Artvergnügen – Unsere 11 Kunsttipps für den November 2019

© Dachroth + Jeschonnek, Lichtvolumen II, 2017

Form follows function wurde zum Leitsatz der Bauhaus-Schule; ein Objekt soll in laut diesem Verständnis von überflüssigem Schnickschnack befreit sein. Trifft der Leitsatz auch auf Kunst zu? Ich versuche ja bewusst jene für euch auszusuchen, die eine aufklärerische Funktion hat. Trotzdem zeigt sich bei den folgenden Empfehlungen wieder, dass Kunst manchmal auch einfach nur gut aussehen und unterhalten kann. Sie lädt aber auch ein, sich mit der Motivation und Forschung des Künstlers oder der Künstlerin auseinanderzusetzen, um Bedeutungsebenen zu verstehen. Das empfehle ich stark bei den Filmen von Stan Douglas und Bjørn Mehlhus sowie den Skulpturen von Jose Dávila. Kunst kann schön sein und dabei funktionaler, als man ihr oft unterstellt.

1. Jose Dávila in der König Galerie

Es ist ein wackliger, fast schon unmöglicher Akt, wie die Steinkörper aufeinander balancieren. Bei Jose Dávilas Strukturen stützen sich Basal- und Vulkanstein, Kalkstein und Beton gegenseitig, machmal durch ein Ratschenband zusammengeschnallt. Die spannungsgeladenen Arrangements können in allerlei Arten gelesen werden: als Referenz auf das menschliche Bedürfnis zu konstruieren oder als utopische Ideale. Sie sind aber auch schlichtweg wunderbare Skulpturen und dabei äußerst dekorativ.

König Galerie | Alexandrinenstraße 118–121, 10969 Berlin | bis 20.12. 2019 | Dienstag – Samstag: 10–18 Uhr, Sonntag: 12–18 Uhr 

Jose Dávila, The Moment of Suspension, König Galerie, Ausstellungsansicht © Roman Maerz

2. Stan Douglas bei Julia Stoschek Collection

Der Splicing Block beschreibt ein Werkzeug zum Schneiden und Zusammensetzen von analogem Bild-und Tonmaterial. Wenige beherrschen die Technik, die Orte und Zeiten nahtlos ineinander übergehen lässt, aber Stan Douglas gehört zu ihren Meistern. Seit den späten 1980ern gilt Douglas als einer der bedeutendsten Vertreter zeitbasierter Medienkunst. Für seine Ausstellung wurden Werke ausgesucht, in deren Mittelpunkt die Beziehung zwischen Musik und Gesellschaft steht. Die gezeigten Videos und Fotografien sind darüber hinaus eine Reflexion über die Medien selbst: Die, wie auch Stan Douglas, spielen perfekt das Spiel zwischen Realität und Fiktion.  

Julia Stoschek Collection | Leipziger Straße 60, 10117 Berlin | 02.11.19 – 01. 3.2020 | Künstlergespräch mit Stan Douglas und Diedrich Diedrichsen: 1.11.19, 18 Uhr | Samstag und Sonntag: 12–18 Uhr | Eintritt: 5 Euro

Stan Douglas, Two Friends, 1975, 2012. Courtesy of the artist, Victoria Miro and David Zwirner.

3. Berlin Science Week bei State Studio

Während der Berlin Science Week lädt das STATE Studio Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und andere Kreative zum Austausch ein. Diese Begegnungen sind extrem wichtig, in einer Zeit, da die Disziplinen Forschung, Kultur und Wirtschaft weiterhin zu oft isoliert voneinander existieren, obwohl doch viele Ansätze, beispielsweise zum Thema AI, von Künstler*innen längst erforscht wurden und auf eine wirtschaftliche Anwendung warten. Anlässlich der Science Week könnt ihr einer entsprechenden Diskussion zwischen Künstler*innen und dem Fraunhofer Institute lauschen und euch außerdem die raffinierte Lichtskulptur Lichtfelder von Dachroth + Jeschonnek ansehen.

State Studio | Hauptstraße 3, 10827 Berlin | 1.11.19, 18 Uhr | Diskussion: 18:30–19:30 Uhr, gefolgt von einer Party

© Dachroth + Jeschonnek, Lichtvolumen II, 2017

4. Bjørn Melhus im Kindl

Bjørn Melhus' Filme sind visuell und mit Bedeutung voll gepackt – und sich selbst packt er auch direkt mitten rein. Seine Filme überzeichnen Motive und Strategien der Massenmedien und reflektieren deren Einfluss auf unsere heutige Gesellschaft. Aus Audiofragmenten der Pop- und Kinokultur entspinnen sich Narrative, die Phänomene der heutigen Zeit – beispielsweise die Eitelkeit und Affektiertheit der Kunstwelt – zu 100% auf den Kopf treffen. Humor hilft dabei gegen das Vergessen. In "The Theory of Freedom?" warten beispielsweise Miss Independence und Mister Freedom auf das apokalyptische Ende. Zeilen aus US-Blockbustern, neoliberale Texte, biblisches und philosophisches Gedankengut, all das in einem Leichenschauhaus choreographiert kreieren ebenso düstere wie eindringliche Aufnahmen. Großes Kino. 

Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst | Am Sudhaus 3, 12053 Berlin | bis 16.2.2020 |  Mittwoch– Sonntag: 12–18 Uhr | Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro

 

Björn Melhus, Free Update, Ausstellungsansicht KINDL © Björn Melhus / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019. Foto: Jens Ziehe

5. Nicholas Warburg bei Galerie Anton Janizewski

Über einem Teller Pasta verfingen wir uns neulich in einer Ost-West-Diskussion: Wie beeinflusst die damalige Wiedervereinigung Deutschlands die heutige politische Gesinnung? "In der dominanten Geschichtserzählung ist die Rede von der großartigen Wiedervereinigung, über die sich alle freuen, aber ich möchte in diesen Jubelchor nicht einstimmen", äußert der Künstler Nicholas Warburg bei gallerytalk.net. In seiner Ausstellung führt er Objekte der BRD mit ihrer besonderen Ästhetik zusammen. Das führt uns vor, wie sehr sich auch die BRD von damals gewandelt hat, seitdem sie sich das "Drüben" einverleibt hat.

Galerie Anton Janizewski | Goethestraße 69, 10625 Berlin | bis 12.11.19 | Samstag & Sonntag: 12–18 Uhr

6. Meret Oppenheim bei Alexander Levy

Ein Saucier, eine Tasse und ein Löffel aus Fell. Das flauschige Set ist euch sicherlich mal irgendwo begegnet; hoffentlich nicht im Café, sondern im Museum oder Kunstunterricht. Das "Déjeuner en fourrure" oder zu deutsch "Lunch in Fell" von Meret Oppenheim wurde zum Inbegriff des Surrealismus. Oppenheim forderte damit ein Nachsinnen über die Rolle der Frau – Pflichterfüllung im Haushalt meets Verführung im Pelz. Für die Ausstellung "X=Hase" hat die Galerie Alexander Levy Arbeiten der legendären Berlinerin gewählt, die sich der Vernunft entziehen. Oppenheim fragte sich als Kind, wo denn die Hasen in der Mathematik bleiben, wenn es doch Wurzeln gibt und zeichnete die Gleichung X=Hase ins Schulheft. 

Galerie Alexander Levy | Rudi-Dutschke-Straße 26, 10969 Berlin | bis 20.12.19 | Eröffnung: 02.11.19, 19–21 Uhr | Dienstag–Samstag: 11–18 Uhr 

© Alexander Levy

7. Laure Prouvost bei carlier | gebauer

Der französische Pavillon von Laure Prouvost auf der diesjährigen Biennale in Venedig zählte eindeutig zu den besten. Die Dramaturgie des Raumes, vom Moment des Betretens bis zum Verlassen und darüber hinaus, war überwältigend. Man fand sich in einer absurden Parallelwelt wieder, in der man allerdings mit sehr realen Problemen konfrontiert wurde: der Klimawandel. Bei carlier | gebauer erschafft Prouvost nun mit Elementen des Pavillons eine Oase zum Ruhen, Entspannen, Reflektieren und Erinnern.

carlier | gebauer | Markgrafenstraße 67, 10969 Berlin | bis 23.11.19 | Dienstag–Samstag: 11–18 Uhr

Foto: Verena Schwarz

8. The Long Term You Cannot Afford bei Savy Contemporary

Wir leben in vergifteten Umgebungen. Aufgrund struktureller Unterschiede allerdings triffen manche die Folgen der Ausbeutung – materiell in Form von Rohstoffen, Pestiziden und Chemikalien, politisch in Form dahinter liegender Prozesse –  härter als andere. "The long term you cannot afford" zeigt durch die Arbeiten internationaler Künstler*innen die Ausprägungen und Symptome jenes Zustands. 

Savy Contemporary | Gerichtstraße 35, 13347 Berlin | bis 01.12.19 | Donnerstag–Sonntag: 14–19 Uhr

Nona Inescu. Vestigial Structures © Hannes Wiedemann

9. original bauhaus in der Berlinischen Galerie

Das Bauhaus-Jahr neigt sich dem Ende. Davor stößt die Berlinische Galerie aber noch mal einen Denkprozess an. Neben 1000 Objekten werden 14 Schlüsselobjekte ausgestellt, die Fragen in den Raum werfen: Wie wurde die Sitzende im Stahlrohrsessel zur berühmtesten Unbekannten des Bauhauses? Wieso blieb Marianne Brandts Tee-Extraktkännchen, als Prototyp für die Industrie geschaffen, immer Unikat? Die Ausstellung „original bauhaus“ beleuchtet die Untrennbarkeit von Unikaten und Serien, von Remakes und Originalen in der Geschichte des Bauhauses.

Berlinische Galerie | Alte Jakobstraße 124 – 128, 10696 Berlin | bis 27.01.2020 | Mittwoch – Montag: 10–18 Uhr

Sitzende mit Bühnenmaske von Oskar Schlemmer im Stahlrohrsessel von Marcel Breuer, um 1926. Foto: Erich Consemüller, Bauhaus-Archiv Berlin / © Dr. Stephan Consemüller

10. Lawrence Abu Hamdan im Hamburger Bahnhof

Lawrence Abu Hamdan bezeichnet sich als audio investigator, das heißt, er erforscht über das Medium Sound und oft in Zusammenarbeit mit Menschenrechtsorganisationen, die politische Dimension von Sprache und Kommunikation. Für "This whole time there were no landmines" (2017) sammelte Hamdan Handyaufnahmen, die während Protesten im Mai 2011 auf den Golanhöhen entstanden; dort tobte jahrzehntelang ein Besitzstreit zwischen Syrien und Israel. Kürzlich wurde der britische Künstler für den renommierten Turner Prize der Tate Contemporary nominiert – ein Ritterschlag in der Kunstwelt. 

Hamburger Bahnhof | Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin | bis 09.2.2020 | Dienstag, Mittwoch, Freitag: 10–18Uhr, Donnerstag: 10–20 Uhr,  Samstag, Sonntag: 11–18 Uhr | Freier Eintritt an jedem ersten Donnerstag im Monat dank Volkswagen Art4All

Lawrence Abu Hamdan, Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof © Hamburger Bahnhof

11. Tomás Saraceno bei Esther Schipper

Tomás Saraceno ist einer dieser Popsternchen des Kunsthimmels. Seine Arbeiten haben Tiefe und sind wissenschaftlich fundiert. Zugleich schafft der Argentinier Spektakel für die Masse: er bringt uns in zig Metern Höhe, den Boden unter den Füßen verloren, zum Zittern. Er bringt uns auf Augenhöhe mit Spinnen und deren  faszinierenden Architekturen. Das Netz ist Saracenos bevorzugte Form, der Schritt zum Algorithmus deswegen kein großer. Algo-r(h)i(y)thms ist seine neueste Arbeit, die nun vom Palais de Tokyo, Paris, zu Esther Schipper zieht. Um Lautsprecher, Subwoofer und Licht erweitert er bisherige Ansätze um weitere Lagen der Sinneserfahrung und Interaktion durch den Besucher.

Esther Schipper | Potsdamer Straße 81E, 10785 Berlin | 16.11.19 – 21.12.19 |
Dienstag–Samstag: 11–18Uhr

Tomás Saraceno, ON AIR, Palais de Tokyo, Paris, 2018. Courtesy the artist; Andersenís, Copenhagen; Esther Schipper, Berlin; Pinksummer Contemporary Art, Genoa; Ruth Benzacar, Buenos Aires; Tanya Bonakdar Gallery, New York © Andrea Rossetti
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