Zwischen Einbauküche und Lounge-Möbeln: Wie spießig bin ich wirklich?

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Neulich hatte ich Besuch von einem Freund, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe, aber schon sehr lange kenne. Er kennt alle WGs, in denen ich gewohnt habe, wir haben unzählige Partys zusammen gefeiert und sind meistens mit einer Gruppe Menschen, die wir in der vergangenen Nacht aufgegabelt haben, zur geselligen und manchmal auch wilden After Hour auf meinem Sofa gelandet. Das waren noch Zeiten, sage ich euch.

Diesmal saßen wir auch wieder auf meinem Sofa, nur nicht zur After Hour, sondern am Samstagabend um 19 Uhr mit einem üppigen Antipasti-Teller vor uns auf dem Tisch und mit Musik in moderater Lautstärke im Hintergrund. Wir saßen allerdings nicht mehr auf meinem roten Studentinnensofa, das zum Schluss gar nicht mehr rot war, sondern auf meinen neuen, hellgrauen Lounge-Möbeln, die ich mir Anfang des Jahres für nicht gerade wenig Geld gekauft habe.

Fingerfood und Naturwein statt After Hour

Bevor ich den Wein – ein guter Naturwein, den ich im Kiezladen um die Ecke gekauft habe – öffne, habe ich die Gläser auf Untersetzer gestellt und den Freund gebeten, noch einmal kurz aufzustehen, damit ich eine Tagesdecke über meine neue Couch legen kann.

"Äh, was passiert hier gerade?", fragt er mich ganz entsetzt.

"Damit da keine Flecken drauf kommen. Da wäre so ärgerlich auf dem neuen Sofa", erkläre ich.

"Seit wann bist du unter die Spießer gegangen", lacht er mich ein bisschen aus.

"Also bitte. Ich eine Spießerin? Niemals", rechtfertige ich mich.

"Doch, bist du. Sowas hättest du früher nie gemacht. Aber ist schon okay, du bist immerhin eine sympathische Spießerin", versucht er die Situation zu retten.

Pah, was fällt dem eigentlich ein, dachte ich und habe mich ehrlicherweise sehr über seine Worte geärgert in dem Moment. Vielleicht fühlte ich mich aber auch ein bisschen angegriffen. Oder fühlte ich mich ertappt?

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Ich eine Spießerin? Auf keinen Fall. Ich würde eher sagen, ich habe in meinem Leben bisher alles dafür getan, um alles zu sein, bloß nicht spießig. Spießig sein heißt schließlich uncool sein – und das will ja nun wirklich niemand. Ich sah mich immer als ein bisschen aufmüpfig, wollte niemals stromlinienförmig sein, sondern lieber punk und von diesen minimalistisch-schicken Haushalten, in denen es nie unordentlich ist und immer alles an seinem Platz steht, habe ich noch nie etwas gehalten. Das war der Inbegriff von Spießbürger*innentum für mich. Mein Motto lautete daher eher: "Das Genie überblickt das Chaos."

Aber Moment mal, habe ich da neuerdings wirklich Untersetzer auf meinem Tisch und eine Decke, die ich über mein Sofa lege? Sind Flecken auf meinen Möbeln mein neuer Endgegner? Der Freund hatte mich tatsächlich erwischt, nämlich dabei, wie ich wohl oder übel zu einer kleinen Spießerin geworden bin. Ich überlegte, wie und wann das passiert sein und woran man das wohl noch ausmachen könnte. Oder war das mit dem Sofa vielleicht nur eine Ausnahme?

Aber Moment mal, habe ich da neuerdings wirklich Untersetzer auf meinem Tisch und eine Decke, die ich über mein Sofa lege? Sind Flecken auf meinen Möbeln mein neuer Endgegner?

Spoiler: War es nicht. Ich habe ziemlich schnell noch ein paar mehr Dinge gefunden, die den von mir einst so verhassten Satz "In jedem von uns steckt ein*e Spießer*in" vermutlich bestätigen. In diesem Text habe ich bereits erzählt, dass ich seit einiger Zeit nicht mehr so häufig feiern gehe, sondern immer öfter dem Freitags-Couch-Blues samt Netflix verfalle und mich stattdessen darüber freue, am Samstagmorgen auf den Wochenmarkt zu gehen.

Ich verabrede mich mit einer Freundin dort, wir kaufen zusammen frisches Bio-Gemüse und Sauerteigbrot ein, trinken erst einen Kaffee und dann noch einen frisch gepressten Orangensaft. Nach unserer Runde halten wir noch bei unserem Blumenhändler des Vertrauens an. Und so laufe ich am Nachmittag mit meinem Körbchen voller Gemüse, Brot und einem Blumenstrauß nach Hause. Hätte mir eine*r das vor zehn Jahren prophezeit, als ich morgens um zehn noch auf meiner roten Couch auf der After Hour abhing – ich hätte mich kringelig gelacht.

© Daliah Hoffmann-Konieczka

Samstags gehe ich jetzt auf den Wochenmarkt

Es gibt noch eine Sache, die ich lange verpönt und als äußerst spießig abgestempelt habe. Aber es ist, wie es ist: Ich wünsche mir eine Einbauküche. So eine, wo alles ihren Platz hat, mit viel praktischem Stauraum und einer pflegeleichten Arbeitsplatte. Ich stelle es mir so schön vor, wenn am Ende alles farblich miteinander harmoniert, denn davon kann in meiner aktuell zusammen gewürfelten Küche "Marke Eigenbau" aus vergangenen WG-Zeiten keine Rede sein. Du liebe Güte, ich habe sogar schon nach einem sechsteiligen Geschirr-Set Ausschau gehalten, dessen Tassen und Teller farblich zusammen passen. Insa, is that you?

Auch wenn ich keinen Gartenzwerg besitze und die Nachbar*innen nicht heimlich durch den Türspion belausche, muss ich mir eingestehen, dass ich hier und da offenbar ein paar spießige Züge entwickelt habe. Wie ich das finde, darüber habe ich mir noch keine abschließende Meinung gebildet. Fest steht aber, dass ich meine neuen Lounge-Möbel liebe – und das ist auch gut so. Der Gedanke aber, wie ich verhindern kann, so zu werden, wie ich nie sein wollte, beschäftigt mich nach wie vor sehr.

Sagt doch mal: Habt ihr euch auch schon bei der ein oder anderen spießigen Verhaltensweise ertappt? Schreibt mir gern und erzählt mir von euren Angewohnheiten.