Mut zur Hässlichkeit: Schluss mit der Instagramisierung des Alltags!

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Ich sitze in einem lichtdurchfluteten Café. Von den hohen, weißen Decken hängen in handgeknüpften Blumenampeln feingliedrige Rankpflanzen in den Raum, der durch altmodische Glühbirnen mit sichtbaren Leuchtfäden in sanftes, gelbliches Licht getaucht wird. Die Tische sind aus geschwärztem Metall und rustikalem, geöltem Holz, man sitzt auf Metallhockern mit naturfarbenen, ein bisschen knittrigen Sitzkissen. An der Wand Prints und Grafiken mit Naturmotiven von jungen Künstlern. Es läuft irgendein softer Remix von José Gonzales, der Flat White kostet 2,90 Euro (Sojamilch 20 Cent extra). Dieses Café befindet sich in einem Szeneviertel in Berlin. Oder in London. Oder in Wien, Brüssel, Kopenhagen, München, Köln, Helsinki. Eigentlich ganz egal, denn: Es sieht mittlerweile überall komplett gleich aus.

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Teakholz, Metall, Kupfer, Glühlampen mit sichtbaren Leuchtfäden, Sukkulenten. Es ist ein Stil, den man nicht nicht mögen kann. Unaufgeregt, unisex, nicht zu neu, nicht zu alt. Im Grunde ziemlich durchschnittlich, aber eben so kuratiert, dass die Wertigkeit dabei nicht verloren geht. Und trotzdem stellt sich bei mir langsam, aber sehr sicher ein unleugbarer Überdruss ein. Warum gefällt mir das überhaupt? Und wie sah die Welt eigentlich aus, als noch nicht jeder dasselbe schön fand und wir alle denselben Bloggern, Influencern und Geschmacksvorbildern auf Instagram gefolgt sind?
Die völlige Abwesenheit von gestalterischem Feingespür und ziselierter Konsumkultur – welch Wohltat für meine Augen!

Dann, als ich mich unlängst bei einem Besuch in Wien in einem Randbezirk verlaufe, kann ich mein Glück kaum fassen: Hier ist Interiorporn-Niemandsland, ich bin im Tal der Instagramlosen gelandet. Cafés, Shops und Schaufenster sehen so entwaffnend ungestylt aus, wie ich es aus meiner Mittekreuzbergneukölln-Filterblase gar nicht mehr gewohnt bin. Klobürstenhalter in Form von niedlichen Tieren, ein dekoratives Ensemble aus drei verstaubten Regenschirmen und einer halbtoten Topfpflanze in der Auslage einer Schneiderei, Werbebanner in Comic Sans. Diese völlige Abwesenheit von gestalterischem Feingespür und ziselierter Konsumkultur – welch Wohltat für meine filtergewohnten Augen. Pastelltöne entstehen hier nur, weil sich die Sonne jahrzehntelang an den Farbpigmenten sattgesogen hat und nichts, wirklich nichts wurde mit kupferfarbenem Lack überzogen.

Animal Farm – © Ilona Hartmann
Der Glam ist real. © Ilona Hartmann

Was natürlich nun nicht bedeutet, dass "scheußlich" das neue Schwarz ist. Aber zwischen all den aufgeräumten, cleanen Instagram-Feeds, den puristisch eingerichteten Concept Stores zwischen Berlin, Paris und Bielefeld fehlt mir mittlerweile oft einfach das, was mir beim Lesen normalerweise die Fußnägel hochrollen lässt, nämlich die "persönliche Note". Oder einfacher gesagt: Wenn ich einen Raum betrete oder durch eine Straße spaziere, würde ich gerne wissen, wie die Leute drauf sind, die dort wohnen, arbeiten, leben und ein bisschen gelebte Geschichte sehen in der Art und Weise, wie etwas oder jemand aussieht. Stattdessen sehe ich vor allem, bei welchen Online-Shops sie bestellen und wer als Erstes den neuesten Trend aufgeschnappt hat. Rückblickend hat mich diese Wurschtigkeit bei der Auswahl schon damals aufgeregt, als jeder den berüchtigten IKEA-Wellenspiegel im Zimmer hatte.

Noch offensichtlicher ist diese Egalisierung des Geschmacks unserer Generation in der Mode. Es gibt sozusagen eine Uniform, die sich überwerfen kann, wer zu einer bestimmten Szene gehören will und damit ganz wunderbar in der Masse verschwinden kann. Und klar, nicht jeder möchte oder kann modisch sein Innenleben nach außen kehren, manch einer will einfach nur gut und zeitgemäß gekleidet sein und verschwendet ansonsten keinen weiteren Gedanken an die weitreichende symbolische Bedeutungsverschiebung die Geschmack erfährt, wenn wir alle dasselbe anziehen und damit weiter in den Sehgewohnheiten verfestigen, was am Ende dieser kollektive Individualismus ist.

Alles ist besser als der ästhetisierte Tod in Beigetönen.

Nach meinem Schlüsselerlebnis in Wien und derart vom Uninspirierten inspiriert beschließe ich jedenfalls: Alles ist besser als der ästhetisierte Tod in Beigetönen, der uns da über die Bildschirme in die Wohnungen, Büros und die Netzhaut kriecht und langsam, aber sicher jedes Gefühl für authentischen Selbstausdruck in dieser Welt von Dingen auslöscht. Dann und wann ruhe ich meine Augen gerne aus im perfekt komponierten Einrichtungshimmel, aber ich könnte es nicht ertragen, wenn bald alle feinen Unterschiede, die Städte, Orte, Viertel und Atmosphären ausmachen und zuletzt immer etwas über die Menschen dahinter verraten, plattgebügelt würden.

Deshalb: Mut zur Hässlichkeit, Mut zu Schrott, Geschrabbel und Staub und eigenem Geschmack, auch wenn er von außen, pardon my French, beschissen aussieht. Und glücklicherweise bietet auch Berlin genug Gelegenheiten, um sich an Schauerlichkeiten stattzusehen und sich daran zu erinnern, wie vielfältig die Auffassungen von Schönheit, Attraktivität und dem damit verbundenen Wohlgefühl sein können. Wer mich sucht: Ich bin dann mal Bummeln auf der Karl-Marx-Straße.

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