Laufen ist das neue Raven – Wie Runner Berlin erobern

Vor vier Jahren ist es mir zum ersten Mal aufgefallen: Mit jedem Wochenende wurden es gefühlt mehr Jogger, die sich in engen, schwarzen oder neon-farbigen Klamotten durch die Landschaft des Volksparks Friedrichshain bewegten. Bis dahin kannte ich die meisten vom Sehen und Zunicken, doch dann wurde es unübersichtlich. Im darauf folgenden Jahr breitete sich das Lauffieber weiter in Berlin aus. Am Kanal in Kreuzberg, in der Hasenheide, auf dem Tempelhofer Feld, in der Karl-Marx-Allee. Ab dann hießen die Sportler auch nicht mehr Jogger, sondern Läufer oder noch besser: Runner. Und diese Runner übernehmen gerade die Stadt.

Mit Hip Hop aus der Bluetooth-Box zu zwanzigst durch Berlin

Früher bin ich Sonntagmorgen fast allein den fertigen Clubgängern auf ihrem Weg nach Hause entgegen gelaufen. Ein gemeiner Spaß, ich weiß. Auf diese Menschen treffe ich jetzt immer seltener, dafür formieren sich immer mehr "Runner" in Laufgruppen. Meist nur zu dritt, aber auch gern mal zu zwanzigst, laufen diese gut gelaunten Menschen mit Hip Hop aus der Bluetooth-Box durch Berlin. Sie tragen Shirts mit ihren Teamnamen. Run Pack, Graviteam, boost. Die Laufgruppe ist so etwas wie der Kegelverein für Hipster geworden. Auf Facebook sehe ich am Wochenende immer häufiger Posts von Laufrouten der verschiedenen Running-Apps statt lustige Partybilder.

Ist Berlin zu einem durchoptimierten und durchtrainierten Biotop geworden oder liegt meine Wahrnehmung am steigenden Durchschnittsalter meines Freundeskreises? Schauen wir uns mal um.

Die Laufgruppe ist so etwas wie der Kegelverein für Hipster geworden.

Der Sportartikelhersteller Nike schaffte es 2015 mit seinem Woman’s Run 10.000 Mädchen zu aktivieren, die gemeinsam durch Kreuzberg gelaufen sind. Die Stimmung vor dem Lauf erinnerte an die Atmosphäre kurz vor einem Taylor-Swift-Konzert. Die Mädchen waren vollkommen aus dem Häuschen. Die beim Lauf verteilten gelborangenen Neon-Shirts prägen auch Monate später das Laufbild der Start. Das Durchschnittsalter der Damen betrug 27. Und nein, ich kannte nicht alle Teilnehmerinnen persönlich. In diesem Jahr wird Nike den Frauenlauf in andere Städte bringen. Der Erfolg in Berlin gilt hier als Vorbild.

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Der andere Sportartikel Hersteller adidas, hat vor wenigen Wochen eine RUNBASE in Kreuzberg eröffnet. Wenn jetzt der Partymob vom Watergate zur ipse läuft, dann werden sie das leuchtende "RUNBASE"-Schild kaum übersehen. Inmitten der Berliner Feiermeile hat adidas seine neue Laufzentrale demonstrativ errichtet. Auf 2000qm soll der "urban Runner" alles bekommen, was er braucht. Hier kann er sich nicht nur mit seiner Laufgruppe verabreden und duschen. Es gibt einen Sportcheck, die Möglichkeit, die passende Laufkleidung zu finden, gefiltertes Wasser, Kurse bis die Laufmuskeln schmerzen und eine RAW-Küche. Die Atmosphäre ist sehr clubbig und erinnert ein wenig an das Soho House. Nur gibt es hier keine Coolness-, sondern eine Fitness-Kontrolle. Denn wer viel macht, wird in der Runbase mit Gratiskursen belohnt.

Keine Coolness-, sondern eine Fitness-Kontrolle

Einer der Köpfe hinter dem ganzheitlichen Konzept ist Nico Zeh. Vor gut 15 Jahren hat er als Veranstalter der LiveDEMO eine legendäre Eventreihe geschaffen, die bekannte und aufstrebende Musiker nach Berlin geholt hat. Danach hat er den Kunstraum MADE in Partnerschaft mit Absolut Vodka umgesetzt. Nach dem Vorbild von Andy Warhols Silver Factory hat er damit eine, wie er es nennt, Plattform für kreativen Ausdruck und bildende Künstler geschaffen.

Mit der RUNBASE Berlin hat sich der 39-jährige nun seine Vision eines Sportclubs gebaut, welche er aus dem Zeitgeist der Stadt und seinem eigenen Bedürfnis heraus entwickelt hat. "Ich versuche Dinge zu schaffen, die ich selbst vermisse. Einen derartigen Ort habe ich vorher noch nie erlebt. Ein Ort an dem ich am Wochenende mit meiner Frau und meinem Kind hingehen kann. In der RUNBASE können wir zusammen aktiv sein und eine tolle Zeit als Familie haben. Man macht Sport, trifft Gleichgesinnte und bekommt leckerstes und bestes "active food" aus der LAB Kitchen der RUNBASE."

Auch ihm ist aufgefallen, dass immer mehr Yogamatten in Berlin zu sehen sind. "Früher ging es darum möglichst upgefuckt zu sein. Wer Montag am fertigsten aus dem Club gekommen ist, war der Coolste. Die Menschen realisieren wohl mehr und mehr, dass Gesundheit ein Luxusgut ist, für das man aktiv etwas tun muss. Es findet ein gesellschaftliches Aufwachen statt, was sich in der neuen Begeisterung für Sport und richtige Ernährung widerspiegelt." Als ich ihm erzähle, dass es ja auch sein könne, dass dies nur an unserem Alter und unserem Freundeskreis liegt, erzählt er von seiner 25-jährigen Schwester, deren große Leidenschaft das Kochen ist.

Die Menschen haben endlich realisiert, dass Gesundheit ein Luxusgut ist, für das man etwas aktiv etwas tun muss.

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Fitnesstrainer sind die neuen Superstars

Also ist Laufen also wirklich das neue Raven? "Es geht beim Feiern doch darum, die eigene Festplatte leer zu bekommen und das haben sich viele in Clubs durch Drogen und Alkohol geholt. Aber es gibt auch das sogenannte Runners High. Nach 10km laufen ist niemand schlecht drauf und dieses Wissen ist nicht zu ignorieren und kommt langsam weiter an." Statt durch Drogen, wird das Dopamin im Gehirn durch die aktive Bewegung freigesetzt. Passend bezeichnet Nico den neuen Club als Ort der Bewegung. "Der Lebensrhythmus der Menschen hat sich um den Sport herum verändert und ist ein wesentlicher Teil des Lifestyles geworden. Die Yogamatte wird jetzt wie eine teure Handtasche durch die Gegend getragen, die Mädchen integrieren ihre Sport-Leggins jetzt auch im Berufsalltag und wir Jungs die entspannte Jogginghose. Fit sein ist das neue abgefuckt sein."

Vermutlich wird die Australierin Kayla Itsines dem zustimmen. Zumindest bestätigt ihr Erfolg Nicos These. Die 24-Jährige ist so etwas wie die Taylor Swift unter den Fitnesstrainerinnen. Zu ihrem Auftritt in der Arena kamen Anfang Februar 2000 Mädchen. Die Tickets waren innerhalb von Minuten weg. Auf Yogamatten haben Pferdeschwanz-Mädchen Kniebeuge und Stretching zur Anleitung ihrer Heldin gemacht – eigentlich nichts, was man auch im Sportunterricht in der Schule oder zumindest aus jedem Fitness-Magazin kennt. Doch die Mädchen konnten ihr Glück kaum fassen. Stundenlang dauerte das Meet and Greet danach. Statt Autogramme gab es Selfies. Statt einer Gitarristin stand dort eine Fitnesstrainerin.

Täglich postet Kayla Spiegel-Selfies in Sportklamotten, dazwischen immer wieder Vorher/Nachher-Fotos von ganz "normalen" Fans, die ihr Fitness-Programm durchlaufen. Fragt man die jungen Besucherinnen in der Arena, warum sie Fans von Kayla sind, dann kriegt man die Allerwelts-Fan-Antwort "Weil sie so authentisch ist." Auf Facebook schreibt Kayla "Join my community of over 10.000.000 confident, health and fit women worldwide!"Auf Instagram hat sie über 4,5 Millionen Follower, bei Facebook sind es knapp 5 Millionen – so viel wie der Koch Jamie Oliver.

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Ein Zeichen für gesellschaftliche Veränderung

Vor zwei Jahren habe ich behauptet, dass die Markthalle 9 das neue Berghain ist ist. Es wirkt jetzt so, dass neben den Geschmacksnerven auch die Muskeln der Berliner geweckt wurden. Das tagelange Wegknallen in Clubs wird den neuen Zugezogenen überlassen. Das Ausgehverhalten der Berliner wirkt jetzt kontrollierter und der Berliner selbst durchtrainierter. Natürlich lässt sich das nicht verallgemeinern: Aber Mitte der 90er haben wir Nirvana gehört und da waren die mit den Muskeln, diejenigen mit den tiefer gelegenen Autos. Und die wiederum nicht in unseren Clubs.

Das tagelange Wegknallen in Clubs wird den neuen Zugezogenen überlassen.

Wenn heute zehntausend Mädchen zu einem Lauf kommen, ein ehemaliger Partyveranstalter einen contemporary Fitness-Club eröffnet und eine Fitnesstrainerin Social-Media-Millionär wird, dann ist das ein Zeichen für eine gesellschaftliche Veränderung.

Man kann das jetzt natürlich alles als sehr spießig und zu vernünftig empfinden. Aber ist es nicht das Allerschlimmste, wenn man über jemanden sagt, dass der voll stehen geblieben ist? Gleiches gilt auch für Berlin. Es ist gut, dass sich diese Stadt verändert, dass sich die Bewohner verändern. Es ist gut, dass das ewige Feierklischee der letzten 20 Jahren gebrochen wird und das wir darauf achten, was wir unserem Körper und unserer Umwelt zumuten können.

Berlin kann nicht nur Keller und Bass. Berlin hat neben einem nie fertig werdenden Flughafen wunderschöne Parks, Kanäle und Straßen, die ideal zum Laufen sind. Man wäre doch bescheuert, wenn man die nicht nutzen würde.


Danke an Yousef Hammoudah für den Satz "Running is the new Raving."

Titelbild: © Christoph Wehrer, Nico: © Viktor Strasse, Nike: © Maxi Virgili, Kayla: © Kayla Itsines/Instagram

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