Berlin ist der richtige Ort, um seinen Job zu kündigen

© Synke Nepolsky

Während er sprach, sammelte sich Spucke in seinen Mundwinkeln. Es gibt ja tatsächlich Menschen, denen das nichts ausmacht. Wenn ich nicht über seinen Kopf hinweg aus dem Fenster schaute, hoffend, der Kran von der gegenüberliegenden Baustelle würde über uns zusammenbrechen, dann starrte ich auf den dunkelbraunen, fast schwarzen Leberfleck am unteren Rand seines Kinns, der im Takt seines bebenden Kiefers tanzte.

Ironischerweise war ich es, die das Gespräch mit ihm suchte, weil ich nicht zufrieden war. Trotzdem war er es, der wütend auf seinen schlecht gemachten Kronen knirschte. Er war jedoch der Chef, die müssen erst mal gar nichts und können generell alles. Auf meiner Visitenkarte stand irgendwas, das nicht Chef war. Das war ihm sehr wichtig. Leider fehlt mir – Psychoanalytiker würden dies meiner charakterstarken Mutter in die Schuhe schieben – jeglicher antrainierter Respekt vor Obrigkeiten. Ich respektiere jeden auf Anhieb gleich viel oder wenig, das mache ich nicht an einer Visitenkarte, dem Jahresgehalt oder Alter fest. Mein Respekt im Berufsumfeld, im besten Fall auch Ehrfurcht, steht und fällt mir dem Vorhanden- oder Nichtvorhandensein von Moral, Sozialkompetenz und Können. Leider sind es oftmals ebendiese Vorgesetzten und CESchießmichtots, die weder über das Eine, noch das Andere, geschweige denn Letztgenanntes verfügen.

Dann kündige ich halt.

Die Spucke in seinen Mundwinkeln wurde irgendwann weiß und hinterließ eine breiige Schicht auf seinen Lippen. Er sprach von Misskommunikation, davon, dass ich meine Selbstwahrnehmung überdenken solle. Dass man auch andere Saiten aufziehen könne, dass man schließlich nicht arbeiten würde, um glücklich zu sein. Darüber hinaus solle ich mich mal umhören, wie es woanders läuft. Bei den Anderen, jene, die auch wichtige Visitenkarten im ledernen Hugo-Boss-Portemonnaie haben. Hugo Boss hat übrigens die SS-Uniformen entworfen, fiel mir ein, als sein Monolog versuchte, sich wie Nadeln auf einem Nadelkissen in meiner dünnen Haut festzusetzen.

Ich lächelte, dachte darüber nach, wie lange ich ohne festen Job überleben würde, wie man Altersvorsorge buchstabiert und wen ich als erstes anrufen würde, wenn ich auf der Stelle – nach nicht einmal vier Wochen in diesem Unternehmen – kündigte. Für einen kurzen, aber wichtigen Moment gelang es mir, aus meinem Körper zu klettern, mich süffisant auf seinen Schreibtisch zu setzen und, rauchend, das Szenario zu beobachten. Da saß ich nun, mehrere Jahre Berufserfahrung auf meinem CV, in einer der aufregendsten Hauptstädte Europas, der Berliner Sommer draußen vor dem Fenster und meine Ideen in einem Käfig, dessen Schlüssel er, der chefartigste Chef seit Stromberg, in seiner Schreibtischschublade versteckte. Und mich wie eine Sekretärin der Wirtschaftswunderjahre behandeln ließ.

„Dann kündige ich halt“. Die Worte verließen ferngesteuert meinen Mund. Seine Spucke versickerte in den Mundwinkelfalten seines aufgequollenen Chefgesichts. Adieu Matieu, hauste rein, du mich auch. Macht euren Scheiß doch alleine. Ich komm’ schon klar, is’ ja schließlich Berlin.

Ein Gefühl aus Angst, Vorfreude und Erregung

Vor dem 90er-Jahre-Neubau in einer Seitenstraße des grässlichen Potsdamer Platz Areals, in dem Männer mit alteingesessenen Verhaltensmustern sitzen, blickte ich in den rosafarbenen Berliner Himmel und ließ mich mich mit leicht zitternden Knien von einem Gefühl aus Angst, Vorfreude und Erregung Weg von diesem Ort tragen. Wo lang war mir egal, da ich sowieso nicht wusste, wo mein Weg hingehen würde. Am gleichen Abend rief mich eine Freundin aus München an. Natürlich erzählte ich ihr, was ich nur wenige Stunden zuvor getan habe.

„Nach nur drei Wochen?“
„Ja!“
„Du hast einfach so gekündigt?“
„Ja!“
„Was machst du jetzt?“
„Keine Ahnung?“.

Am liebsten hätte sie mir ihren alten Cherokee als Kältebus für den nahenden Berliner Winter angeboten. Schließlich seien die Zeiten ja unsicher, man müsse doch für die Pflegeversicherung und die Rente und überhaupt. Wahrscheinlich hat sie recht.

Berlin gehört auch den Neinsagern, die sich nicht um jeden Preis, um jede Miete und jedes Berufszeugnis alles gefallen lassen

Ziemlich sicher war es mir egal, weil ich trotz meiner Angst vor der Ungewissheit wusste, dass Berlin der richtige Ort ist, um zu kündigen. Denn hier steht Kündigen nicht für das Ende. Hier wohnt tatsächlich, und ich habe die Erfahrung bereits mehrfach gemacht, vielen Anfängen ein Zauber inne. Denn wenngleich Nörgler und vermeintliche Realisten Berlin die Magie des Machens, Wagens und Riskierens absprechen, bin ich von ihrer Existenz überzeugt. Berlin gehört eben nicht nur den saudischen Immobilieninvestoren, den Gentrifizierern und Silicon-Valley-Abklatschen: Berlin gehört auch den Neinsagern, die sich nicht um jeden Preis, um jede Miete und jedes Berufszeugnis alles gefallen lassen, während dies in München, Hamburg oder Köln kalkuliertes Risiko ist. Berlin gehört auch den Wagemutigen und "ins kalte Wasser"-Springern. Und auch jenen, die ohne Eier nach Berlin gekommen sind, wird Berlin welche wachsen lassen.

Dieser letzte Gedanke am Tag meiner Kündigung, „is' ja schließlich Berlin“, war der rettende Anker im Ozean aus Müssen und nicht Wollen. Rückblickend weiß ich, dass ich den Mut in einer anderen deutschen Stadt wahrscheinlich nicht gehabt hätte. „Völlig richtig“, stimmen mir meiner Freunde zu, während wir auf der Admiralsbrücke sitzen und meine Kündigung feiern. Is’ ja schließlich Berlin.

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