ARTVERGNÜGEN #46 – Im Fokus: Ostkreuzschule, Ostkreuz-Agentur und Julian Röder

Das Ostkreuz, und damit meine ich nicht den Berliner Bahnhof, begegnet uns im Alltag vielerorts, durch Ausstellungen oder in Artikeln beispielweise. Vor diesem Interview dachte ich, ich könne eine Geschichte erzählen von Studenten, die sich nach ihrem Abschluss aufmachten, auf eigenen Beinen zu stehen, die eine Agentur gründeten, die bis heute ein Qualitätsversprechen ist. Damit lag ich aber voll daneben. Ostkreuz funktioniert zwar als Marke – “manche Schüler sagen, sie seien bei Ostkreuz, was so verstanden wird, als seien sie bei der Agentur. Mit dem Namen kommt man nun Mal leichter bei Bildredaktionen rein” – aber im Grunde gibt es eine klare Trennung zwischen den beiden Institutionen. Die Laufbahn des Fotografen Julian Röder begann noch während seines Stimmbruchs bei der OSTKREUZ-Agentur. Heute wird er als erfolgreicher Fotograf von selbiger vertreten. Von ihm erhoffe ich mir eine Antwort auf die Frage: Was steckt hinter der Marke Ostkreuz?

Die parallelen Lebensläufe von Julian Röder, OSTKREUZ-Agentur und OSTKREUZSCHULE
“Angefangen hat meine Laufbahn 1998 mit einem Praktikum und schließlich einer Ausbildung bei der OSTKREUZ-Agentur, bevor es die Schule überhaupt gab. Gegründet wurde erstere 1990 von sieben Ost-Fotografen: Ute und Werner Mahler, Harald Hauswald, Sibylle Bergemann, Harf Zimmermann, Thomas Sandberg, Jens Rötzsch. Mit der Wende kam die neue freie Marktwirtschaft, mit ihr der Kapitalismus und damit die Frage, wie man sich in diesem System orientiert. Bewusst nach dem Vorbild von Magnum hat man sich als Kollektiv zusammengeschlossen.”

Heute vertritt die Agentur 18 Fotografen diverser Sparten, aber primär mit dokumentarischem und journalistischem Fokus.

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© Dawin Meckel / OSTKREUZ, aus: "ÜBER GRENZEN"(2012)

Die OSTKREUZ-Agentur
“Die Agentur begreift sich als Netzwerk von Fotografen die versuchen, zusammen Projekte zu machen, eine gemeinsame Haltung vertreten und die ein ähnliches Interesse an der Welt haben.” Neben der klassischen Agenturleistung, das heißt die Vermittlung ihrer Künstler, ist ein Hauptanliegen die Organisation gemeinsamer Ausstellungen, oftmals mit aktuellem gesellschaftlichem Bezug, wie aktuell mit einer Ausstellung im c/o oder 2012 mit “Über Grenzen” und 2013 “Ostwärts” im HKW.

Die OSTKREUZSCHULE
“2001 eröffneten Jörn Vanhöfen, Werner Mahler, Maurice Weiss und Arno Fischer die Schule für Fotografie am Schiffbauerdamm. Die Wohnung von Arno Fischer und Sibylle Bergemann war schon damals ein Zentrum für Fotografie; wenn Henri Cartier-Bresson zu Besuch war, saß er auf deren Sofa. Später gründete Jörn Vanhöfen die Neue Schule für Fotografie und Werner Mahler und Thomas Sandberg die OSTKREUZSCHULE für Fotografie.“

Ostkreuz-Fotograf Julian Röder
Julian selbst wird seit seiner Ausbildung von der Agentur vertreten. Gegen Ende seiner Ausbildung wurde eine von Julians Serien für die World Press Masterclass nominiert. “Ich hätte damals als Bildjournalist durchstarten können, hatte aber Skrupel damit, mit Bildern vom Elend der Welt die Leerstellen zwischen Anzeigen zu füllen. Darum habe ich mich entschieden noch einmal zu studieren an einer Schule, mit einem etwas konzeptionelleren Herangehen. Nun bin ich zwischen den Polen gelandet von angewandter und konzeptionell dokumentarischer Fotografie.” Es blieb nicht bei dieser einzigen Auszeichnung. Julians “Waffen für Arabien” sind beispielsweise mit Lead Award-Silber überzogen. 2012 wurde die für das ZEIT-Magazin geschossene Serie mit dem schillernden Preis ausgezeichnet. Es sind Aufnahmen einer Waffenmesse in Arabien, draußen blühte zu der Zeit der Arabische Frühling (Zeit Magazin Nr.14). “Die Auszeichnung hat tatsächlich eine Flut neuer Aufträge gebracht…Job, Job, Job,…und plötzlich nichts mehr”, gibt er lachend zu. Er hat gut lachen, weil: momentan wieder ausreichend zu tun.

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© Julian Röder, “World of Warfare”(2012)

JULIAN ÜBER FOTOGRAFIE

Wie bewertest du  die heutige Position der professionellen Reportagefotografie?
“Es besteht definitiv die Idee einer Reportagefotografie, die abbildet wie die Welt ist. Das ist aber total Hanebüchen, weil Objektivität ab dem Moment nicht mehr gegeben ist, in dem man sich entscheidet, was man abbildet, für eine Perspektive und die Belichtungszeit. Dennoch handelt es sich um Dokumentarfotografie im Verständnis eines Dokuments: man findet Bilder für einen Zusammenhang. Die Bearbeitung am Ende ist dann noch ein zusätzlicher Kommentar und eine Überspitzung der fotografischen Aussage. Ich glaube eben, dass man Thematiken durch eine Ästhetik kontextualisieren kann. Je nachdem in welcher Darstellungsweise man ein Thema bearbeitet, eröffnet man neue Verbindungen. In der “Mission and Trust”-Serie wird das besonders deutlich. Darin geht es um Schutzmechanismen der EU Außengrenze. Das Eurosur-Projekt der EU ist ein weitreichendes High Tech-Überwachungsprogramm. Die Ästhetik meiner Bilder ist bewusst eine werbliche: die Grenzbeamten wurden zwar hingestellt und ausgeleuchtet, aber an den echten Schauplätzen. Ich hoffe dass die Überästhetisierung ihrer Geräte und die übertrieben abgebildete Stärke des Frontex-Typen als Ironisierung funktioniert. Würde die Firma die Bilder beauftragen wären die Fotografien sicherlich beiläufiger und menschlicher."

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© Julian Röder “Mission and Trust”(2013)

Und wieso machst du überhaupt Dokumentarfotografie?
"Ich denke dass ich aufgrund meiner Biografie sensibel bin für gesellschaftliche Vorgänge. Als Wendekind habe ich mitbekommen wie sich etwas ganz plötzlich verändern kann, woran man sonst nie gedacht hätte. Und man fragt sich, ob man die Widersprüche, die in der Luft liegen hinnehmen soll, oder resignieren. Ich will kein Elend zeigen, sondern mir das anschauen und auf den Punkt bringen."

Eine kurze, aber große Frage zum Abschluss: Was ist der Wert der Fotografie?
"Fotografie ist immer eine Auseinandersetzung mit der Welt. Früher war sicherlich mehr technische Faszination und Interesse mit der Fotografie verbunden, als man noch in Bädern gepanscht hat, als das alles noch spannender war. Dass man heute 70% der Zeit in den Rechner starrt, das hätte ich nicht erwartet."

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© Julian Röder, “Selfie mit Verena im Hintergrund”(2013)

Zur Ergänzung und Verbildlichung empfehle ich SIEBEN - Abschlussausstellung der Ostkreuzschule für Fotografie. Den 7. Abschlussjahrgang der Ostkreuzschule zieht es in diesem Jahr in die wunderbaren Uferhallen im Wedding und präsentiert dort 25 Arbeiten, die ganz in Tradition der Schule künstlerisch frei und ohne Scheu vor sozialen Themen sind.

SIEBEN ist vom 26. Oktober - 8. November, Mo - Fr von 14 - 21 Uhr, Eröffnung: 25. Oktober um 19 Uhr in den Uferhallen Wedding, Uferstraße 8-11, www.sieben-ausstellung.de

Titelfoto © Julian Röder, “Summits”(2012)

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