Ein Open-Air-Atelier im schicken Westen: Zu Besuch bei "Hometown"

© Charlott Tornow

Charlottenburg war schon immer bekannt für seine schicken gut erhaltenen Altbauten, für reiche Russen, die auf dem Ku'damm shoppen gehen, seit einigen Jahren auch für die neue Upper West direkt am Bahnhof Zoologischer Garten, die beweist, dass Hochhaus- und Hotelprojekte im Gegensatz zum verkorksten Potsdamer Platz tatsächlich auch gut aussehen können. Neben hochpreisiger Mode konnte man sich in Charlottenburg auch schon immer gut hochpreisige Kunst kaufen; nur das, was vor allem Berlins Osten ausmacht, sah man hier bis vor zwei Jahren kaum: Streetart. Die Kunst hielt sich hinter schicken Galerietüren versteckt. Wer ein bisschen Gegenkultur sehen wollte, der musste schon nach Schöneberg, wo sich mit Urban Nation eines der angesehensten Streetart- und Urban-Art-Projekte rund um die Bülowstraße ansiedelte.

Doch dann kam das größte Projekt der Welt THE HAUS aus dem Nichts und machte mit einem Schlag Streetart in Charlottenburg kredibil. Einige Künstler und Macher von THE HAUS schlossen sich zum Wandelism e.V. zusammen. Ihr Ziel: ein Zeichen gegen die Verdrängung von Kunst und Kultur aus dem Stadtzentrum setzen. Erst zu Beginn des Jahres verwandelten sie mit Hilfe von 60 (inter-)nationalen Künstlern ein altes Autohaus in ein riesiges Atelier. Ähnlich wie THE HAUS wurde das Gebäude kurze Zeit später abgerissen. Ein Zeichen für die Vergänglichkeit von Kunst – eben das, was Streetart ausmacht.

© Charlott Tornow
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Jetzt hat der Wandelism e.V. mit Hometown ein neues Projekt und der Ort des Geschehens mag auf den ersten Blick wieder nicht so recht passen: Auf dem Gelände der Hertzallee 41, zwischen Bahnhof Zoologischer Garten und Technische Universität, sollte einst das London Eye von Berlin entstehen, ein Riesenrad, das niemals verwirklicht wurde. Wie so viele Projekte in Berlin. Im Winter stehen hier die Catering-Busse des Palazzos, der Dinner-Show von Kolja Kleeberg und Hans-Peter Wodarz. Im Sommer liegt das Gelände brach. Der perfekte Ort also, um zu zeigen, dass der piekfeine Westen mehr kann.

Moritz Tonn, Vorsitzender des Wandelism e.V., sagt, dass sie Kunsträume in Berlin schaffen wollen, in denen sich jeder verwirklichen kann, ganz frei von dem Kunstgeschmack einzelner. So haben sich auf der 4500-Quadratmeter-Brache wieder zahlreiche Künstler mit verschiedensten Stilen verewigt. Und getreu dem Motto, dass Streetart vergänglich ist, wird nach vier Wochen alles übermalt und Platz für neue Künstler geschaffen. Dazu gibt es an den Wochenenden regelmäßig verschiedene Veranstaltungen wie DJ-Sets, Workshops und Kurse – von Graffiti über Origami bis hin zu Yoga und Tanz. Demnächst entsteht hier auch das größte Tattoo der Welt.

© Charlott Tornow
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Moritz Tonn selbst schwebt für das Gelände ein permanenter Innovationshub vor, eine Art Kunstraum, in dem Künstler sich verwirklichen können. Zunächst aber steht das Paste-Up-Fest in Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper an, das vom 1. September bis 30. Oktober die Collagen-Kunst des „Pasten“ ans Opernhaus bringt. Und vom 1. September bis 13. Oktober findet gleichzeitig die Monumente in Leipzig statt, wo auf dem Gelände der alten Pittlerwerke für sechs Wochen eine Galeriefläche entsteht, die Street und Contemporary Art, Graffiti, Installation, Musik und Performance vereint.

Hometown | 16.06.–03.10.2018 | Hertzalle 41, 10787 Berlin | Donnerstag–Sonntag: 12–00 Uhr | freier Eintritt an Wochentagen, 5 Euro für Veranstaltungen | Mehr Info

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