Hömma Herbert, schön, dass es dich gibt!

Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich meistens: „Da wo die Menschen hart und loyal sind, ein Herz aus Gold haben und immer die Wahrheit sagen.“ Ich bin ein Pottkind, aufgewachsen mit dem Geruch von Brandt-Zwieback in der Nase, der meine ganze Kindheit über aus dem Werk in Hagen Haspe zu uns rüber geweht ist. Heimat ist für mich da, wo man „mach mir mal 'nen Pils“ sacht (nicht „sagt“), morgens bis um fünf am Kickertisch steht und die wirklich wichtigen Sätze im Leben mit „Hömma“ anfängt. Heimat ist für mich Currywurst, Eversbusch und Herbert Grönemeyer – am besten zusammen. Und deshalb ist es zum 60. Geburtstag von Herbert (ich denke nach 26 Jahren hören sind wir mittlerweile per Du) einfach mal Zeit, Danke zu sagen, für die vielen Jahre, die ich laut, manchmal auch heimlich und dann wieder sehr betrunken fast alle Lieder mitgesungen habe.

Es gibt wenig Künstler, die mich so wie Herbert durch dick und dünn begleiten durften. Mit der Maxi-CD von „Flugzeuge im Bauch“ im Discman habe ich auf der Rückbank unseres Familienkombis auf dem Weg nach Südfrankreich mein erstes gebrochenes Herz kuriert. Zu „Mambo“ suchte ich mit 18 beim ersten Mal alleine Autofahren verzweifelt einen Parkplatz, der groß genug für mein Einparkmanöver war. Bei „Bochum“ habe ich im Stadion Gänsehaut bekommen, weil ich verstanden habe, was es bedeutet, zu wissen, wo Zuhause ist: „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt.“ Wenn es hart auf hart kommt im Leben, dann ist Herbert eben da, weil das bei uns so ist, wenn man sich einmal füreinander entschieden hat.

Wenn es hart auf hart kommt im Leben, dann ist Herbert eben da, weil das bei uns so ist, wenn man sich einmal füreinander entschieden hat.

Mit seinem Album „Mensch" und dem Song „Dein Weg“ hat er 2002 einem ganzen Land gezeigt, dass es in Ordnung ist, verletzlich zu sein und zu trauern, wenn Menschen, die man sehr liebt, sterben. Und ich habe meinen Vater zum ersten Mal bei einem Konzert heimlich eine Träne aus dem Auge wischen sehen. Herbert ist eben immer da gewesen, wenn ich ihn wirklich gebraucht habe: Wenn ich mein Portemonnaie, meinen Haustürschlüssel und meine Würde beim Jägermeister trinken in irgendeinem Schrebergarten verloren habe, wenn dann morgens um 6 im Taxi nach Hause „Mensch“ im Radio lief – „Momentan ist richtig, momentan ist gut, nichts ist wirklich wichtig, nach der Ebbe kommt die Flut. Am Strand des Lebens, ohne Grund, ohne Verstand, ist nichts vergebens, ich bau' die Träume auf den Sand“– dann weiß man, dass alles schon wieder irgendwie gut werden wird, wenn man sich erstmal im Rosenbeet ausgekotzt hat.

Ich mag Herbert auch, weil er manchmal zu ehrlich und ein bisschen einfach ist, weil er nicht gut tanzen kann, es aber trotzdem enthusiastisch tut. Die Welt mit Herbert ist humorvoll melancholisch und weniger kompliziert. Herbert will, wie ich, oft mit dem Kopf durch die Wand. Dabei gewinnt die Wand eben manchmal und das ist okay so. Ich mag ihn auch, weil er den Mund aufmacht, wenn es drauf ankommt. Ob beim G8-Gipfel in Heiligendamm oder beim „Danke"-Konzert für die Flüchtlingshelfer in München. Wenn etwas gesagt werden muss, dann wird es eben gesagt – egal, ob es weh tut oder es jemand nicht hören will.

Die Welt mit Herbert ist humorvoll melancholisch und weniger kompliziert.

Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass mich Herbert kennt und das wir, wenn wir uns an der Currywurst-Bude begegnen würden, bestimmt viel zu sagen hätten – aber schweigen auch reichen würde. Herbert steht immer in meiner Ecke, im Boxkampf des Lebens. Manchmal ist mir das ein bisschen peinlich, wenn meine volle Ruhrgebietsliebe so durchkommt, wenn jemand „Bochum“ oder „Was soll das“ auflegt. Aber den Soundtrack seines Lebens sucht man sich eben nicht immer aus, der findet einen, wie Herbert mich, als mein Vater zum ersten Mal “4630 Bochum” aufgelegt hat.

Herbert, Du bist Heimat, und dafür bin ich dankbar. Es gibt ein Bild von Anton Corbijn, das ich vor ein paar Wochen zum ersten Mal im C/O Berlin gesehen habe, auf dem Du lachend im Schnee auf einem Bein balancierst – vielleicht ist es das, worauf es im Leben ankommt: einbeinig zu lachen, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt; immer wieder die eigene Balance zu finden in diesem Lebenschaos. Mein Lieblingssong von Dir bleibt wahrscheinlich für immer „Morgenrot“, die Loyalitäshymne meines Lebens, die sich, egal, wo ich auf der Welt bin, immer wie nach Hause kommen anfühlt. „Ich werde Dir die Liebe versprechen, wenn Dir das Wasser bis zum Halse steht, werde in zerrütteten Zeiten, Dir ein Netz ausbreiten. Stell mich mit in den Sturm, bis der Wind dreht.“ Wenn morgens die Sonne über den Grubenschächten aufgeht, die Kühltürme vom Kraftwerk weiter rauchen, auf der A45 wieder alle im Stau stehen, wird mit Deinen Songs für einen kurzen Moment auch das Hässliche ein bisschen schön, weil die Welt echt ist.

Danke Herbert für die vielen Wahrheiten. “Du bist eine gute Prognose, Das Prinzip Hoffnung, Ein Leuchtstreifen aus der Nacht”. Alles Gute zum 60. Geburtstag!


Titelfoto: © Ali Kepenek/Promo

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