Was bedeutet der Brexit für diese jungen Brit*innen in Berlin?

© Andrea Lavezzaro

Hat man in den vergangenen Wochen und Monaten nach Großbritannien geschaut, so bleibt einem nichts anderes übrig als zu sagen – was für ein politisches Debakel! Der Entschluss Englands, aus der Europäischen Union auszutreten, schmerzt heute am Tag der Europawahl, mehr denn je. Auch wenn die Briten und Britinnen heute noch einmal ihre Stimme abgeben dürfen – wie die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit England in Zukunft (und nach dem Rücktritt Theresa Mays) aussehen werden, bleibt erst einmal ungewiss.

Neben den politischen Dimensionen, wird der Brexit aber vor allem auch ganz konkrete und individuelle Auswirkungen auf die Lebenswelt vieler Menschen haben. Insbesondere auch auf diejenigen, die viel reisen oder in anderen europäischen Städten wie zum Beispiel in Berlin leben. Um diese Perspektiven und Lebensrealitäten zu beleuchten, hat sich die brasilianische Fotografin Andrea Lavezzaro für ihre Fotoserie Brexit in Berlin mit neun verschiedenen Protagonist*innen getroffen, um zu erfahren, was der Brexit für Brit*innen, die hier leben, ganz konkret bedeutet. Wisst ihr, was sie alle gemeinsam haben? Sie wollen in der EU bleiben!

Ayah

Ayah ist 28 Jahre alt und wurde in Russland geboren. Aufgewachsen ist sie aber in Reading, einem kleinen Städtchen in England. Da ihr London zu groß und stressig ist, hat sie nach einer Alternative Ausschau gehalten. Ihre Wahl fiel auf Berlin und so zog sie her. Ayah hat beim Referendum für den Verbleib in der EU gestimmt, ihre Eltern dagegen – obwohl sie selbst einmal Einwanderer waren. Sie sind der Meinung: "Großbritannien muss seine eigenen Regeln aufstellen." Ayah glaubt, dass ihre Eltern durch Propaganda beeinflusst wurden.

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Nick

"Ich habe eigentlich schon darüber nachgedacht, in Zukunft Kinder zu haben, aber nach dem schottischen Referendum und dem Brexit fühle ich mich momentan sehr unwohl und instabil gegenüber Großbritannien. Die Idee, eine Familie zu gründen und danach zurückzukehren, kommt angesichts des aktuellen Chaos, in dem England sich befindet, nicht in Frage für mich."

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Rob

Rob lebt schon seit einiger Zeit in Berlin und meint, er hätte die gleiche Meinung, wenn er noch in Großbritannien leben würde. Er hatte damals zwar Angst vor dem Brexit, ging aber ins Bett und dachte, es würde schon alles gut gehen. Doch dann wachte er auf – und konnte nicht glauben, was passiert war. Er hat jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft, macht sich aber Sorgen um seine Eltern, die zur Zeit in Frankreich leben und sich dort auch zur Ruhe setzen wollen.

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Issy

Issy ist gerade einmal 19 Jahre alt gewesen, als sie nach Berlin zog, um hier zu studieren. Sie will nicht mehr zurück. Aber sie ist sehr wütend über das, was passiert ist – auch, weil es ihre zukünftigen Entscheidungen betrifft. Zum Zeitpunkt des Referendums war Issy erst 17 und durfte noch nicht wählen. Sie beantragt gerade einen irischen Pass, während sie als Babysitterin in einer deutsch-britischen Familie jobbt.

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Jo

Jo ist 32 und seit 4 Monaten in Berlin. Sie hat für die EU gestimmt und kennt niemanden, der dagegen gestimmt hat. Sie sagt, dass Großbritannien kein schöner Ort mehr ist. Zusammen mit ihrem Ehemann hat sie in England ein Haus gemietet, das sie barrierefrei umgebaut haben. Aus diesem Grund und weil England ihr eine kostenlose Gesundheitsversorgung gewährleistet, wird sie zurückkehren. Sie denkt darüber nach, sich nach ihrer Rückkehr stärker politisch zu engagieren, weil sie davon überzeugt ist, dass es endlich Zeit ist, etwas zu verändern.

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Ana

Ana ist Schottin. Ihrer Meinung nach ging es beim Brexit nicht um die Europäische Union, sondern eher um eine Diskussion zwischen Klassen, um Rassismus und verschiedene interne Interesse. Sie glaubt, dass die lokalen Medien in England sehr viele Lügen verbreitet haben, insbesondere über das staatliche Gesundheitssystem (NHS), und dass die Menschen dort extrem manipuliert wurden. In der Nacht des Brexit ging sie mit Freunden in eine Kneipe. Dort hat sie mitbekommen, wie ein Freund und einige andere, aus Scherz für den Brexit gestimmt haben – ohne sich darüber bewusst zu sein, welche Konsequenzen das tatsächlich haben würde.

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Rosie

Rosie lebt erst seit einem Monat in Berlin. Sie hat einen gewissen Druck verspürt, es bald zu tun, um mögliche Komplikationen mit ihrem Visum zu vermeiden. Sie war während des Referendums noch zu jung, um abzustimmen. Sie bewirbt sich gerade an Universitäten in ganz Europa.

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Adam

Zur Zeit plant Adam nicht, nach Großbritannien zurückzukehren. Er war von den Ergebnissen sehr überrascht und ist nach wie vor besorgt. Er glaubt, dass Schottland in den nächsten Jahren versuchen wird, einen Weg zu finden, um Teil Europas zu bleiben. Er stimmte damals zwar für das schottische Referendum, aber nicht für den Brexit. Adam findet es bis heute falsch, dass die britische Bevölkerung so eine komplizierte Angelegenheit entscheiden soll, die ja nicht einmal Politiker*innen verstehen.

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Tom

Der Brexit ist nur ein Grund, warum Tom nach Berlin gezogen ist.  Er beschäftigt sich gerade mit seinem eigenen Business und möchte hier neue Möglichkeiten erkunden. Er akzeptiert das Ergebnis, ärgert sich aber über die Unklarheit, was passieren wird. Er denkt, dass das Wahlergebnis Ausdruck der Frustration der Menschen in einem größeren System zeigt. Tom fand beide Seiten, sowohl Befürworter als auch Brexit-Gegner, sehr aggressiv und findet, dass viele Lügen kursierten. Viele seiner Freunde stimmten dafür, die EU zu verlassen.

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