ARTVERGNÜGEN #29 featuring Julia Benz, One Fine Day und Cato J.Dibelius

„Tom Tykwer sollte Aufhänger genug sein“, meint Kollegin Saskia. Im heutigen Artvergnügen stelle ich seine Initiative One Fine Day e.V. und begleitende Kunstauktion vor. Dazu packe ich noch einen zehnjährigen Kurator und die Premiere unserer neuen Serie "ARTVERGNÜGEN featuring..." oben drauf und winke dem Konjunktiv zum Abschied hinterher.

ARTVERGNÜGEN featuring: Julia Benz
Ich schreibe Julia an einem frühen Morgen. Ob sie nicht Lust hätte unsere Porträt-Serie zu eröffnen. Keine 10 Minuten später: ihre Antwort. Julia kommt gerade von ihrer morgendlichen Runde mit Hund Ponyo zurück– “danach verbringe ich erstmal recht viel Zeit mit E-Mails beantworten und der Selbstdarstellung im Internet.” Eine Künstlerin, die die “Selbstdarstellung” als Teil ihres Berufs anerkennt und sich derart bodenständig, selbstbewusst auf dem Parkett des Kunstmarktes bewegt, ist mir äußerst sympathisch.

Julias Arbeitsplatz befindet sich im STU/DI/O, einem Atelier in der Anklamer Straße, das sie sich mit weiteren Fotografen, Designern, Illustratoren und Malern teilt. Schön zu sehen, dass auch der Prenzlauer Berg noch Platz für experimentelle Kreation bereithält. Das STU/DI/O tritt kollektiv auf. Mit ST.ART haben die Mieter eine Art Ateliermagazin geschaffen, in dem sie ihre Arbeiten präsentieren und externe kreative Köpfe porträtieren.

Und was motiviert sie selbst zu ihren Gemälden? Was bereitet ihr Vergnügen? Getroffen habe ich Julia zum ersten Mal beim Magazin-Launch im Dezember. Sie und ihre Bilder gaben damals ein harmonisches Paar ab. Ihre Malereien versprühen das gleiche Selbstbewusstsein wie sie selbst. Ihre Arbeiten “Notalf”, “Erzähl mir deine Geschichte, vielleicht hör ich zu”, “Enteenteenteente” und “Perlenvorhang vor die Säue” zeugen von einer humorvollen Art der Weltbetrachtung. Die banalen Schrulligkeit des Lebens bekommen in Leuchtfarben eine ihnen sonst verwehrte Aufmerksamkeit.

Julia, woher nimmst du deine Inspiration?
Ich setze vor allem die belanglosen Dinge des alltäglichen Lebens in Szene. Fotos dienen dabei als kompositorischer Ausgangspunkt; sie fließen in meine Bilder ein. Hauptsächlich male ich Menschen, die sich scheinbar in einer Art Leerlauf- oder Ersatzhandlung befinden, die mir zum Beispiel in der Straßenbahn gegenüber sitzen. Es wird gestarrt, gelesen, telefoniert, Musik gehört und gedöst. Diese Personen sind dann Motive und für mich inhaltlich interessanter als überschöne Wesen aus den Medien. Ich will in meiner Arbeit keine spektakulären Szenen zeigen, Kritik ausüben, oder gesellschaftliche Missstände verdeutlichen. Ganz besonders interessiert mich, was mit den Bildern während des Malens passiert. Am Anfang habe ich keine Vorstellung davon, wie es einmal aussehen wird. Der Malprozess ist vielmehr eine Reaktion, die zum Teil bewusst, oft auch spontan auftritt.

Was gefällt dir an der Kunst?
Mir gefällt, dass sie alles darf und nichts muss. Wenn ich mich nicht frei fühle, dann kann ich nicht arbeiten. Ich muss mir im Kopf einen Zustand aufbauen können, der mir erlaubt, jetzt nicht auf die Uhr schauen zu müssen und alle Termine und Dinge, die man so nebenher erledigen muss, zu vergessen. Das ist manchmal echt schwer und es kann Wochen dauern, bis ich es schaffe in diesen Prozess des Malens, wo ich einfach "nur" male, hineinzukommen.

Wusstest du schon immer, dass du Kunst machen möchtest?
Nein, eigentlich hat es sogar erstaunlich lange gedauert, bis ich wusste, was ich wirklich will. Damals war ich 23 und mitten im Lehramtsstudium (Kunst, Textilgestaltung und Mathematik). Das mit der Kunst habe ich mir nicht mal ansatzweise zugetraut. Ich war auch echt schlecht. Das Blatt hat sich gewendet als ich im Hauptstudium Malerei belegen musste. Nach dem Seminar kam die Professorin auf mich zu uns sagte "Frau Benz, sie müssen malen!" Aufgrund der positiven Resonanz der Professoren beschloss ich mich der Malerei zu widmen.

Ich glaube meine Kunstlehrer hatten keinen Schimmer von Mathe und umgekehrt …
Ich finde diese Kombination großartig, da sie einen wundervollen Gegensatz beinhaltet: in der Kunst darf alles passieren und es gibt so gut wie keine Grenzen. Besonders wenn über Kunst diskutiert wird. In der Mathematik sind die Inhalte klar, logisch und es gibt immer nur eine Lösung. Außerdem stehe ich total auf Geometrie, ich mag die Formen und da wird ja auch irgendwie gezeichnet.

Und allzu weit entfernt hast du dich vom Lehramt ja auch nicht.
Stimmt. Ich arbeite als Dozentin an der Alanushochschule in Bonn und gebe Aktzeichenkurse; jeden Dienstag Abend von 18.00-19.30 im STU/DI/O. Jeder kann vorbei kommen, auch ohne Anmeldung.

Lust haben darauf bestimmt viele, die Scham steht aber im Weg.
Nackte Haut kann ja zum Glück nicht beißen. Der Kurs ist sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene geeignet. Aktzeichnen ist im Grunde eine sehr klassische Form der Zeichenpraxis, jedoch lasse ich mir bei meinen Kursen immer etwas Neues einfallen. Eines meiner männlichen Aktmodelle posierte auch schon mal 20 Minuten in einer Luchadora Maske (Anm.: die Maske der mexikanischen Wrestler). Zuerst schauten mich die Kursteilnehmer lachend und verstört an, aber dann legten sie auch gleich los.

Verrate uns abschließend bitte noch deine liebsten Orte für Kunst in Berlin.
Mein Atelier und der Hamburger Bahnhof. Im Atelier verbringe ich die meiste Zeit meines Alltags, dort habe ich tolle Menschen um mich herum, die sich schon fast wie Familie anfühlen. Außerdem kann ich dort alles machen und mich bei Bedarf ausbreiten und einfach loslegen. Der Hamburger Bahnhof zeigt tolle Ausstellungen und ich mag die Architektur total gerne. Leider bin ich viel zu selten dort, aber neben den vielen Ausstellungseröffnungen und -partys, die ich regelmäßig besuche, ist so ein bisschen "trockene" moderne Kunst in diesem Ambiente was echt tolles und eigentlich gar nicht so trocken.

Danke Julia!

Julia Benz wird repräsentiert von der Kölner Galerie Die Kunstagentin.
Aktuell plant sie eine Einzelausstellung für Anfang April. Julia’s Web- und die STU/DI/O Facebook-Page halten euch informiert.
Bilder: Florian Wenningkamp
Bilder sind im Rahmen des Lookbook Shootings für Zookie entstanden.

Julien-Berthier-Love-love

Daddy YOU can't make a cactus...this has been done! im Grimmuseum
Kinder stellen jene banalen Fragen, die zu stellen wir uns nicht die Blöße geben wollen. Sie betrachten die Welt unvoreingenommen und kommentieren unverblümt. Wie aber sieht ein Kind die Welt, das, gerade so in der Lage einen Wauwau von der Muh zu unterscheiden, plötzlich vor einem tätowierten Schwein steht? Wie beeinflusst die frühkindliche Konfrontation mit Kunst, Realität und Fiktion das persönliche Urteil darüber, was gut ist? Und wie intuitiv kann das Urteil eines Sprösslings sein, der in die Kunstszene hineingeboren wurde?

 Michael Zheng, „Shine“, 2011 - Mann mit dem Lächeln in Regenbogenfarben

Cato J.Dibelius hat mit zehn Jahren seine erste Ausstellung kuratiert. Er zeigt, was ihm gefällt: humorvolle Arbeiten, in denen die ursprüngliche Funktion von Objekten außer Kraft gesetzt wird. Bei der Auswahl konnte er auf ein unendliches mentales Repertoire zurückgreifen: nach circa 400 Ausstellungsbesuchen kennt er mehr Künstler und Werke beim Namen als der durchschnittliche Bürger. Ich erblasse vor Neid. Cato’s Auswahl hat Farbe in meinen grauen Sonntag gebracht: Popcorn, ein Regenbogen aus Zähnen, ein Schiff, das hochkant durch den Hafen schippert. Dafür danke ich ihm. Künstler möchte er nicht werden. Wahrscheinlich käme ihm ohnehin jedes Werk wie eine plumpe Kopie einer Arbeit vor, die er schon mal irgendwo gesehen hat. Ich hoffe trotzdem, dass es nicht seine letzte Ausstellung ist.

Daddy YOU can't make a cactus...this has been done! bis 17. Febuar 2013
Grimmuseum: Fichtestraße 2
Öffnungszeiten: Mi-So, 14.00- 19.00 h
Eintritt frei

25 Künstler für One Fine Day
“Zum Ersten….zum Zweiten ……uuuuuuuuuund zum Dritten.” Anbei die Fakten zum bevorstehenden Benefizevent.

Was: Kunstauktion zugunsten des Vereins One Fine Day e.V.
Heiße Ware: Douglas Gordon, Anselm Reyle, Jonathan Meese, Anton Corbijn, Gert & Uwe Tobias
Mindestgebot: zwischen 500 Euro für ein Gemälde von Laurence Egloff und 20.000 Euro für einen farbigen Holzschnitt von Gert & Uwe Tobias (siehe ARTVERGNÜGEN 19).
Über One Fine Day e.V.: One Fine Day e.V., eine Initiative von Tom Tykwer und Marie Steinmann, initiiert und berät in Kooperation mit der britischen NGO “Anno’s Africa” seit 2008 Kunstworkshops für Kinder und junge Erwachsene in Ostafrika.
Motivation: Emanzipation durch Kreativität. Es soll ein Gegengewicht geschaffen werden zur traditionell supressiven Entwicklungshilfe. Die Vermittlung von Kunstpraktiken und -methoden wird als Chance für eine Emanzipation der Menschen vor Ort und zur Hilfe zur Selbsthilfe gesehen.

Asstellungseröffnung:  6. Februar, 11 h
Vorbesichtigung: jeweils 11.00h –18.00 h und 10. 02, 10.00 h–16.00h.
Außerdem werden Arbeiten kenianischer Kunststudenten ausgestelllt, die in der Vergangenheit durch One Fine Day unterstützt wurden.
Registrierung hier und in der Galerie Contemporary Fine Arts.
Die Auktion beginnt am 10.Feburuar um 17.00 h
Contemporary Fine Arts: Am Kupfergraben 10

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