Es gibt so viele relevante Themen und Geschichten, die ich gerne noch erzählen will. Ich finde, Journalismus ist im Zeitalter der sogenannten Lügenpresse super wichtig. Auch im Kontext von Influencern und Youtubern, die zwar keine Journalisten sind, sich aber manchmal dafür halten, verschwimmen in der Außenwahrnehmung immer mehr die Grenzen. Es ist ein gutes Gefühl etwas Sinnstiftendes zu machen.

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