Unsere 11 Kunsttipps für den Oktober 2019

Altmeister und junge Talente versüßen euch im Oktober den Abschied vom perfekten Sommer. Es fallen die Begriffe "Fetisch" und "Kannibalismus" – wenn auch nicht ein einem Tipp. Und wir bringen euch von Weißensee bis Charlottenburg – wenn ihr uns denn folgt. Das gesagt: Lasst euch bitte die Laune von dem Wetter nicht vermiesen. Irgendwo warten immer kleine und große Lichtblicke.

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Kasper König, What beauty is, I know not, Ausstellungsansicht, 2019 ©Roman März Kasper König in der König Galerie

Es hieß, Kurator Kaspar König wollte seinem Sohn mal zeigen, wie man Ausstellungen macht, oder –entschärft – was man aus der großzügigen, aber auch herausfordernden Architektur der ehemaligen Kirche St. Agnes rausholen könne. Gesagt, getan: Der Altmeister hat das Potenzial voll ausgeschöpft. Er zog alte und neue Werke heran, darunter welche von Polly Apfelbaum, Thomas Bayrle, Alighiero e Boetti, Fischli/Weiss, Thomas Hirschhorn, Susi Pop und Rosemarie Trockel. Jean-Louis André Théodore Géricaults Historienbild „Das Floß der Medusa“ (1819), ein historisches Gemälde zum Thema Kannibalismus, wurde durch das Künstlerduo Susi Pop adaptiert. Das großformatige und den Raum dominierende Bild in knalligem Pink bildet eine der zwei Säulen dieser Ausstellung. Die zweite ist Albrecht Dürers „Bauernsäule“ aus dem Jahr 1525. Dazwischen passieren spannende Dialoge und Neuinterpretationen.

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Lena Skrabs, Minigolf Weather Forecast © Lena Skrabs Hydra im Haus am Kleistpark

Bei Auktionen im letzten Jahr machten die Erlöse „weiblicher Kunst", so das Monpol Magazin, gerade mal zwei Prozent aus. Die männliche Sammlerschaft glaubt eher an den Marktwert männlicher Werke, oder schlichtweg an das männliche Geschlecht an sich. Gegen jene patriarchale Strukturen engagieren sich Initiativen wie das Goldrausch Künstlerinnenprojekt, das die Durchsetzung und Sichtbarmachung herausragender künstlerischer Positionen von Frauen zum Ziel hat. Die 29. Ausgabe des einjährigen Programms mündet nun wieder in einer Gruppenausstellung im Haus am Kleistpark. 

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Anne Imhof

Anne Imhof in der Galerie Buchholz

Den Name Anne Imhof verbinden einige sicherlich mit der Performance "Angst II". 2016 tauchten Besucher*innen im Hamburger Bahnhof in eine zeitgenössische Form der Oper ein. Alles, von Bühnenbild bis Outfits, präsentierte sich in Schwarz und Weiß. Langgliedrige Darsteller*innen, lustlose Mienen, Wiederholungen, Musik von Handys, Nebel. "Angst II" war immersiv und zugleich abweisend und beklemmend. Die Künstlerin, damals Trägerin des Preis' der Nationalgalerie, definiert sich aber nicht durch das Medium Choreographie, sondern auch ihre Themen. Sie interessiert sich für Fetische und die ihnen zugrunde liegende Spannung zwischen Lust und Dominanz. Fetisch bezeichnet die Vergötterung eines Gegenstandes, häufig eines einfachen Alltagsgegenstandes. Diese hat Imhof in ihrer Ausstellung "Imagine" in der Galerie Buchholz nun zum Objekt der Begierde erhoben. 

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Tobias Rehberger, Inspiration is a little town in China – in Papier, Installationsansicht, Haus am Waldsee, 2019, © Roman März Tobias Rehberger im Haus am Waldsee

Inspiration is a little town in China. 2000 Jahre nach Erfindung der Papierherstellung in China wurde das, laut Tobias Rehberger, unverbindliche, großzügige und geduldige Material, ihm zur Muse und Ressource. Der Bildhauer, der Gegebenheiten immer wieder in Frage  stellt, ließ für seine Einzelausstellung im Haus am Waldsee alle ursprünglichen Wände des Hauses wieder einziehen. So wurde die intime Stimmung des einstigen Privathauses zurückgeholt. Mit der Fülle an teils skurrilen Zeichnungen und Skulpturen mutet es stellenweise wie ein Spukhaus an. In einem Raum knallen uns in leuchtenden Farben Termitenhügel entgegen. Termiten produzieren nämlich durch Verdauungsprozesse eine Art Papier, die sie als Baustoff verwenden.

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Wu Tsang, Sustained Glass, 2019 with Fred Moten, boychild, Lorenzo Moten & Hypatia Vourloumis, Ausstellungsansicht, Gropius Bau, Berlin, 2019.
 Photo: Luca Girardini, courtesy: the artist; Galerie Isabella Bortolozzi & Cabinet Wu Tsang im Gropius Bau

Die Filmemacherin Wu Tsang ist die erste Künstlerin des "Artist in Residence"-Programms des Gropius Bau und zeigt nun dort in einer Einzelausstellung auch eine Arbeit, die im Rahmen dieses Aufenthalts entstanden ist. In sieben Räumen lässt sie die Besucher*innen an ihrer Strategie der künstlerischen Kollaboration teilhaben. Durch die Überlagerung mehrerer Perspektiven, Stimmen und Lagen in Filmen, Texten und Sound-Arbeiten mahnt Tsang zur Kenntnisnahme nebeneinander existierender Realitäten. Den zentralen Film „One emerging from a point of view“ drehte sie auf Lesbos, wo 2015 850.000 Geflüchtete über das Mittelmeer ankamen und mit dem Trauma der Vertreibung klar kommen müssen. Fakt und Fiktion verschmelzen in ihren Arbeiten, auch zu den Themen Queer- und Blackness. 

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©Luo Yang Luo Yang bei H27 Gallery

Die internationalen Galerien haben inzwischen das Potenzial des asiatischen Markts erkannt und dort Ableger eröffnet. Andersrum wird nur wenig beispielsweise chinesische Kunst bei uns gezeigt. Bird Space ändert das: Die in Berlin und Peking aktive Galerie hat sich jetzt für die Ausstellung von Luo Yang mit Ryan Kalbs Galerie H27 zusammengetan. Die Galerie brachte Ryan beim kürzlichen Umzug nach Berlin aus Shanghai mit. Yangs Porträts brechen die stereotypen Vorstellungen der chinesischen jungen Frau. Sie präsentieren sie cool und selbstbewusst, in aller Vielfalt und Intimität. 2012 betitelte Ai Weiwei übrigens Luo Yang als eine der aufsteigenden Sterne der chinesischen Fotografie. Eine Ehre, diese nun in Berlin zu sehen.

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Hreinn Friðfinnsson im KW Institute for Contemporary Art

Hreinn Friðfinnsson spielt. Er, einer der führenden Künstler Islands, beruft sich dabei auf Sagen, Literatur und Alltagserlebnisse. Poetisch und humorvoll untersucht er mit subtilen Gesten den Zusammenhang zwischen Dingen und nicht greifbaren Konzepten; dabei kreiert er kleine Wunder. Die Retrospektive in den KW liefert einen Überblick über Friðfinnssons Schaffen in den letzten 50 Jahren.

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Alex Katz, Museum Brandhorst, 2019 ©Verena Schwarz Alex Katz in der Kunsthalle Koidl

Seit über 60 Jahren malt Alex Katz seine Frau Ada. Manchmal auch andere Schönheiten des weiblichen Geschlechts, noch seltener Männer. Katz' Gemälde wirken nicht inszeniert, sondern eher wie spontane Schnappschüsse. Man fragt sich, wer diese Frauen sind und was sie sehen. Auf den zweiten Blick fällt auf, wie alterslos und faltenfrei sie alle sind. Realistische Abbildungen waren aber auch nicht Katz' Ziel: Der Amerikaner gilt als Vorreiter der Pop Art und Inspiration für Roy Lichtenstein, entfernte sich jedoch bald von dem Genre, um seinen eigenen, unverwechselbaren Stil auszubilden. Erfolgreich. 

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Up in Arms im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien

In den letzten Monaten stand die Rüstungsindustrie vermehrt in den Schlagzeilen; auch in der Kunstpresse. Zahlreiche Künstler*innen der Whitney Biennale zogen ihre Werke aus der Gruppenschau zurück, weil einer der Mäzene des Museums Verbindungen zur Waffenindustrie pflegt. Aber auch Deutschland steht mit Exporten nach Saudi Arabien unter, na ja, Beschuss. Das Projekt „Up in Arms“ bringt diese Themen in den Ausstellungsraum, fordert Transparenz im Rüstungshandel und zeigt dessen lokale und globale Verbindungen auf. Vertreten sind bekannte und unbekanntere Künstler*innen wie Hiwa K., Hito Steyerl, Walid Raad und Julian Röder, desweiteren beteiligen sich Initiativen wie Aktion Aufschrei und Adopt a Revolution.

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Installationsansicht Berlin Masters 2018 © Berlin Masters Foundation Berlin Masters 2019 im Kühlhaus

Auch dieses Jahr werden die Berlin Masters in Berlin geehrt. Die Berlin Masters ist eine Ausstellung sowie Förderplattform für hier lebende und arbeitende Künstler*innen unter 30 Jahren, denen mit ihrer Teilnahme der Einstieg in den Kunstbetrieb erleichtert werden soll. Zwei Preise werden pro Jahr vergeben, einer davon ging 2018 an die Medienkünstlerin Carla Chan, der andere an den Fotografen Paul Hutchinson.

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Yael Bartana, Bury Our Weapons, Not Our Bodies!, 2018 © Yael Bartana Yael Bartana bei Capitain Petzel

Yael Bartanas Filme vergisst man nicht. Vor vier Jahren sah ich ihre Arbeit "Inferno" in der Petzel Gallery in New York. Es war bildgewaltig. Ich erinnere mich an marschierende Menschen, an rituelle Gesten, eine Kirche, Flammen. Jene Elemente sind wiederkehrende Elemente in ihren Arbeiten. Bartana interessieren Rituale, nationale Mythen und das Thema Krieg. Menschen müssen bei ihr drohende Katastrophen abwenden. Schaut es euch mit eigenen Augen an und vergesst die Bilder nie mehr. 

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