Unsere 11 Kunsttipps für den Juni 2019

Demnächst wird in der Berlinischen Galerie die Rolle der Kunst im Klima-Diskurs diskutiert. Obwohl ihr oft vorgeworfen wird, sie erfülle, anders als das Design, rein dekorative und investorische Zwecke, bezog Kunst schon immer Stellung und erhob die Stimme. Davon zeugt, zu meiner Freude, auch das aktuelle Ausstellungsprogramm, das mit globalen, höchst relevanten Positionen gespickt ist. Das darf in der Visualität auch mal dekorativ sein, aber es lohnt sich auch, das Dahinter zu "lesen". In diesem Sinne: viel Vergnügen und wertvolle Einsichten mit der Kunst im Juni.

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© Andy Kassier, Beach Phone I like it real im Schau Fenster

Andy Kassier ist ein wohlbetuchter, Prestige-hungriger und -gesegneter Dandy. Er besitzt, predigt und strebt nach Reichtum, Schönheit und ganzheitlicher Perfektion. Sein Körper ist gestählt, das Haar sitzt, die Lackschuhe sind poliert. Andy Kassier ist eine Kunstfigur, die die primär maskuline Selbstdarstellung und den unstillbaren Hunger nach Selbstoptimierung durch Übertreibung mokiert. Er steht wie ein Maskottchen für die Botschaft der Gruppenausstellung I like it real. Hier geht es um die Diskrepanz zwischen der wirklichen und der gefilterten Realität, aber auch um die Notwendigkeit des Echten für die Gemeinschaftsbildung. Real wird Andy Kassier übrigens beim Talk am 13. Juni, 19 Uhr im SchauFensterBerlin zum Thema „Was kann ich besser machen?III“.

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Wolfgang Tillmans, Summer Still-life, 1995 © Wolfgang Tillmans. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln 
Food for the Eyes im C/O 
Berlin

Foodporn. Schon längst hat Essen aufgehört einfach nur unsre Mägen zu füllen. Es ernährt gleichzeitig unser Auge, unsere digitalen Kanäle und unser Image. Essen ist ein Accessoire geworden. Das gemeinsame Mahl wird aber auch heute noch mit Gemeinsamkeit, Familie und Ritualen assoziiert. C/O widmet sich mit Food for the Eyes nun der Geschichte des Essens in der Fotografie. Einen vielschichtigen Blick auf Esskultur gewähren in dieser Ausstellung Arbeiten von Martin Parr, Irving Penn, Fischli |Weiss, Cindy Sherman und Martha Rosler.

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© Cee Cee Berlin für SMAC Laufrichtung bei SMAC

Papier ist nicht tot. Lang lebe das Papier! SMAC fasst, wie ich finde, sehr treffend zusammen, warum wir uns trotz anders lautender Prophezeiungen nicht von Papier als Medium trennen können: "(w)ir empfinden es als praktisch (Notizzettel) und kostbar (eine Raffael-Zeichnung), emotional (der erste Liebesbrief) und lästig (ein Werbeflyer)." Eine Ausstellung als Ode an ein lebendiges Material, mit Arbeiten von John Bock, Asta Gröting, Alicja Kwade, Björn Melhus, Tino Sehgal und Katja Strunz.

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Zuzanna Skiba, o.T., 2018 Lecker im Atelierhof Kreuzberg

Während SMAC die Unkaputtbarkeit des Materials Papier zelebriert, widmet sich der Atelierhof Kreuzberg dem Lebendigen im scheinbar leblosen Ölgemälde. Eine Gruppenshow mit unterschiedlichen Positionen, unter anderem von Zuzanna Skiba, Maxim Brandt und Anne Forest.

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© Cian Dayrit Cian Dayrit bei NOME

Karten waren schon immer alles andere als nur ein objektiver Navigator. Was wie abgebildet wird, ist immer eine Entscheidung und oft eine politisch motivierte. Eine Karte richtig zu deuten, verlangt daher danach, die Position des Autors zu verstehen. Der philippinische Künstler Cian Dayrit betrachtet die Aktivität des Kartographierens als emanzipatorischen Akt. Seine Karten überlagern kolonialistische Abbildungen, zeigen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, der Besetzung und Unterdrückung. Karte als Statement sozusagen.

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Ausstellungsansicht, 2019, KINDL. Foto: Jens Ziehe Behind the Screen im KINDL

Für Behind the Screen bringt die Kuratorin Anne Schwanz Arbeiten von Constant Dullaart, Jonas Lund und !Mediengruppe Bitnik zusammen; sie alle gelten als Vertreter*innen, aber auch starke Kritiker digitaler Medien. 2013 schickte die !Mediengruppe beispielsweise ein Paket in Ecuadors Botschaft in London, adressiert an Julian Assange. Darin enthalten: eine Kamera, die den Weg des Pakets dokumentierte – ein Live Mail Art Piece. In einem anderen Projekt shoppte ein Roboter monatelang in deren Auftrag im Darknet und bestellte Ecstasy in die Galerie. Die Mediengruppe, aber auch Constant Dullart, fordern die Mechanismen und Möglichkeiten entlang der analog-digitalen Grenze heraus. Das nennt man Medienkompetenzbildung im Museum.

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Elina Brotherus, Portrait Series (Gelbe Musik), 2016 Mostly Happy im Haus am Lützowplatz

2018 wurden die Finnen zum zweiten Mal in Folge zur glücklichsten Nation der Welt gekürt - und: Finland führt auch den Good Country Index an. Ein übermäßig hohes Durchschnittseinkommen, ein funktionierendes Sozial- sowie ein hervorragendes Bildungssystem sind einige der Ursachen für diesen Erfolg. In der Gruppenshow Mostly Happy reflektieren zehn finnische Künstler, was hinter der glücklichen Fassade dieser noch jungen Nation liegt.

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Minerva Cuevas, No Room To Play, 2019. Ausstellungsansicht DAAD Galerie Berlin Minerva Cuevas bei DAAD

Die zurückliegenden Europawahlen haben uns wieder über die weltrelevanten Themen nachdenken lassen. Minerva Cuevas nutzt - und das nicht nur anlassgebunden – ihre künstlerische Stimme für deren Aufbereitung. Sie befasst sich unter anderem mit den Bedingungen der Nahrungsmittelproduktion, der Verteilung natürlicher Ressourcen, aber auch den Ursachen und Folgen des Klimawandels. Dafür eignet sie sich die Sprache von Branding und Werbung an. Für No Room To Play bringt sie die historischen Fragen um Stadtentwicklung mit ideologischen Grundsätzen von Wettkampf und Spiel in Verbindung. Das Motto der Olympischen Spiele "Schneller, Höher, Stärker" wird im Kontext feministischer und anti-kapitalistischer Perspektiven auf den Prüfstand gestellt. 

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Beasts of the Time – Lynn Chadwick, Katja Strunz, Hans Uhlmann. Ausstellungsansicht, 2019, Haus am Waldsee. Foto: Roman März Lynn Chadwick, Katja Strunz und Hans Uhlmann im Haus am Waldsee 


Das Georg Kolbe Museum Berlin und das Haus am Waldsee holen gemeinsam den britischen Skulpturkünstler Lynn Chadwick für seine erste museale Ausstellung nach Deutschland. In der Nachkriegszeit definierte Chadwick die Rolle und Form skulpturaler Kunst essenziell mit. Dementsprechend wird im Kolbe Museum eine umfangreiche Werksauswahl mit Skizzen, Skulpturen und Grafiken präsentiert. Im Haus am Waldsee hingegen treten seine Skulpturen in Dialog mit figurativen Werken seiner deutschen Kolleg*innen Katja Strunz und Hans Uhlmann.

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Anna Daucikova, On Allomorphing ODEION © Mathias Voelzke Anna Daučíková im KW

Jährlich vergibt die Schering Stiftung in Zusammenarbeit mit dem KW einen Preis an eine*n Künstler*n dessen*deren* Arbeit von hohem Wert für den wissenschaftlichen Diskurs ist. 2018 ging der Preis an die tschechisch-slovakische Künstlerin Anna Daučíková, die sich seit Jahrzehnten mit ihrem persönlichen queeren Selbstverständnis, aber auch der Außenwahrnehmung sowie externe Kräfte, die auf dieses Dazwischensein wirken, befasst. Für eine Auftragsarbeit, die im KW neben umfangreichem dokumentarischem Material gezeigt wird, entschloss sich Daučíková für die Arbeit mit Glas. In diesem Material erkennt sie eine Parallele zu ihrem Dasein. Ambivalent bewegt es sich zwischen Materialität und Immaterialität, Handwerk und Konzept.

  • KW Institute for Contemporary Art
  • Auguststraße 69, 10117 Berlin
  • Eröffnung: 6. Juni, 19 Uhr 
| Bis 18. August | Mittwoch–Montag, 11–19 Uhr, Donnerstag, 11–21 Uhr | Künstlerinnengespräch am 8.Juni, 17 Uhr | 

  • Eintritt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro
  • Mehr Info
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Kan Xuan, Graving Ravels, 2019. Ausstellungsansicht, Times Art Centre, Berlin. Kan Xuan im Times Art Center

Wie steht es eigentlich um die Ethik in Wirtschaft und Technologie? Das lässt sich besonders gut herausfinden, indem man sich selbst ins Feld wirft. Die Künstlerin Kan Yuan aus Peking tut das. Sie produziert nicht nur freie Kunst, sondern arbeitet auch als kommerzielle Videoproduzentin beispielsweise für Automobilkonzerne. Konsumkultur und Identitiätspolitik sind zwei ihrer Hauptinteressen, die sie auch in der Ausstellung „Racing Gravels“ durch Bewegtbild erforscht.

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