Fußball-WM in Katar boykottieren oder schauen? Das Dilemma im Winter 2022

© Wiebke Jann

Eigentlich kann man die Fußball-WM in Katar nicht schauen. Wegen geschätzten 6500 toten Gastarbeiter*innen. Wegen nonexistenter Gleichberechtigung für Frauen* und Schwule – von LBTQIA+ ganz zu schweigen. Wegen einem angsteinflößend schlechten Fußabdruck bei der Errichtung der Infrastruktur. Wegen der Korruption bei der Vergabe des Turniers. Wegen den lächerlich hohen Kosten, die der ganze Pomp verschlingt. Sucht euch einen Grund aus, jeder einzelne reicht aus, eine solche Veranstaltung zu boykottieren. Eigentlich. Gleichzeitig kann man doch als Fußballfan nicht nicht WM schauen. Was also tun?

Es ist nicht die Verantwortung der*des Einzelnen, der Endverbraucher*innen, die Welt zu verbessern. Das ist für mich ein Irrglaube, der von der Politik und der Wirtschaft gerne benutzt wird, um ihre Untätigkeit zu verschleiern, und von den Aktivist*innen flehentlich beschworen wird, um von ihrer Hilflosigkeit abzulenken. Wenn ich nicht in den Urlaub fliege, hilft das genau gar nichts, wenn gleichzeitig anderswo auf der Welt im großen Stil auf das Klima geschissen wird. Beispielsweise in Katar, wo die kurzfristig hochgezimmerte Infrastruktur geschätzte 150 Milliarden Dollar verschlingen wird.

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Mal zum Vergleich, die letzte WM in Russland hat wohl "nur" 12 Milliarden gekostet. Trotzdem bemühen sich die Kataris sehr, ihre WM als besonders nachhaltig zu verkaufen. Da ist dann von neuen Fahrradwegen die Rede, von wiederverwendbaren Trinkflaschen für WM-Mitarbeitende, von der neuen Metro und dem Ausbau der Solarenergie. Und natürlich von der Million Bäume, die Katar gepflanzt hat, um die Treibhausgasemissionen der Fußballweltmeisterschaft auszugleichen. Das Geld für all diese Dinge sprudelt natürlich aus derselben Quelle: Öl. Es braucht wirklich kein großes Klimaverständnis, um zu wissen, dass bei einem solchen Nullsummenspiel nur die Erde draufzahlt.

Und trotzdem: Auch wenn es noch so sinnbefreit ist, eine Fußball-WM in einem Wüstenstaat ohne Fußball-Tradition zu veranstalten, ich würde sie mir gerne ansehen. Ich werde es aber nicht tun. Obwohl ich den Fußball liebe. Ich spreche hier ausdrücklich von Liebe, weil es ein irrationales Gefühl ist. 22 Menschen, die auf einer Wiese 90 Minuten einem Ball hinterherrennen und am Ende steht es 0:0 – wie konnte dies der beliebteste Sport der Welt werden? Aber so ist es halt, so ist es auch bei mir. Ich habe als Kind gegen Garagentore gekickt, die Jubel meiner Helden nachgeahmt und Paninialben befüllt. Ich habe nie aufgehört zu spielen. Bin ins Stadion gerannt, habe gejubelt und geweint. Und habe schließlich sogar als Sportreporter im Fußballzirkus gearbeitet. Wie soll jemand wie ich dieses Turnier nicht verfolgen?

Es fühlt sich grausam falsch an, wenn für meinen Spaß tausende Gastarbeiter*innen misshandelt wurden.

Wieso vor allem? Die WM wird trotzdem stattfinden. Ich finde auch nicht, dass ich als Sportfan für dieses Drama verantwortlich bin. Außerdem glaube ich nicht, dass Boykott in erster Linie besonders viel bringt. Selbst wenn genügend Menschen ausschalten und sich große Sponsoren in Zukunft bei vergleichbaren Ausrichtungszielen fernhalten würden, was ändert sich denn? Ich bezweifle, dass Russland und Katar die WM aus wirtschaftlichen Gründen ins eigene Land geholt haben. Amnesty International beispielsweise hat sich sogar bewusst gegen einen Boykott entschieden, weil man stattdessen die Aufmerksamkeit der Welt nutzen möchte.

Katar behandelt seine Arbeitmigrant*innen auch unabhängig von der WM sklavenähnlich, Stichwort Kafala. Aber hätten wir das in diesem Maße mitbekommen, ohne Fußball? Gäbe es mehrteilige Dokus von den Öffentlich-Rechtlichen über die Zustände in Katar, ohne Turnier? Vielleicht zieht sich ja sogar ein Nationalspieler beim Jubeln das Leibchen aus, zeigt eine Regenbogenflagge und bekennt sich dazu, dass es auch im Profifußball schwule Menschen gibt? Vielleicht ist es naiv von mir, aber ich wünsche mir solche Aktionen und die dazugehörige Aufmerksamkeit. Als Gegenentwurf zum Sportswashing, das Katar seit Jahren betreibt.

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Ich kann jede*n verstehen, die*der die WM schauen will. Weil ein bisschen Eskapismus in Zeiten von Krieg und Corona durchaus gut tut. Genauso kann ich jede*n verstehen, die*der das Event boykottiert, schließlich kann man somit ein Zeichen setzen. Ich werde abschalten, weil es sich falsch anfühlt. Weil es sich grausam falsch anfühlt, wenn für meinen Spaß tausende Gastarbeiter*innen misshandelt wurden. Weil es sich fürchterlich falsch anfühlt, dass der offizielle Botschafter der WM von Schwulsein als Geisteskrankheit spricht. Weil sich sich Fußball-WM im Winter in der Wüste einfach falsch anfühlt.

Und für alle, die dem Westen, Deutschland und mir Doppelmoral vorwerfen: Mir ist durchaus bewusst, dass es 1974 schon mal eine WM in einem Land gab, in dem eine Frau die Erlaubnis ihres Mannes brauchte, um arbeiten zu gehen. Wo Abtreibung unter Strafe verboten war. In Deutschland. Auch weiß ich, dass es 2006 schon mal eine Fußballweltmeisterschaft gab, die auf märchenhafte Weise bei korrupten FIFA-Funktionären gekauft wurde. In Deutschland. Aber unsere Stadien wurden danach nicht abgerissen. Wir hatten nicht 40 Grad im Schatten. Und wir hatten keine toten Stadionarbeiter*innen unter mysteriösen Umständen. Manche sprechen von 15.000, der Guardian von 6500, die FIFA von drei. Lächerlich. Aber: Jede*r einzelne ist zu viel!

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