Taxi Gourmet – Layne lässt sich von Berliner Taxifahrern ihre Lieblingsrestaurants zeigen

Wenn Layne Mosler in ein Taxi steigt, dann kann sie gar nicht mehr anders. Sie fängt sofort ein Gespräch mit dem Fahrer an. Seit wann er schon Taxi fährt, wie lang seine Schicht heute ist, wovon er eigentlich träumt. Erstmal ein bisschen Small Talk. Wenn sie sich gut verstehen, wenn sie ein gutes Gefühl hat, kommt sie zu ihrer eigentlichen Frage: "Wo gehen Sie am liebsten essen?".

Wir sitzen im Adana Grill in Kreuzberg, Nähe Görlitzer Bahnhof. Layne trägt ihre vollen Haare offen, lächelt viel. Wenn sie spricht, hört man ihre kalifornische Herkunft. Hello, American English. Wir bestellen türkischen Joghurt und Auberginen-Humus. Das Restaurant hat ihr Mesut empfohlen, ein Berliner Taxifahrer und Judolehrer. Er kommt ursprünglich aus Adana, der Gegend in der Türkei, die dem Adana Grill seinen Namen gibt. Hier bekommt man keinen Döner, dafür aber richtig gutes Fleisch. "Das ist eines der wenigen Restaurants, in das ich schon vier- oder fünfmal zurückgekehrt bin. Eigentlich liebe ich Abwechslung", schwärmt Layne.

Seit 2007 lässt sich Layne von Taxifahrern ihre Lieblingsrestaurants empfehlen. Damals lebt sie in Buones Aires. Eines Abends geht sie Tango tanzen (was man eben in Argentinien so macht) und bekommt ziemlich Hunger. Sie ruft ein Taxi und lässt sich spontan zum Lieblingsrestaurant des Fahrers bringen: "Das war wie eine Art Erleuchtung". Er setzt sie vor einem ihr unbekannten Steakrestaurant ab. Layne isst so gut, wie schon lange nicht mehr. "Es ist ja nicht schwierig, ein teures Restaurant zu finden, dass gute Gerichte serviert, aber ein günstiges Lokal zu finden, in dem es auch noch gut schmeckt? Dafür muss man sich auskennen".

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Layne war auch schon in New York und Buenos Aires.

Die Taxifahrer von Buenos Aires erscheinen ihr plötzlich wie der Zugang zu einer ganz eigenen kulinarischen Welt. "Niemand kennt eine Stadt so gut, wie Taxifahrer. Sie nehmen täglich die unterschiedlichsten Menschen in ihrem Auto mit, sie fahren durch die verschiedenen Stadtteile und wenn sie Pause haben, gehen sie dorthin, wo es schnell geht, gut schmeckt und nicht zu viel kostet". Layne nimmt jetzt häufiger ein Taxi und hält ihre Erlebnisse auf einem Blog fest: "Taxi Gourmet".

So offen und nett die argentinischen Taxifahrer sind, irgendwann zieht es Layne nach New York City, DIE Taxistadt schlechthin. Sie habe genug davon gehabt, ständig in Steakhäusern zu landen, sagt sie lachend und bändigt eine Haarsträhne, die ihr immer wieder ins Gesicht rutscht. New York it is.

In New York merkt sie jedoch schnell, dass sie ihre Strategie ändern muss. Jetzt fällt sie beim Einsteigen in ein Taxi nicht mehr mit der Tür ins Haus, sondern tastet sich erstmal langsam heran. "Ich habe den Fahrern bewusst Ziele genannt, die einfach nur ein paar Blocks die Straße runter liegen". So müssen sie nur geradeaus fahren und können sich auf das Gespräch konzentrieren. Das funktioniert.

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Für einige Zeit arbeitet Layne selbst als Fahrerin, um dem Beruf und der fremden Stadt noch näher zu kommen. Eine Erfahrung für sich: "Man wird eigentlich die meiste Zeit als Dienstleister, als Objekt behandelt und ignoriert, die wenigsten fangen ein Gespräch an".

Als ihr eines Tages ein Lonely Planet Guide über Berlin in die Hände fällt, sitzt sie kurze Zeit später schon im Flugzeug nach Deutschland. In Berlin fühlt sie sich sofort zu Hause: "Das ging mir in keiner anderen Stadt vorher so", erinnert sie sich begeistert und löffelt noch etwas Auberginen-Humus auf ihren Teller.

Um sich mit den Taxifahrern noch besser verständigen zu können, lernt sie Deutsch und landet in den unterschiedlichen Restaurants. Aber vor allem merkt sie, dass in dieser Stadt kaum jemand hauptberuflich Taxi fährt. Fast jeder, den sie trifft, lebt eigentlich für etwas anderes. Berlins Taxifahrer seien viele "Lebenskünstler", meint Layne. Sie habe einen getroffen, der ein halbes Jahr Taxi fährt, um das andere halbe Jahr als Tauchlehrer in Thailand zu arbeiten. Sie ist einer Frau begegnet, die Heilpraktikerin ist und die sie immer noch ab und zu um Rat fragt. Und dann ist sie bei einem mitgefahren, der eigentlich Fotograf und Künstler ist. Der Nietzsche und Currywurst gleichermaßen liebt. Dieser Taxifahrer ist mittlerweile ihr Ehemann.

Früher träumte Layne davon, selbst ein Restaurant zu eröffnen. Sie arbeitete als Bedienung, schuftete in der Küche, schaute in allen gastronomischen Bereichen vorbei, um am Ende festzustellen: Sie will das doch nicht. Mit "Taxi Gourmet" fährt sie ihren eigenen Weg. Im Juli ist ihr erstes Buch auf Englisch erschienen, nächstes Jahr wird es auch auf Deutsch herauskommen. Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein. Trotzdem, jedes Mal, wenn sie ein Taxi steigt, kann sie nicht anders. Sie muss einfach fragen.

Empfehlungen von Berliner Taxifahrern

Café Schönbrunnen Hamy

"Das Muntagnola war die erste Empfehlung, die ich in Berlin bekommen habe. Zille, eine Taxifahrerin und Heilpraktikerin, schwärmte vom Essen dort. Ihre Schwester lebt in Italien, deshalb hat sie einen besondern Bezug zu italienischen Gerichten. Und sie hatte Recht, es schmeckt toll dort. Obwohl das Restaurant auf den ersten Blick etwas touristisch wirkt, lohnt sich ein Abendessen dort. Unbedingt probieren: Strangolapreti, eine Art Spinatgnocchi."

Trattoria a’ Muntagnola | Fuggerstraße 27, 10777 Berlin

Café Schönbrunnen Hamy

"Das Hamy, ein vietnamesisches Restaurant, hat mir Rumen, mein Ehemann, empfohlen. Er hat ein gutes Auge für günstiges, gutes Essen. Im Hamy geht es nicht nur schnell, es schmeckt auch lecker, vor allem das rote Curry. Wir gehen hier immer mal wieder gerne hin."

Hamy | Hasenheide 10, 10967 Berlin

Café Schönbrunnen Balkçi Ergun

"Dieses Fischrestaurant unter S-Bahn-Station Moabit ist ziemlich gut und ziemlich eigen. Überall, wirklich überall, kleben kleine Dankesnotizen, die Kundes des Ladens hinterlassen haben. Die Empfehlung für Balkçi Ergun kam von Dirk, der nicht nur Taxi fährt, sondern auch  Technomusik macht. Für ihn ist das Restaurant Kult."

Balkçi Ergun | Lüneburger Str. 382, 10557 Berlin

Eine Übersicht aller Berliner Restaurants findet ihr auf dieser Karte. 


Fotos: Layne: © Milena Zwerenz, Muntagnola: © Mungtagnola/Facebook, alle anderen: © Taxi Gourmet

 

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