Warum so griesgrämig, Berlin?

© Flo Karr

Berlin, wir müssen mal reden. Versteh' mich nicht falsch: Ich mag dich. Sehr sogar. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, und die Gelegenheit weg zu gehen, hab' ich mehr als einmal ausgeschlagen. Trotzdem: Es könnte nicht schaden, deine Einstellung mal zu überdenken.

Seit einer halben Ewigkeit nennst du dich jetzt schon arm, aber sexy. Cooler Spruch, keine Frage – er erklärt auf die Schnelle ganz viel und passt nebenbei auch noch problemlos auf ein ironisches T-Shirt. Was will man mehr? Ich finde, ein bisschen mehr Selbstwertgefühl könnte dennoch nicht schaden. Manchmal kann man nämlich den Eindruck kriegen, dass du dich selbst so gar nicht leiden kannst, Berlin.

Bestes Beispiel: Seit Jahren feierst du eine BVG-Kampagne, die Verspätungen, Zugausfälle und unfreundliches Personal mit markigen Sprüchen zelebriert, statt sich um Besserung zu bemühen. Man könnte auch sagen: Du lässt dir ins Gesicht rotzen und bedankst dich noch artig dafür. Was ist da los, Berlin? Ist das noch Humor oder schon Selbstkasteiung?

'Nicht schlecht... für Deutschland' ist in Berlin das größte denkbare Lob.

Dieser unterschwellige Selbsthass überrascht mich immer wieder. Du hast so viel zu bieten, Berlin! Du könntest dir da echt was drauf einbilden. Stattdessen schweift dein Blick unentwegt in die Ferne. Wenn man dich fragt, dann ist die Sache klar: Woanders ist das Gras auf jeden Fall grüner, das Essen leckerer, das Kulturprogramm besser, das Nachtleben aufregender. Was vor deiner eigenen Haustür abgeht, das siehst du gar nicht. Und wenn du dich doch mal erbarmst, dann ist Nicht schlecht... für Deutschland das größte denkbare Lob.

Teilen möchtest du das, was du hast, allerdings trotzdem nicht. Für Zugezogene hast du nur böse Blicke und ebenso böse Witze übrig. Über die Heerscharen von Tourist*innen, die täglich deine Straßen verstopfen, reden wir lieber gar nicht. Wird ein Laden bei den Touris als Geheimtipp gehandelt, ist er für dich sofort gestorben. Was wollen diese Leute eigentlich alle hier, und wer zur Hölle hat die eingeladen? Verstehen werden sie dich eh nie, davon bist du felsenfest überzeugt. Aber verstehst du dich eigentlich selbst, Berlin?

Verstehst du dich eigentlich selbst, Berlin?

Ich geb' zu: Lange ist mir das gar nicht aufgefallen. Auch ich spreche fließend Berliner Schnauze. Als Ur-Berliner hätte ich an der Berliner Attitüde wahrscheinlich nie was Seltsames gefunden, wenn nicht London dazwischen gekommen wäre.

Auf den ersten Blick wirken London und Berlin ziemlich ähnlich: Groß, laut, teuer. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: London liebt sich. Und das bemerkst du an jeder Ecke. Der zuverlässige öffentliche Nahverkehr ist da nur ein Bonus. Du kannst keinen U-Bahnhof betreten, ohne von wandfüllender Werbung für neue und alte Stücke im West End begrüßt zu werden. In den immer vollen Pubs feiern Generationen von Londonern schon ab mittags das Leben in der britischen Hauptstadt. Mit dem Stolz auf ihre Heimatstadt gehen sie großzügig um.

Was gut läuft, was Spaß macht, was Applaus verdient

Als Gast wirst du überschüttet mit Tipps, Ideen und Empfehlungen. Jeder Londoner ist überzeugt, ganz genau zu wissen, wo es das beste Ale und den leckersten Pie der Stadt gibt, und am liebsten wäre es ihnen, du würdest beides direkt ausprobieren. Es macht Spaß, Gast in London zu sein, weil es den Londonern offensichtlich Spaß macht, dort zu leben. Und ich würde mir wünschen, du könntest dir davon wenigstens eine kleine Scheibe abschneiden, Berlin.

Ich rede nicht von einem blinden, unkritischen oder gar nationalistisch geprägten Stolz. Der ist in etwa so erstrebenswert wie ein Loch im Knie und mindestens genauso gut für die Stimmung. Wenn was schief läuft, dann kannst und darfst du das gern kritisieren, Berlin. Ich bitte sogar darum. Aber vielleicht nimmst du dir zwischendurch auch einfach mal die Zeit, dass zu sehen, was gut läuft, was Spaß macht, was Applaus verdient. Davon gibt's hier nämlich eine ganze Menge. Du musst nur mal die Augen aufmachen – und deine berühmte Schnauze kurz mal im Zaum halten.

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