Was bedeutet es, erwachsen zu sein?

© Edu Lauton | Unsplash

Dieser Text wurde von Julia Liehr verfasst.

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn man sich einfach nicht vorstellen kann, irgendwann einmal “groß” zu sein? Früher kamen einem all die Leute ab Mitte 20 wie Lichtjahre entfernt vor. Mein Bruder ist zum Beispiel 15 Jahre älter als ich und ausgezogen als ich erst fünf Jahre alt war. Ich erinnere mich wage an den Moment, in dem ich geschnallt habe, dass der “Typ”, der meistens am Wochenende bei uns zuhause war, tatsächlich mein großer Bruder ist und nicht jemand, der – wie auch immer – dazugehört. War er für mich doch stets ein Erwachsener in einer für mich komplett unerreichbaren Welt: Ich in den 80ern gerade mal am Laufen, er mit Kutte und Mofa-Horde unterwegs, am Feiern, mit fester Freundin, irgendwann am Studieren… Und ich war sauer, wenn meine Story von Barbie und Ken nicht aufging.

Mal so erwachsen sein wie er? Unvorstellbar. Und so ist es noch bis heute. Das Leben fährt einfach wie ein Zug an mir vorbei, ohne dass ich das Gefühl habe, alles im Griff zu haben und so erwachsen zu sein, wie die unerreichbaren Erwachsenen meiner Jugend. Und damit meine ich nicht irgendwelche einzelenen Fähigkeiten, Stärken oder Charakterzüge – sondern das Erreichen der Stufe "Erwachsensein" im Leben.

Erwachsen? Ich doch nicht.

Jetzt bin ich Mitte, eher schon Ende, 30. Irgendwie irre. Offensichtlich habe ich mich bisher durch alle typischen Lebensphasen bewegt und bin nicht in der Barbie-Welt von damals hängen geblieben. Zumindest fühlt es sich nach einem Erwachsenenleben an, aber mit einem seltsamen Gefühl. Irgendwie nur halb gar. So, als wäre ich noch zur Hälfte – Jugendliche. Ich kann mich noch immer nicht daran gewöhnen als Frau bezeichnet oder gesiezt zu werden. Etwas mit Freund*innen zu unternehmen, feucht-fröhliche Abende zu haben oder auf Festivals zu gehen, gehört jedenfalls noch immer zu meinen Lieblingsbeschäftigungen und in der Regel zu einem gelungenen Wochenende dazu. Genauso wie die Flexibilität machen zu können, was und wann ich will. Ich frage mich: Woher kommt der Gedanke, dass das irgendwie nicht “normal” sein könnte? 

Ich kann mich noch immer nicht daran gewöhnen als Frau bezeichnet oder gesiezt zu werden.

Ich bin seit einigen Jahren mit dem Studium durch, habe einen anständigen Job, seit 11 Jahren eine feste Beziehung und lebe mit Freund und Fiffi in einer Wohnung, die nicht mit der Studentenbude von damals zu vergleichen ist. Ich glaube auch, dass ich gelassener, verantwortlicher und reflektierter bin als mit Anfang Zwanzig – was sich ja schließlich auch aus Erfahrung ergibt. Summa Summarum kann ich doch hinter viele Vorraussetzungen des Erwachsenseins einen Haken setzen. Oder nicht?

Der Eintritt ins nächste Level: Kind, Haus und Ehering?

Ein paar Klassiker habe ich allerdings bisher ausgelassen. Während viele andere Menschen in meinem Alter Eigentum, Eheleben und Kinder haben, bin ich noch immer verwirrt, was das angeht. Ein Beispiel: Ich und verheiratet? Für mich eine seltsame Vorstellung; zumal ich es mir so gar nicht vor Auge führen kann, wie ich in einem weißen Kleid von allen Leuten angeguckt werde. Ich weiß, jede*r wie er oder sie mag, und ich bin wirklich sehr gerne Hochzeitsgast und freue mich für andere. Wenn ich aber an mich denke, ruft das noch immer ein seltsames Gefühl hervor. Ich kann es mir einfach – ohne einen Grund dafür zu haben – nicht richtig vorstellen: Wie sieht man aus, wie wird die eigene Feier und wie fühlt sich das an, dass man tatsächlich meine Eheschließung feiert?

Ich und verheiratet? Für mich eine seltsame Vorstellung; zumal ich es mir so gar nicht vor Auge führen kann, wie ich in einem weißen Kleid von allen Leuten angeguckt werde.

Dazu muss ich allerdings sagen, dass diese abschreckende Wirkung bis vor zwei oder drei Jahren deutlich krasser war. Das liegt vermutlich daran, dass ich die Entwicklungen meiner Freund*innen unmittelbar erlebe und schon die eine oder andere Hochzeit gefeiert wurde. Und bei niemanden hat sich das Leben durch diesen offiziellen Schritt großartig verändert. Das beruhigt mich. Den Heiratsantrag habe ich übrigens schon in der Tasche – jetzt muss nur noch geheiratet werden. 

Die Angst das innere Kind zu verlieren

Ich hatte oft Angst vor neuen Steps, die mich weiter “aus den Kinderschuhen” brachten: Ob Pubertät, der erweiterte Realschulabschluss, Volljährigkeit, Führerschein, Abitur oder das Diplom. Ich war bis zu meinem 19. Lebensjahr nicht ein einziges Mal in einer Disco, geschweige denn habe einen Schluck Alkohol getrunken – weil sich das so “groß” anfühlte und ich irgendwie Kind bleiben wollte. Dauernd befürchtete ich, mich würde etwas aufhalten. Ist aber nie geschehen und irgendwann begann ich mir vorzustellen, wie mein Leben weiterlaufen könnten. Und wenn dann wieder einmal etwas kam, dass ich nicht für möglich gehalten hatte, fühlte ich mich befreit. Und was soll ich sagen: Die ersten Partys und Drinks waren das reinste Vergnügen.

Der ewige Prozess des Erwachsenwerdens

Ist das also das Erwachsensein? Scheint mir fast so, als wäre das ein ewiger Prozess, in dem man einfach Erfahrungen sammelt und daraus im besten Falle seine Lehren zieht. Dazu gehört vermutlich die Erkenntnis, dass nicht nur man selbst, sondern auch das eigene soziale Umfeld sich ständig weiterentwickelt. Dass es vieles gibt, das man sich insbesondere bei Freund*innen nicht vorstellen konnte – und plötzlich haben sie Kinder und das ist dann doch gar nicht mehr so seltsam.

Ehrlicherweise macht es mir mittlerweile sogar Spaß zu sehen, wie sich alles im Laufe der Zeit verändert – ohne groß anders zu werden. Recht kurz nach diesen Zeilen hier habe ich ein Interview mit Helen Mirren (75) gelesen, in dem es unter anderem um das Älterwerden geht. Auf die Frage hin, was mit dem Alter besser wird, sagt sie “(...) ich nenne es nie Alter, ich nenne es Erwachsenwerden. Denn man befindet sich in einem ständigen Zustand des Erwachsenwerdens.” Passt doch.

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