Ist nach der Pandemie vor der Trennung?

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Erstmal: Herzlichen Glückwunsch an alle Paare, die die Corona-Pandemie (bis zum heutigen Tage) gemeinsam durchgestanden haben. Homeoffice, Leben und Arbeiten in einer Wohnung, monatelange Abende auf der Couch, etliche Spaziergänge und sehr, sehr viel Zweisamkeit. Ihr habt das Schlimmste überstanden – und jetzt geht’s endlich wieder back to normal. Und hier stoßen wir auf die zweite Gruppe von Paaren, die sogenannten Corona-Paare.

Jene also, die sich während der Pandemie erst kennen und lieben gelernt haben. Die aber keinerlei Vor-Corona-Realität kennen und für die es ganz normal ist, sich direkt zum gemeinsamen Kochdate zu verabreden anstatt essen zu gehen, weil alle Restaurants geschlossen waren. Die von Anfang an die Vorzüge des Homeoffice in der Partnerschaft genießen konnten (aka direkt zusammengezogen sind) und für die es jetzt ganz neu ist, als Paar in einer Gruppe aufzutreten. Surprise: Dein*e Partner*in hat noch andere Freund*innen und sogar Hobbys! 

Ein (neues) altes Leben

Wir freuen uns selbstredend natürlich darüber, dass die Pandemie uns nicht mehr vollends in ihren Fängen hat, Großveranstaltungen endlich wieder stattfinden dürfen, wir wieder im Büro arbeiten, Konzerte besuchen und es gemeinsam auf Geburtstagspartys ordentlich krachen lassen können. Aber als Corona-Paar ist das "normale Leben" vielleicht plötzlich eine ganz neue Herausforderung. Nicht mehr nur in Zweisamkeit zu sein, sondern die Zeit wieder zwischen allen Bereichen des Lebens aufteilen zu müssen. Das kann schnell zu Streit führen.

Hat die Beziehung in den Fäden des Alltags trotzdem noch Priorität? Wie werden Arbeit, Freund*innen, Familie und Beziehung koordiniert? Und dann gibt es noch das große Thema Urlaub: Wann, mit wem, wo und wie bekommen wir gleichzeitig Urlaub hin? Das alles überfordert und fühlt sich plötzlich sehr neu an. 

Die große Trennungswelle

Mich wundert es ehrlich gesagt nicht, dass in meinem Bekanntenkreis gerade eine Trennungswelle anrollt. Gehe ich noch einmal meine letzten Nachrichten durch und summiere im Kopf die Themen der letzten Telefonate, fällt mir auf: Bei einigen läuft es gerade wirklich nicht. Betrachtet man die Zahl der Eheschließungen in 2021, bestätigt sich der Verdacht, denn die ist laut des Statistischen Bundesamts auf einen historischen Tiefpunkt gefallen. Natürlich spielt Corona dem Umstand extrem in die Karten, dennoch ist dieser enorme Abfall sicherlich nicht nur mit der fehlenden Planungsunsicherheit zu erklären. Aktuelle Zahlen zu Trennungen (also von nicht verheirateten Menschen) sind leider nur schwer zu ermitteln. 

Wir schaffen es nicht mehr, uns als Liebende zu behandeln.
Eine Freundin aus Bayern

Doch mein Gefühl und die Rückmeldung von Freund*innen und Kolleg*innen zeigen mir: In der sicheren Corona-Bubble lief die Beziehung noch rund und jetzt scheitert sie an den äußeren Umständen, die an ihr zerren. "Wir schaffen es nicht mehr, uns als Liebende zu behandeln. Wir funktionieren nur noch und leben nebeneinander her", offenbart mir zum Beispiel zuletzt eine Freundin aus Bayern. Während des Lockdowns und der gemeinsamen Homeoffice-Zeit, lief es sehr gut zwischen den beiden, doch jetzt geht ihre Liebe im Alltagsleben unter.

Bei den einen gerät die liebevolle Verbindung aus den Augen, andere finden kaum Zeit füreinander, weil der Freizeitstress zurück ist und wiederum andere bemerken jetzt, dass ihre eigentlichen Interessen im "richtigen" Leben überhaupt nicht zusammenpassen. Während eine*r froh ist, endlich wieder rauszukommen, andere Menschen zu treffen und Partys zu besuchen, sind die sozialen Akkus der*des Partner*in schneller leer und er*sie verbringt lieber noch dosiert Zeit in Gesellschaft. 

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Besonders tricky wird es jetzt in Fernbeziehungen, als ob die nicht sowieso schon kompliziert genug wären. Welches Wochenende ist überhaupt noch frei, um sich zu besuchen? Wie lange kann man sich sehen? Mist, schon wieder ein Geburtstag, den ich verpasse. Oft hapert es auch bei der Umstellung von "In der Pandemie war es im Prinzip egal, in welchem Homeoffice man abhängt" zu "Jetzt habe ich nur noch wenige Tage in der Woche für mich zur Verfügung". Alles wirklich nicht easy! Für einen anderen Bekannten von mir ist völlig klar, sich als Paar nur alle vier oder teilweise über sechs Wochen am Stück nicht zu sehen, geht für ihn nicht. Ich persönlich merke es in meiner Beziehung auch, die gemeinsame Zeit (alleine) wird rar. Hilfe, war das denn schon immer so?!

Liebe ist Arbeit

Ich bin keine Beziehungsexpertin (sonst würde ich mir vermutlich nicht die gleichen Fragen stellen), dennoch glaube ich, dass wir hier auf ein altbewährtes Mittel vertrauen sollten: Kommunikation. Am besten ganz viel und ehrlich! Ich weiß, leichter gesagt als getan und auch ich spreche lieber mit Freund*innen stundenlang darüber, erkläre meine Sichtweise und diskutiere, als direkt auf den*die Partner*in zuzugehen.

Doch manche Fragen lohnt es sich zu stellen: Was wünsche ich mir? Welche Bedürfnisse habe ich? Und was müssen wir jetzt verändern und anpassen? Vielleicht muss die Beziehung auch neu geplant werden. Ein gemeinsamer Kalender (am besten synchronisiert auf dem Handy) verschafft einen guten Überblick. Feste Telefonzeiten helfen als Struktur und geplante Date Nights lassen Liebende sich nicht aus den Augen verlieren. Rituale, für die sich beide Zeit nehmen, können die Beziehung zueinander wieder stärken. 

Und wenn es trotz aller Bemühungen und Arbeit nicht klappt, weil man bemerkt, dass man eigentlich nicht zusammenpasst: Dann tut das weh, aber sollte wohl nicht sein.

Und das sehe ich (zum Glück) auch in meinem Freund*innenkreis, vor der Trennung wird zuerst an der Verbindung miteinander gearbeitet. Ein Wechsel in das neue Leben braucht eben seine Zeit und die sollte man sich nehmen. Vielleicht nur nicht zu lange, denn das Leben fliegt ziemlich schnell. Und wenn es trotz aller Bemühungen und Arbeit nicht klappt, weil man bemerkt, dass man eigentlich nicht zusammenpasst: Dann tut das weh, aber sollte wohl nicht sein.

Also ist nach der Pandemie jetzt vor der Trennung? Mein Fazit: Muss nicht, denn ihr habt es in der Hand. Ich wünsche mir sehr, dass bald alle wieder gemeinsam und happy das normale Leben mit Konzerten, Partys, Hochzeiten und Hobbys genießen können, denn das ist doch ziemlich schön, oder?

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