Wer Dominion nicht gesehen hat, darf Fleisch weder essen noch verkaufen

© Christin Otto

Keine fünf Minuten und mir schießen die Tränen in die Augen. Ein dicker Kloß sitzt mir im Hals, Übelkeit überkommt mich. Immer wieder schließe ich die Augen. Doch ich muss hinschauen. Ich weiß, dass ich es muss. Weil ich Fleisch esse – und weil meine Überzeugung ist: Wer nicht mit ansehen kann, wie ein Tier geschlachtet wird, der darf es auch nicht essen.

Mir ist sehr bewusst, dass ein Tier sterben musste, wenn ich Fleisch esse. Weil Schnitzel nicht in Tiefkühltruhen wachsen. Eine Tatsache, die Kindern heutzutage viel zu selten erklärt wird. Wie Tiere geschlachtet werden, habe ich auf dem Bauernhof meines Patenonkels schon als Kind miterlebt. Ich habe gesehen, wie Hühner enthauptet, Hasen gehäutet und Schweine gemästet wurden. Ich finde, dass Fleisch ein Luxusprodukt sein sollte und esse deswegen nur noch wenig davon – und wenn, dann nur von Profis in der Gastro zubereitet. Ich verlasse mich darauf, dass mir dort für einen angemessenen Preis kein Billigschrott untergejubelt wird.

Die aktuell viel diskutierte Netflix-Doku 'Seaspiracy' ist dagegen der reinste Spaziergang.

Und doch sitze ich jetzt hier, den Tränen nah. Weil ich auf diese Bilder so offenbar nicht gefasst war. Ich schaue „Dominion“. Obwohl die Doku schon fast drei Jahre alt ist und Promis wie Sia und Joaquin Phoenix ihre Stimmen dafür hergegeben haben, bin ich erst durch ein Mauer-Graffiti in meinem Viertel darauf aufmerksam geworden. „Ist dein Magen ein Friedhof?! Watch Dominion on YouTube“, stand da – und ich habe genau das gemacht.

Warum die Doku weder in Kinos, noch auf großen Streamingdiensten wie Netflix zu sehen war, wird schnell klar: Weil es grausame Bilder sind. So grausam, dass sie nicht nur gänzlich ungeeignet sind als „nette Abendunterhaltung“ – sie können wahrscheinlich sogar traumatisieren. Die aktuell viel diskutierte Netflix-Doku „Seaspiracy“ ist dagegen der reinste Spaziergang. Und doch zeigt Dominion Bilder, die meiner Meinung nach jeder sehen muss, der Fleisch isst, kauft oder verkauft.

Es ist eine Doku, die uns zeigt, was wir nicht sehen wollen, aber sehen müssen, wenn wir Fleisch und andere tierische Produkte konsumieren.

Dominion zeigt am Beispiel von Australien, wie die industrielle Massenproduktion von Fleisch, das in unseren Supermärkten landet, von Statten geht. Auch andere Nutztierhaltungen werden beleuchtet – von Schwein und Kuh bis hin zu Hund und Hase ist alles dabei. Es sind Bilder, die sich nicht nur in die Netzhaut, sondern vor allem ins Gedächtnis brennen. Bilder, die sich leicht verdrängen lassen beim Anblick von sauber eingeschweißten Filets und fertig panierten Schnitzeln. Es ist eine Doku, die uns zeigt, was wir nicht sehen wollen, aber sehen müssen, wenn wir Fleisch und andere tierische Produkte konsumieren.

Zu sagen „davon habe ich nichts gewusst“, gilt nicht mehr. Weil diese Informationen da und abrufbar sind, schon lange. Schlimm genug, dass ich ein Graffiti brauchte, um auf Dominion aufmerksam zu werden. Dabei ist „informiert sein“ der Mindestbeitrag, den wir leisten sollten, wenn wir als Konsument*in Teil des Systems sind.

Nur weil ich für etwas mehr Geld bezahle als im Discounter, ist es noch lange nicht besser.

Es ist ein System, das sich nicht kleinreden oder wegschieben lässt. Weil Dominion Zustände zeigt, die eben nicht nur in Australien herrschen. Und weil Statistiken beweisen, dass viele lügen, wenn sie behaupten, dass sie ja wirklich nur das gute Bio-Fleisch vom Bauern aus der Region kaufen. Fleisch aus Massentierhaltung? „Sowas kaufe ich ja gar nicht.“ Sicher? Greifst du nie zu abgepackter Wurst, kaufst du nur beim Metzger deines Vertrauens und weißt du wirklich bei jeder Restaurant- oder Imbissbestellung, was genau da auf deinem Teller liegt?

Ich weiß es nicht. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich dann doch mal den Lammspieß vom Holzkohlegrill oder ein Rumpsteak bestellt, ohne zu wissen oder zu fragen, woher das Fleisch kommt und unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden. Es ist ja auch schön einfach, die Verantwortung abzuschieben – an diejenigen, die das Fleisch verkaufen. Dabei weiß ich natürlich: Nur weil ich für etwas mehr Geld bezahle als im Discounter, ist es noch lange nicht besser. Doch da ist sie wieder, die Verdrängung.

Ginge es nach mir, würden wir sofort einen Fleischesser*innen-Führerschein einführen.

Jetzt sitze ich hier, schockiert, traurig, angewidert, aber vor allem wütend – auf mich und alle anderen, die solche Systeme aufrechterhalten. Auf die Politik, die derlei Zustände nicht verbietet und stattdessen Tierschützer, die in Ställe eindringen und die Missstände dokumentieren, härter bestrafen wollen. Nicht wahr, Frau Klöckner?

Dabei müssten wir diesen Menschen dankbar sein – weil sie uns etwas zeigen, von dem mächtige Industrien nicht wollen, dass wir es sehen. Ginge es nach mir, würden wir sofort einen Fleischesser*innen-Führerschein einführen. Die Regel: Wer Dominion nicht gesehen hat, darf kein Fleisch essen oder kaufen. Und wer nicht erklärt, woher sein Fleisch stammt und wie die Tiere gehalten wurden, darf es auch nicht verkaufen.

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die fordern, dass wir sofort alle Vegetarier*innen oder Veganer*innen werden (obwohl sie Recht haben). Was ich will, ist einfach nur, dass wir beim Fleischessen genauso wissen, was wir tun, wie das im Straßenverkehr auch von uns verlangt wird. Das ist das Mindeste. Und es wird uns einfacher gemacht denn je – denn wir müssen nicht über Zäune klettern oder in Ställe einbrechen, wir müssen einfach nur diese Doku schauen.

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