Eine nicht endende Lernbaustelle: Was ist nachhaltig, was nicht? Lovis Willenberg vom Heldenmarkt im Interview

Am Wochenende findet zum 5. Mal der Berliner Heldenmarkt statt. Initiator Lovis Willenberg tritt mit dieser Messe den Beweis an, dass nachhaltiger Konsum in nahezu allen Lebensbereichen möglich ist.

2010 hat der Heldenmarkt mit 50 Ausstellern im Postbahnhof begonnen. In diesem Jahr kommt er in die Station Berlin. Parallel dazu findet erstmals auch die VeggieWorld statt, eine Messe, die sich rund um Veganismus dreht und 2010 in Wiesbaden gestartet ist. Damals kamen 20 Aussteller, heute sind es über 100. Beide Messen zu kombinieren, und damit ein größeres Publikum zu erreichen, ist da nur sinnvoll. Seid gespannt auf Möbel aus Recycling-Materialien, 100% vegane Kosmetik, FairPhones, Baumsparverträge und Bio-Modelabels.

1311_HeldenmarktbyMatzeHielscher_0351311_HeldenmarktbyMatzeHielscher_063

Doch wie kam der Heldenmarkt überhaupt zustande und was versteckt sich alles hinter dem Begriff Nachhaltigkeit? Wir haben uns mit Lovis Willenberg über seine Motivation, nachhaltiges Leben und den diesjährigen Heldenmarkt unterhalten.

Wer sind die Helden beim Heldenmarkt?
Die Helden sind in erster Linie die Aussteller. Sowohl die „alten“ Bio-Pioniere, die gerade 30- und 40-jährige Firmen-Jubiläen feiern, als auch die ganz jungen Start-ups und Einzelkämpfer, die all ihr Geld und ihre Energie in ihre Produkte und Ideen stecken. Das verdient Respekt! Auch unsere Besucher sind für mich Helden, wenn sie bereit sind, ausgetretene Pfade zu verlassen und einen neuen Lebensstil zu wagen.

Wo findest du eure Aussteller?
Nach interessanten Ausstellern gesucht wird überall. Ich besuche viele Veranstaltungen und „halte die Augen offen“. Dank unseres Erfolgs werden wir auch zunehmend von selbst gefunden, denn unsere Plattform ist deutschlandweit einzigartig und wir haben uns in den letzten Jahren einen guten Ruf erarbeitet.

Gestartet seid ihr im kleinen Postbahnhof Berlin, mittlerweile gibt's den Heldenmarkt in vielen deutschen Städten und euch in der großen Station Berlin. Was motiviert dich immer weiter zu machen?
Der Postbahnhof ist nicht klein! Beim ersten Mal kam er mir noch ziemlich riesig vor und vor meiner ersten Veranstaltung vor fünf Jahren habe ich oft gehört: „Den kriegst du nie voll“. Und jetzt ziehen wir in die große Station um, darauf bin ich sehr stolz. Meine Motivation beziehe ich zum einen aus meinem Team: Wir sind wie eine Mannschaft, die schon lange zusammenspielt und bringen uns gegenseitig immer wieder mit tollen, teilweise auch total verrückten Ideen voran. Jeder, der in einer tollen Mannschaft spielt, weiß welchen Spaß das machen kann. Auf der anderen Seite motiviert mich das Positive und oft sehr persönliche Feedback unserer Aussteller. Ich möchte diese Firmen dabei unterstützen, dass sich sich erfolgreich am Markt etablieren können. Es ist schön, mitanzusehen, wie sich einige von unseren ersten Kunden ebenso erfolgreich wie wir mitentwickelt haben. Von einigen habe ich aber leider nie wieder etwas gehört. Auch in der Öko-Szene gibt es Wettbewerb, dem nicht jeder gewachsen ist.

Und was war die ursprüngliche Motivation?
Das war der Gedanke, meinen Mitmenschen Kontakte und Informationen zu weniger bekannten Ökoprodukten zu ermöglichen. Nicht jeder weiß, wo er eine Skater-Jeans in Bio-Qualität findet, was Vattenfall Ökostrom von „echtem“ Ökostrom, von zum Beispiel Greenpeace Energy unterscheidet, dass es ein FairPhone gibt, dass es ethische Banken gibt, die auch normale Giro-Konten haben, aber eben nicht mit Nahrungsmitteln spekulieren.

1311_HeldenmarktbyMatzeHielscher_0581311_HeldenmarktbyMatzeHielscher_0391311_HeldenmarktbyMatzeHielscher_073

Was hast du konkret bei der Vorbereitung für den diesjährigen Heldenmarkt gelernt?
In Berlin arbeiten wir erstmals mit einer anderen Messe zusammen, eigentlich ein Konkurrenzunternehmen. Aber ich halte so etwas für „altes Denken“, ich bevorzuge Kooperation statt Konkurrenz, erst recht, wenn es um dasselbe Ziel geht. Bei dieser Zusammenarbeit haben wir einiges gelernt, denn obwohl wir ähnlich strukturiert sind, arbeiten wir doch sehr verschieden. Eine nicht endende Lernbaustelle ist die Begrifflichkeit des Wortes Nachhaltigkeit. Was ist nachhaltig, was nicht.

Gefühlt hat sich in den letzten 5 Jahren in Bezug auf nachhaltigen Konsum sehr viel verändert. Lass uns mal 5 Jahre nach vorn schauen. Was denkst du, wo werden wir 2020 in Bezug auf nachhaltigen Konsum stehen?
Ich glaube, dass sich in der Ernährungsfrage noch einiges entwickeln wird. Der Trend zu überwiegend pflanzlicher Ernährung wird sich fortsetzen. Ich hoffe, dass das Bewusstsein für gesunde Ernährung auch die Qualität der Nahrungsmittel einschließt. Aktuell gibt es zwar viele, die sich vegan ernähren, jedoch spielt bio dabei eher eine untergeordnete Rolle. Das wichtigste Thema ist unsere Konsumkultur im Allgemeinen. Jede Saison neue Klamotten, alle zwei Jahre ein neues Smartphone, ich sehe ständig Leute die große Fernseher transportieren. Technik ist ein sehr komplexes Thema, weswegen sich die Wenigsten daran trauen.

Wie streng bist du mit dir selbst? Kannst du noch ein Auge zudrücken, wenn du weißt, dass etwas nicht „fair“ ist?
Wenn man weiß, dass bei der Kakaoernte für konventionelle Schokolade viele Kinder als Erntehelfer im Einsatz sind, verzichte ich gern auf Milka. Ich bin aber auch keine Spaßbremse, wenn meine Kinder mal ein Überraschungs-Ei geschenkt bekommen. Im Alltag bin ich ziemlich konsequent, was meine Einkäufe angeht. Da ist es aber schon Gewohnheit, im Bioladen oder auf dem Biomarkt einzukaufen. Ich versuche einfach alles, was praktikabel geht, umzusetzen, sehe das aber nicht so verbissen und versuche das undogmatisch und eher genussvoll mit Verantwortung umzusetzen. Ich esse im Urlaub, Kino oder auf Dienstreisen oft konventionell, aus Mangel an Alternativen.

Welches neue Produkt sollte man sich beim diesjährigen Heldenmarkt unbedingt anschauen?
Ich bin sehr neugierig auf das neue FairPhone. Ich besitze ein altes iPhone 4 und der Home-Button ist kaputt. Wenn ich das noch repariert bekomme, werde ich es noch eine Weile benutzen, ansonsten wäre das FairPhone eine Alternative. Spannend sind auch dieses Jahr die „sieht aus wie Leder“-Jacken aus Kork von Bleed. Die sollte man sich mal ansehen. Sieht aus wie Leder, fühlt sich auch so an. Fortgeschrittenen Ökos, die schon bio essen und Ökostrom haben, empfehle ich einen Besuch bei der BKK advita. Das ist eine Krankenkasse, die alternative Heilmethoden unterstützt und auch ihr Kapital ökologisch sozial investiert.

Danke Lovis.


Ihr wollt selbst beim Heldenmarkt vorbeischauen? Wir verlosen 3x2 Freikarten für das Event. Schreibt uns an [email protected] 

Gewonnen haben Florian, Kristin und Kati. Sie sind schon informiert. Viel Spaß beim Heldenmarkt.

Heldenmarkt & VeggieWorld | 7. & 8. 11. 2015 | STATION Berlin | 10:00 – 20:00 Uhr, 10:00 – 18:00 Uhr | Eintritt: 10 €, 8 € ermäßigt

-
Fotos: © Matze Hielscher

Sags deinen Freunden: