"Sorry, darf ich hier einkaufen?" – Shoppen in Mitte ist so frustrierend

© Gonzalo Arnaiz | Unsplash

Einige gehen ins Schweigekloster, um in aller Stille das Alleinsein zu zelebrieren. Andere entscheiden sich dafür, eine Boutique in Berlin-Mitte zu eröffnen. Es heißt schließlich Einzelhandel. Oder Mono-Label-Store. Und wer hätte denn auch damit rechnen können, dass das Einsiedlertum im Marmormausoleum der Mulackstraße dann und wann von Kunden gestört wird? Für 15 Euro Miete pro Quadratmeter, das scheinen sich diverse attraktive Designer*innen und Verkäufer*innen zu denken, kann man durchaus erwarten, zwischen Seidenblusen, Korsettröcken und Nietenschuhen ungestört im aktuellen Sleek Magazine blättern zu dürfen.

Ja, es ist hart. Verkaufen ist hart, den ganzen Tag in einem Store zu sitzen ist hart. Es gibt unmögliche Kunden und Winterschlussverkäufe – aber wisst ihr, was nicht hart ist? „Guten Tag“, „Guten Abend“ oder „kann ich helfen“ über die dünnen Lippen zu hauchen. Es ist schließlich ein verdammtes Geschäft. Und solange das Mietshaus nicht dem Vater in Freiburg gehört oder der Wunschbaum im Garten unendlich viel Kohle abwirft, kann ich mir denken, dass man Geschäfte machen möchte.

Falsch gedacht.

Berlin-Mitte: Hier möchte man nichts verkaufen, hier stellt man aus.

Als ich nach Berlin zog, ja, Zugezogene, gobbel gobbel, dachte ich, dass es zum urbanen Zeitgeist gehöre, in einem dieser Läden wie Scheiße behandelt zu werden. Ignoriert zu werden, von den Schuhen bis zur Mütze gemustert oder wie ein Eindringling betrachtet zu werden, der absolut nichts in Bild passt. Ich dachte, dass man es wortlos akzeptieren müsse, schon vormittags um elf mit einem entnervten Seufzer, anstatt mit einem Lächeln, zumindest einem hochgezogenen Mundwinkel begrüßt zu werden. Das wird schon so stimmen, ist ja Berlin-Mitte, dachte ich. Hier möchte man nichts verkaufen, hier stellt man aus. Bis der Nächste kommt, die noch nach frischer Farbe riechende Boutique verdrängt, und seinen eigenen Traum vom Schweigen an selbiger Stelle auslebt.

Falsch gedacht.

Als ich nach Berlin zog, dachte ich, dass es zum urbanen Zeitgeist gehöre, in einem dieser Läden wie Scheiße behandelt zu werden.

Das ist kein Bash gegen die kleinen, feinen Geschäfte. Das ist kein Bash gegen den Mut, sich selbstständig zu machen und einfach rauszugehen. Mit seinem Unternehmergeist, seinem Traum vom eigenen Laden, seinen eigenen Designs. Das ist ein offener, vielleicht sogar notwendiger Bash gegen diese Unhöflichkeit, die, getarnt als Avantgarde und Überheblichkeit dem Primark-Pöbel gegenüber, das Bild unserer Stadt prägen soll. Die Berliner Gastronomie ist schon seit Langem bekannt für schlecht gelauntes Personal, Blogs überschlagen sich mit Artikeln über Kinderwagenpoller und Kreuzberger Café-Asis. Aber solange wir dorthin gehen und es als cool abstempeln, angeraunt, rausgeschmissen und gemaßregelt zu werden, wird sich das nicht ändern.

Es ist nicht cool, nicht edgy und nicht hilfreich, sich als Ladenbesitzer wie ein Misanthrop zu benehmen. Und nein, es sind nicht alle. Aber auch nicht wenige. Und die Tatsache, dass sich ebendiese Kandidaten in genanntem Karree zwischen Neue Schönhauser, Linien- und Münzstraße sammeln, spricht für einen Zeitgeist. Nicht für ein Phänomen der besonderen Art. Unerzogen war vielleicht mal en vogue. Aber das waren auch Buffalos und Charlotte Roche. Wenn ich mich mit Rotzgören umgeben möchte, dann besuche ich meine Patentochter im Kindergarten. Denn dort, und nur dort, ist es süß.

Ein notwendiger Bash gegen diese Unhöflichkeit, die das Bild unserer Stadt prägen soll.

Ich höre es schon, das Totschlagargument: "Dann kauf' doch nicht da." Ich möchte aber, genau dort. Und 179 Euro für einen Rollkragenpullover aus nachhaltiger Wolle ausgeben. Manchmal kostet solch ein Pullover auch einfach so 179 Euro, because they can. Und das ist okay, weil kleine Geschäfte unterstützt und geschützt werden müssen. Wie der Buchhandel vor Amazon. Ich möchte nicht zu Primark gehen müssen, um als Kundin nicht ignoriert zu werden.

Lustigerweise sind es nämlich jene Verkäufer dieser Mode-Großmärkte, die oftmals nett und hilfsbereit sind, auch nachdem sie bereits acht Stunden auf den Beinen waren, siebenunddruffzigtausendmal Hosen gefaltet und orientierungslose israelische Touristinnen im Kaufrausch besänftigt haben. Ich möchte aber genauso freundlich behandelt werden wie ich bin, wenn ich einen Laden betrete, um verdammt noch mal eine Hose, einen Pullover oder vielleicht sogar Strapse zu kaufen. Zumal, wir wissen alle, was sie mit dir in Berlin machen, wenn sie herausfinden, dass deine Leggings aus einem Sweatshop in Bangladesch stammen. Zurecht.

Solange wir dorthin gehen und es als cool abstempeln, angeraunt, rausgeschmissen und gemaßregelt zu werden, wird sich das nicht ändern.
Buch, Mit Vergnügen, Berlin für alle Lebenslagen