ARTVERGNÜGEN #14 – Ein junger Neo Rauch! – Eindrücke aus Weißensee

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Wenn man an diesem Wochenende noch irgendwas anderes tun wollte, als zu künsteln, mussten Entscheidungen getroffen werden. Das hieß in meinem Fall am Donnerstag  gesellige Drinks und oberflächliches Browsen an der UdK,  gelassener Kunstgenuss dann am Sonntag bei ‘Ausgerechnet Freitag der 13.’. Entsprechend liegt mein Fokus in dieser Ausgabe vom Artvergnügen auf den Diplom- und Meisterschülern der Kunsthochschule Weißensee. Ein paar Impressionen des Eröffnungsabends am Campus Hardenbergstraße gibt’s als Trostpflaster am Ende.

Als die Biennale 2010 nach Kreuzberg zog, wurden die Gentrifizierungs-Fahnen wieder besonders kräftig geschwungen. Nun sei es so weit, das Kunstvolk habe seine natürliche Brutstätte (Mitte) verlassen und werde nun auch noch diesen ursprünglichen Boden kolonialisieren. Vielleicht, aber man konnte sich besten Willens nicht satt sehen. Nicht an den Beiträgen, ebenso wenig am Gebäude selbst. Seitdem stand das ehemalige Warenhaus wieder leer, bis am letzten Freitag die Diplom-und Meisterschüler der Weißensee für ihre Abschlussshow einzogen. Als Kurator zeigt sich Frank Wagner verantwortlich, der übrigens auch hinter der Alfredo Jaar Ausstellung steckt. Von den aktuellen Whitest Boy Alive Plakaten in die Irre geleitet, nahm ich an, es handle sich bei der Plakatierung im EG des Oranienplatzes 17 um eine großformatige Album-Promotion. Tatsächlich aber stammt die Illustrations-/ Fotobanderole von den Studenten Lukas Quietzsch und Philipp Simon. Gefällt mir sehr gut und dem Erlend Oye bestimmt auch.

Es ist Sonntag, 15 Uhr, und ich will nicht warten bis die Tour um 17 Uhr beginnt. Mache mir also selbst ein Bild, unbeeindruckt jeglicher kuratorischen Idee und muss am Ende dann doch durch weiterführende Internetrecherche Lücken füllen, welche diese zwar bildreiche aber wortarme Ausstellung hinterlässt. Meine lose Auswahl favorisierter Arbeiten verhält sich also vermutlich direkt proportional zur einfachen Zugänglichkeit. Vielleicht sind andere Werke brillianter, aber das ist an einem Sonntag Mittag auch irgendwie egal.

Marie Luise Birkholz, Meisterschülerin Bildhauerei

Meine raum- greifenden Objekte sind formal reduziert und werden durch den Einsatz von künstlichem Licht inszeniert. Dabei entstehen Situationen, denen ich selbst als Unbekannte begegne.”

Man möchte in den Korb springen, der einem, punktgenau ausgeleuchtet, grellgelb entgegen strahlt;  möchte sich in das Iglu kuscheln. Marie Luise Birkholz’s Skulpturen wirken magnetisch. In ‘Vorarbeit'(2010) markierte sie jede beschädigte Stelle eines ehemaligen Klassenraums mit Neonfarbe oder Edding. In ‘I have hope anyway’ (2008) verlieh sie einem zum Tode geweihten Umspannwerk in der Kopenhagener Straße mit einer Geranien-Bepflanzung im Innenraum letzten Glanz. Heute diktiert dort  Zalando den Konsum. In einer japanisch-deutschen Gemeinschaftsausstellung nahm sie die vorgärtnerische Offenheit der Deutschen auf die Schippe, in ‘Happy End to go’ gab’s einen einstündigen Sonnenuntergang zum Mitnehmen auf dem Laptop. Die nächsten Ausstellungen stehen dann für August in Groß Fredenwalde (‘Fünf Unbekannte’) und Oktober in der Galerie der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg (‘Folgendes’) auf dem Plan. Hier, bitte: ein Blick in’s Portfolio.

Daniela Mace Rossiter, Meisterschülerin Malerei

Für Daniela Mace Rossiter ist es hier, bei Mit Vergnügen, keine Premiere mehr. Ihre, am Oranienplatz 17 gezeigte, sechsteilige Fotoserie war eines, wenn nicht das Highlight für mich; ein sehr leises Highlight. Ihre weiteren, ebenfalls wirklich beeindruckenden, Arbeiten findet ihr auf ihrer Website.

Lars Gressmann, Diplom Malerei

Statt höflich um Aufmerksamkeit zu bitten, holen sich Lars Gressmann’s Arbeiten diese einfach und stellen sich dem Betrachter in den Weg. Gemälde können eben auch ohne Wand. Ihr kennt das Konzept der Slow Exhibition? Man geht in ein Museum und nimmt sich nicht alle zig Werke vor, sondern befasst sich die gesamte Verweildauer lang mit nur einer Arbeit. Nun, Gressmann’s Arbeit wäre prädestiniert dafür. Ein junger Neo Rauch.

Eric Winkler, Diplom Bildhauerei

Bild: ‘Regeneration’ (2012)

Genaue Arbeitszeitabrechnung dank computergesteuerter Stempeluhr.
Rechtsradikales Gekritzel auf Betriebseigener Toilette: jahrelang geduldet?
Sabine T.: will von nichts gewusst haben?
Perverse Zeichnung des Holger B..
Auf der Gehaltsliste der Handwerkskammer, Dipl. -Ing. Heinrich Pö.: Informationen gezielt zurückgehalten?
Nur Dialog unter Leiharbeitern?
Nägel zum Fixieren von Betonplatten.
Grundriss des Erdgeschoss.
Nagelneuer Betonmischer.
Heimlich verliebt in Sabine T.: Holger B.
Malediven: Natürliches Wellness mit Traumstrandgarantie.(aus: ‘Wertarbeit‘)

Eric Winkler’s Serien sind  Geschichten, sein Forschungsinteresse die ‘Narration der Bilder’. In welchem Kontext steht ein Bild? Wie verhalten diese sich zueinander? Und so wird Sabine T.,  eine Frau wie aus der Imagebroschüre des perfekten deutschen Unternehmens – die Frauenquote gewahrt, Sicherheit garantiert – Protagonistin kollegial-privater Zuneigung. Die weiße Fassade des Unternehmens bietet Schutz für hinter verschlossener Tür vorherrschenden Rassismus. Die scheinheilige Perfektion ist in Eric’s Arbeiten nie nur das, wonach es aussieht. Eric’s Website.

Auf dem Weg nach Draußen schnell noch in der Videokammer bei „I am you“von Stefanie Walk (Diplom Malerei) anhalten und an der Pfauenfederskulptur von Mathias Euwer (Diplom Bildhauerei) vorbei nach draußen schweben.

Haltloser Aberglaube, dieser Freitag der 13.

‘Ausgerechnet Freitag der 13.’ noch bis 29.Juli

Oranienplatz  17
Mo – So, 12 – 21 h

Das Rahmenprogramm wartet hier auf euch. Der Blog hält alle anderen Informationen bereit.

Und hier ein paar Bilder von der UdK.

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