Ein Plädoyer gegen Onlineshopping – und für Einkaufen um die Ecke

© Hella Wittenberg

Ich habe noch nie bei Amazon bestellt. Das bedeutet nicht, dass ich nicht mit dem Prime-Account meines ehemaligen Mitbewohners streame. Oder, dass meine Freundin etwas beim digitalen Großhandel für unsere gemeinsame Wohnung geordert hat. Oder, dass ich im Studium so mit Schnapsgläsern und Joints jongliert habe, dass ich vor lauter Lücken in meinen Hippocampus für nichts garantieren kann.

Aber ich habe noch nie wissentlich bei Amazon bestellt. Das liegt nicht an meiner tiefen Abneigung Jeff Bezos gegenüber. Elon Musk finde ich auch schwierig, einen Tesla würde ich trotzdem fahren. Es liegt auch nicht daran, dass ich so ein Gutmensch bin. Konsum und Hedonismus sind meine besten Freunde. Es liegt schlicht daran, dass ich kleine Läden um die Ecke über alles liebe.

Die Krone der Zivilisation: Persönliche Empfehlungen direkt vor der Haustür

Letztens war ich mit einer Freundin in einem kleinen Buchladen in Prenzlauer Berg und habe dort eine gebrauchte Graphic Novel gekauft. Im Anschluss höre ich von ihr, dass sie bei mir um die Ecke kürzlich den ältesten Plattenladen Berlins entdeckt hätte. Was zum einen wie der feuchte Traum eines jeden Einzelhändlers klingt, ist außerdem meine Idee von der Krone der Zivilisation. Wir können schreiben, zeichnen, reden, musizieren und Texte, Bilder, Lieder konsumieren – im besten Falle auf persönliche Empfehlung, gebraucht und vor der Haustür.

Wildhood Store
© Marina Beuerle

Ich bin übrigens auch keiner dieser "Früher war alles besser"-Hipster, so verstehe ich zum Beispiel nicht, wie wir seit Jahrhunderten daran feilen konnten, unsere Luxusarchitektur mit sauberem Wasser, selbstgeschaffenem Klima und Glasfaserinternet zu versorgen – um dann glampen zu gehen. Nein, ich weiß wohl um den Komfort, der in der Onlinebestellung liegt. Beziehungsweise liegen sollte, denn wenn mich die Erfahrungen meiner Mitmenschen nicht trügen, dann ist Amazon auch menschlich. Kommt mal zu spät, mal gar nicht – und liegt am Ende eh im Späti um die Ecke. Wenn ich schon einen Pakt mit dem Teufel eingehe, dann hätte ich gerne, dass der wenigstens abliefert. An die Haustür.

Wenn ich schon einen Pakt mit dem Teufel eingehe, dann hätte ich gerne, dass der wenigstens abliefert. An die Haustür.

Wenn ich also eh um die Ecke muss, dann kann ich doch gleich um die Ecke in den Laden gehen. Den gibt es nämlich – noch. Die Mieten steigen nicht nur in unseren Altbauwohnungen, auch die Pachtverträge werden angezogen. Gas und Einkäufe kosten auch Tante Emma immer mehr Geld. Das wirkt sich natürlich auf die Preise im Geschäft aus, die können mit dem Internet nicht mithalten. Wenn die alleinerziehende Mutter also nach ihrer Zwölf-Stunden-Schicht keinen Nerv, keine Zeit oder kein Geld für das süße Trödelgeschäft zwei Straßen weiter hat, dann ist sie nicht das Problem. Das Problem ist dann das System. Und hippe Großstadtmenschen, die auf Longboards vorübergleiten, deren Achsen sie aus dem Internet haben.

Ich verstehe, dass es dort oft schneller geht, dass es gemütlicher ist und weniger Geld kostet. Aber es gibt mindestens so viele Pluspunkte für lokale Shoppingausflüge. Die Jeans kann man anprobieren, die Platte auf Kratzer untersuchen und die Feinkost kosten. Ohne, dass dafür Pakete in der Umweltgeschichte hin- und hergeschickt werden müssen. Und ohne sich in Zukunft über den x-ten Backshop beschweren zu müssen, der den Spezialitätenladen ersetzt.

© Marit Blossey

Wie schön ist es außerdem, der Empfehlung eines echten Menschen zu folgen und keinem "Andere kauften auch"-Algorithmus? Aber wem erzähle ich das, ihr wärt ja sonst wohl kaum auf unserer Seite. Doch was, werdet ihr vielleicht sagen, wenn der seltsame Hi-Fi-Markt geschlossen hat und ich den neuen Stecker für den Verstärker dringend brauche? Dann empfehle ich, mal zu hinterfragen, ob ihr den wirklich heute braucht.

Ladenöffnungszeiten und leere Regale als Geduldübung

Es ist heuchlerisch, dass ich das schreibe. Sobald bei einem Gerät etwas nicht direkt geht, drehe ich durch. Wenn ich etwas will und das Geld dafür habe, dann kaufe ich es mir, sofort – manchmal auch, wenn ich das Geld dafür nicht habe. Aber, Jesus Maria, was sagt das denn über uns als Gesellschaft aus? Sind wir so reizüberflutet, dass wir jeder Neigung folgen müssen? Ich versuche, mich mit Ladenöffnungszeiten und leeren Regalen mehr in Geduld zu üben. Aktuell geht das Internet nicht, weil ein Adapter fehlt. Das nervt tierisch, hat aber den netten Nebeneffekt, dass wir statt Netflix mal wieder die DVDs rausgeholt haben. Bei vier Filmen fällt die Entscheidung bedeutend leichter.

Mein absolutes Highlight in Läden vor Ort: Auf der anderen Seite der Bestellung steht auch ein Mensch. Mein Radlschrauber hat mich mal mit Schallplatten unter dem Arm getroffen und sammelt seither Funde vor seinem Laden für mich. Und der Besitzer des Plattenladens hat zwar schlechte Tage – wer nicht? – aber an guten empfiehlt er nicht nur tolle Soulalben, er erzählt auch aus seiner wilden Revoluzzer- und Clubvergangenheit. Lohnt sich. Wenn ihr also in ein paar Tagen auf der doppelspurigen moralischen Highroad von einem lokalen Laden zurückradelt, genießt diesen Moment. Und denkt an ihn, wenn euer Finger das nächste Mal über dem digitalen Warenkorb schwebt.

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