Sportmärz – Landboardkiten auf dem Tempelhofer Feld

Jeder, der bereits über das Tempelhofer Feld gelaufen ist, hat sie schon einmal gesehen: die großen, bunten Schirme in der Ferne, an denen kleine Menschen hängen. Einer von ihnen ist Marco. Hauptberuflich arbeitet Marco beim Fernsehen, da sitzt er viel. Deswegen steht er in seiner Freizeit umso mehr - entweder am Kicker-Tisch, am Billard-Tisch, auf dem Wakeboard oder wie heute mit uns auf dem Tempelhofer Feld auf einem sogenannten ATB Board. Das ist ein überdimensional großes Skateboard aus Carbon mit Gummirädern. Auf diesem lässt Marco sich an Schnüren von einem riesigen Drachen ziehen. So nennt der Laie den großen Schirm, den man zum Landboardkiting braucht.

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Was der Laie nicht weiß: Die Schirme, die Kites heißen, gibt es in verschiedenen Größen, von 1,6 m² bis 21 m². Als Caro und ich Marco auf dem Tempelhofer Feld treffen, um uns die Sache mit den Schnüren und den Boards mal erklären zu lassen, zieht er seine Schirme in einer riesigen Tasche hinter sich her. "Der kleine hier ist eigentlich fast ein Witz" lacht er. Wir fangen trotzdem damit an. Bevor das Ding aber in die Luft geht, ist ein wenig Fitzelarbeit angesagt: Schirm auspacken, Schirm ausbreiten, Schnüre entwirren (ein Grund, warum aus mir nie ein Sportmensch mit Sportutensilien geworden ist: das Getüddel). “Vorführeffekt!" sagt Marco, "sonst sind die nie vertüddelt". Außerdem muss er die Lenkung befestigen und die Sicherungen checken.

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Angefangen mit diesem Spaß, für den man wirklich viele, nicht ganz so günstige Utensilien braucht, hat Marco aus Lust und Laune. Eigentlich war er nur mit einem normalen Lenkdrachen auf’s Feld gegangen und sah wie wir die anderen mit ihren Kites. Während wir uns uns einfach auf die Wiese legen und zuschauen, wollte Marco mitmachen. Daraus wurden dann zwei Schirme, ein 2,2 m² großer und einer mit 10m², ein ATB-Board und am Ende sogar ein paar Versuche des Kitesurfens auf dem Wasser. Marco ist ein ruhiger Typ, zu dem es passt, wie er da mit seinem Equipment rumbastelt, bevor es wirklich losgehen kann. Den Sport an der frischen Luft mag er und wie man die Bewegung des Windes spürt, wenn man den Drachen hält oder sogar an den eigenen Körper gebunden hat. Dass es vor allem auch auf die eigene Technik ankommt und eben nicht nur auf den Wind und die Natur. Dass man die Möglichkeit hat, mit den meisten Winden umzugehen und nur wissen muss, wie, das fasziniert ihn.

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Caro will probieren und Marco erklärt ganz ruhig, welche Leine wofür zuständig ist, wie die drei Sicherungen funktionieren und wie man sich im Notfall schnell vom Schirm lösen kann, und wie man den Schirm am Windfenster lenkt. Das Windfester ist die Fläche des Windes, das man kennen muss, um den Drachen hoch zu bekommen und in der Luft zu steuern. An dessen Rand man sich mit dem Drachen bewegen muss, wenn man auf einem Board steht und dieses Board voranbringen will. Marco ist heute mit dem Blick immer am Drachen, immer im Himmel. Das funktioniert, weil das Feld in der Woche tagsüber sehr leer ist und er vor allem auf Wiese fährt. Asphalt sei etwas für die Profis - und da müsse man den Drachen wirklich im Schlaf lenken können, denn dort sei aufgrund der Geschwindigkeit vor allem die Konzentration auf die Strecke wichtig, damit man niemanden umfährt.

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Marco kitet seit zwei Jahren, er kommt aber nur noch relativ selten aufs Feld, parallel hat er auch mit dem Wakeboarden angefangen und das begeistert ihn noch mehr als das Landboardkiten. In Velten bei Berlin verbringt er seinen Sommer, die Dauerkarte hat er schon gekauft, 790 Euro zahlt man für eine Saisonkarte, um so oft, wie man will, aufs Wasser zu dürfen. Aber das ist noch einmal eine andere Geschichte. Sonst steht seine Ausrüstung ordentlich zusammengepackt in einer Nische im Schlafzimmer neben seiner Wakeboardausrüstung. Dass er gut auf das teure Equipment achtgibt, sieht man sofort. Solche Sportarten macht man eben nicht einfach so, das überlegt man sich gut. Für die ganze Ausrüstung hat er ein paar tausend Euro hingelegt, "aber wenn man achtsam ist, kann man auch alles wieder verkaufen", sagt Marco.

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Das Schönste ist das Geräusch des Drachens in der Luft, wenn er Kurven fliegt und kleine Manöver macht, das Ratschen der Gummiräder auf dem vom Winter noch ganz zerknautschten Rasen und das Flattern der Schnüre, das harmloser klingt, als es ist. Denn eigentlich ist es verboten unter den Schnüren zu stehen, die viele Kilos halten und einem mit ordentlich Schwung und Zug ernsthaften Schaden zufügen können. "Die Sache mit der Sicherheit ist wichtig", das betont Marco auch immer wieder, "diese Drachen sind halt kein Spielzeug, es sind Sportgeräte und bei unsachgemäßer Benutzung, Unkenntnis oder Leichtsinn kann es zu sehr ernsten Verletzungen kommen". Er wirkt bedacht bei allem, was er tut, interessiert sich sogar für sogenannte Verkehrsregeln auf dem Feld, von denen man so als Besucher gar nicht weiß. Wer zuerst fahren darf, wenn zwei Kiter sich begegnen, all solche Dinge. Man sieht ihm gern zu, wenn er da steht mit beiden Händen an der Lenkung, den Blick immer nach oben gerichtet, etwas zurückgelehnt, als würde er sich in den Wind legen. Der Drachen zieht und zieht und dann rollt Marco einfach davon.

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Man sieht in Berlin selten so viel Himmel wie hier, es gibt nur wenig Platz für diese Sorte Wind, den großen, der dich beinahe in die Arme nimmt.

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Danke, Marco, fürs Mitnehmen. Und danke, Caro, für die schönen Fotos. Jetzt Lust auf Tischtennis, Les Mills oder Laufen?

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