ARTVERGNÜGEN #16 – LISSABON SPECIAL

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Eine nicht enden wollende Küstenlandschaft, monotones Meeresrauschen. Als Anhängerin der Künste und Studentin ihrer Geschichte hungerte Saskia Wichert nach einer Woche an der Algarve nach dem visuell- akustischen Kontrast. Next Stop: Lissabon. Anbei ihr ArtVergnügen Special aus Portugals Hauptstadt.

Museu Colecção Berardo, Museu do Design e da Moda
Diesem Königskind unter den Museen Lissabons unterstelle ich Bestechung. Zum einen führt der Weg vorbei an der berühmten Bäckerei Pastéis de Belém und macht es mit seinem Duft unmöglich, sich nicht dem Genuss von Portugals berühmten pastèis de nata hinzugeben und zum zweiten wartet im Hof  des Museums eine Sprühregeninstallation auf meine glühwarme Touristenhaut und legt ein Kleid von Sanftmut über mich. Ich möchte das Gefühl einpacken und mit nach Hause nehmen.

Nach diesem Spaß im Tempel der Kunst von 1960-2010 angekommen, lesen sich die Künstlernamen der Dauerausstellung für mich als Kunstmarktjunkie wie das Line-Up eines Festivals, das ich auf keinen Fall verpassen darf: Andy Warhol, Cy Twombly, Francis Bacon, Marcel Duchamp, Gerhard Richter. Eine gute Compilation, aber kein Best Of: Von jedem dieser Künstler finde ich genau ein Werk.

Moderne und Gegenwartskunst lassen sich hier trotzdem ganz wunderbar erleben. Jeder Raum beleuchtet eine andere Strömung der Modernen Kunst mit exemplarischen Werken und ausführlichen Erläuterungen. So arbeite ich mich durch Highlights des Dadaismus, Kubismus, Minimalismus, Konzeptualismus und der PopArt. Als ich vor einem Piet Mondrian stehe und meinem Freund versuche zu erklären wieso seine minimalistischen Werke für die Überwindung des Individiuums innerhalb der Gesellschaft stehen und dafür ungläubige Blicke ernte, verstehe ich: es ist Zeit für die Sonderausstellung. Denn die hat was mit Musik zu tun; die dahinterliegende Philosophie kann in dem Fall er mir erklären.

Mit noch schwirrendem Kopf vom Who is who der Contemporary Art also auf zu O Novo Oficio, einer unter Unico Filho entstandenen Ausstellung, die Musik in Mittelpunkt stellt. Museen, die leise und Musik, die (meistens) laut zu sein hat zu vereinen ist meines Erachtens ein ambitioniertes Ansinnen. An einer Theke mit vielen kleinen Plattenspielern und noch mehr Platten, bestätigt sich mein Zweifel. Die Besucher stöbern in den Platten, trauen sich aber nicht sie abzuspielen. Eine Museumsmitarbeiterin durchbricht die Stille und spielt gleich vier Platten lautstark gegeneinander an. Nun verstehen wir alle: Heute sollen wir spielen, auch im Museum. Lou Reeds Installation Metal Machine Music mit vier Amps und E-Gitarren ist Quelle seines 1975 erschienenen gleichnamigen Albums, das tausendfach seinen Weg zurück in die Plattenläden fand, da es angeblich nur Krach enthielt. Was für die einen Krach ist, war für Lou Reed noise music.

Im Rest der  Ausstellung gibt es weitere Klanginstallationen und Instrumenterfindungen, die interessant aber auch schnell abzulaufen sind. Und insgeheim freue ich mich auf den Weg zurück zur Bushaltestelle. Ihr wisst warum.

Das Museum ist Teil des Google Art Projects, sodass sich die wunderbaren Werke auch von zu Hause aus erkunden lassen.

O Novo Oficio bis zum 26. August

Museu Colecção Berardo
Praça do Império, 1449-003 Lissabon
Mo So 10 – 19 Uhr, Eintritt frei
www.museuberardo.pt“>

MUDE Museu do Design e da Moda
“Design is the art of the industrial society” Gillo Dorfles

Das MUDE wirft mich gleich zu Anfang um. Dieses bis auf die Betonwände entkernte riesige Haus ist reduziert auf  wenige verhüllende Vorhänge. In seiner nackten Rauheit der schönste Präsentierteller für Design, den man sich nur vorstellen kann. Satisfaction von den Rolling Stones ist laut aufgedreht und führt chronologisch durch die Designhighlights des 20. Jahrhunderts. In den 60ern verweile ich besonders lang und muss beim Betrachten einer Vase zusammen mit dem Japaner neben mir auflachen: wir sehen uns an und denken das Gleiche: Phallus!

Der Anblick des Mikroautos Isetta, von Plattenspielern, den ersten Chucks und dem knallroten Sofa in Mundform machen quietschvergnügt und lassen mich die Geißel der zu späten Geburt verfluchen – so eine Isetta hätte mir gut gestanden.

Eine Etage höher präsentiert das Museum, das im Übrigen auch einen lohnenden Webauftritt hat, in der aktuellen Sonderausstellung Where Ideas are born die Designarbeiten des Spaniers Manuel Estrada und seinem Team, die für unzählbare Klienten neue Identitäten durch die Kunst des Designs schufen. Ich tauche hier ein in ihre Köpfe, stehe vor riesigen Leinwänden mit Logos auf der Vorderseite und ihrer Entstehungsgeschichte auf der Rückseite und begehe einen geistigen Kniefall vor dieser geballten Ladung intelligenter Schöpfung. Ich sehe Skizzen, Entwürfe, bereits Verworfenes, Geniales, Verkanntes und viel Gewürdigtes. Der Designer selbst bringt es auf den Punkt:

“However, it is not enough to have an attractive design approved by the client. The search for solutions involves a commitment to the entire process of birth, application and growth of a project. When you are involved in projects in which you believe emotionally and intellectually, your sources of creativity and productivity are renewed.”

Die Besucher dürfen am Ende des Rundgangs auch selbst zu Papier und Stift greifen, aber beeindruckt von dem Gesehenen traue ich mich das nun nicht mehr und möchte lieber noch einmal kurz zu Satisfaction tanzen gehen.

Where Ideas are born. The Juggler’s Sketchbook. Manuel Estrada bis zum 23. September

MUDE Museu do Design e da Moda
Rua Augusta 24, 1100 – 053 Lissabon
Di ­So 10 18 Uhr, Eintritt frei
www.mude.pt

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