Der Wedding kommt – wenn die Hölle zugefroren ist

© Hella Wittenberg

Als ich vor fünfzehn Jahren nach Berlin gezogen bin, nahm ich die erstbeste Wohnung, die ich kriegen konnte. Die war im Wedding, genauer gesagt, im Brunnenviertel, einer Gegend, die seinerzeit an drei Seiten von der Mauer umgeben war. Bei meiner Ankunft waren die Schneisen noch unbebaut, man konnte von den Liesenbrücken bis zur Max-Schmeling-Halle einen einstündigen, ununterbrochenen Spaziergang durch ehemaliges Niemandsland machen. Und selbst damals haben die Leute schon gelacht, wenn jemand gesagt hat: Der Wedding kommt.

Ich kam nach Berlin, um meinen Zivildienst zu machen. Zur Erklärung für die Jüngeren unter euch: Das war eine etwa einjährige, vom Staat verordnete Maßnahme, die jungen Männern die Möglichkeit bot, zwischen Schulabschluss und Karrierebeginn einen Blick auf die Welt zu erhaschen und dabei soziale Kompetenzen zu erwerben.

Ich nutzte diese Zeit, um meine ersten Streifzüge zu unternehmen. Die M10 wurde gerade erst von der Schönhauser Allee zur Bernauer Straße verlängert. Auf dem Mauerpark-Flohmarkt gab es noch kein Kunsthandwerk zu erwerben, sondern Bücher und defekte Küchengeräte. Erste Spritztouren führten mich nach Nordwesten bis zum Leopoldplatz, an dem ich schon damals das Gefühl hatte, er müsste in einer anderen Stadt liegen, vielleicht im Ruhrpott, auf jeden Fall nicht in Fahrradnähe zum mondänen Kreuzberg oder Friedrichshain.

Nach einem Jahr, also 2006, kündigte ich meine Wohnung in der Swinemünder Straße, weil mir 327 Euro warm einfach zu teuer erschien für zwei Zimmer mit Balkon.

Nach einem Jahr, also 2006, kündigte ich meine Wohnung in der Swinemünder Straße, weil mir 327 Euro warm einfach zu teuer erschien für zwei Zimmer mit Balkon. Nach einem kurzen Abstecher in den Soldiner Kiez fand ich ein billiges Loch mit Ofenheizung in der nördlichen Brunnenstraße. Es gab etliche Internet-Cafés in der Nähe, polnische Delikatessenläden, einen Kaiser‘s und eine riesige Humana-Filiale. Ich fühlte mich so wohl, dass ich fünf Jahre blieb. 183 Euro Miete in einem Altbau sprachen für sich.

Bis dahin war Gentrifizierung etwas, das woanders passiert. Der Wedding kommt? Jaja, am Arsch. Mein Holz zum Anfeuern suchte ich mir immer noch im Humboldthain zusammen, die Stimmung war mehr Nachkriegszeit als Aufbruch. Dann plötzlich ein Aufschrei im Kiez, weil sämtlichen Geschäften zwischen Bernauer und Demminer Straße die Mietverträge gekündigt wurden. Offenbar hatten Stadtentwickler und Wohnungsbaugesellschaften die Schnauze voll und holten deshalb die Brechstange raus, erschufen einen Homunkulus namens WEDDING DRESS BERLIN.

Die Stadtentwickler kommen mit der Brechstange

Im Rahmen dieses Festival of Urban Fashion and Lifestyle durften junge Labels aus aller Welt die auf wundersame Weise freigewordenen Räume beziehen, um der öden Gegend endlich den ersehnten Flair einzuhauchen. Während der ersten Festwoche schien es tatsächlich so, als würde die Welt Einzug erhalten in den phlegmatischen Wedding. Doch nachdem die Menschenmassen abgezogen waren, bot sich ein anderes Bild: Statt Humana lag meiner Wohnung jetzt eine gähnend leere Galerie gegenüber. In den vormals von Spätis und vietnamesischen Blumenläden besetzten Pavillons residierten nun bärtige Grafik- und Modedesigner mit Erasmus-Migrationshintergrund und harrten unsicher der Dinge, die da kommen sollten. Denn irgendwie schien der Wedding nicht so richtig mitzuziehen.

In den vormals von Spätis und vietnamesischen Blumenläden besetzten Pavillons residierten nun bärtige Grafik- und Modedesigner mit Erasmus-Migrationshintergrund.

Ich war dann ein paar Jahre untreu, trieb mich im Ausland und Prenzlauer Berg herum. Erst als meine Freundin schwanger wurde, kamen wir zurück, diesmal in die Nähe des Westhafens. Für eine Dreizimmerwohnung mussten wir schon 800 Euro hinblättern. Wir konnten uns das gerade so leisten, aber DASS wir es konnten, machte uns natürlich auch zu Gentrifizierern. Unschuld adé.

Nachdem meine Tochter im Virchow als waschechte Weddingerin geboren wurde, veränderte unsere Umgebung nach und nach ihr Gesicht. In den Seitenstraßen von Sprengel- und Malplaquet-Kiez öffneten plötzlich Biocafés ihre Pforten, koreanische Slow-Food-Imbisse. Eckkneipen verschwanden und machten Platz für Craft-Beer-Brauereien. Doch im Großen und Ganzen ist der Wedding bockig geblieben. Neben der Kita meiner Tochter lag noch immer eine Methadon-Ausgabestelle, wir schoben uns jeden Morgen durch Trauben von Junkies. Und natürlich ist auch der Leopoldplatz ein glorreicher Schandfleck geblieben. Ich mag ihn nicht, bin aber froh, dass er da ist.

Und natürlich ist auch der Leopoldplatz ein glorreicher Schandfleck geblieben. Ich mag ihn nicht, bin aber froh, dass er da ist.

Inzwischen wohne ich wieder im Brunnenviertel, der Wiege meines Berliner Lebens. Ich habe als herumspazierender Vater sämtliche Winkel vom Plötzensee bis zum Schillerpark, den Rehbergen bis zum Humboldthain erkundet. Kein Spielplatz ist mir fremd. In meinem Haus wohnen Leute, die da schon zu Mauerzeiten gelebt haben. Ich zahle das dreifache ihrer Miete, obwohl wir die gleiche Wohnfläche haben. Das halte ich nicht für ungerecht, sondern für ein Zeichen der Zeit.

Es gibt hippe Bars in der Gegend, mit signature drinks und stylischen Raumkonzepten. Aber auch verrauchte Eckkneipen mit der Patina von fünfzig Jahren auf Wänden und Menschen. Manche Ecken des Wedding sind vielleicht tatsächlich gekommen, schleichend und unauffällig. Das muss aber nichts heißen, denn die phlegmatische Macht dieses Sperrmüllbezirks darf man nicht unterschätzen.

Die phlegmatische Macht des Wedding darf man nicht unterschätzen

Zumindest denke ich das, wenn ich durch die Brunnenstraße gehe und die Reste von WEDDING DRESS BERLIN betrachte. Man muss schon genau hinschauen, um die letzten Pioniere dieses Experiments zu finden. Sie harren lustlos zwischen Wettbüros und muslimischen Kulturvereinen aus und veranstalten in unregelmäßigen Abständen ihre gespenstischen Sektempfänge.

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