Was ich daraus gelernt habe, vier Monate keinen BH zu tragen

© Marvin Meyer | Unsplash

Oh, wie oft habe ich schon den Satz gehört: "Wenn ich nach Hause komme, ziehe ich zuerst den BH aus." Ich habe das oft genauso gemacht. Denn ein BH kann unbequem, drückend oder auch einfach nur beengend sein. Er muss nicht einmal zu eng sein, man spürt ihn trotzdem. Dennoch kaufte ich bereits mit 13 Jahren meinen ersten richtigen Büstenhalter. Warum? Weil man das so machte, schätze ich.

Vor Kurzem begann ich mich allerdings zu fragen: Muss das wirklich sein? Was bringt ein BH meinen Brüsten wirklich? Ich wollte wissen, ob es nicht auch ohne ginge. Wie würde es sich anfühlen, ihn in der Öffentlichkeit nicht mehr zu tragen? Also beschloss ich Ende Juli kurzerhand, einfach keinen BH mehr anzuziehen.

Revolution? Nicht ganz.

Ich googelte und stöberte, um zu sehen, ob andere meinem Beispiel voraus waren. Natürlich waren sie das! Frauen über Frauen schrieben davon, wie sie den beengenden Freund ablegten und ihren Brüsten die Freiheit schenkten. Ich stieß auch auf die #noBra-Bewegung, die sich mit Gesichtern wie Gigi Hadid und Kendall Jenner gegen einen BH aussprachen. Die Natürlichkeit solle im Fokus stehen und der weibliche Körper nicht andauernd sexualisiert werden. Bei all diesen Frauen blieb eins jedoch aus: große Brüste! Alle Frauen schrieben, sie hätten eher eine kleine bis mittelgroße Oberweite, Körbchengrößen, die sowieso an der Notwendigkeit einer Halterung zweifeln ließen. Dass die Schwerkraft bei einem B-Körbchen nicht so wirkte wie bei einem E-Körbchen wie meinem, stand für mich außer Frage. Die Challenge schrie förmlich nach mir!

An meinem ersten Tag ohne BH, es war ein Sonntag, bestätigten sich die Berichte der Frauen sofort: Ich hatte das Gefühl, jeder starre mir auf die Brüste. Die Angst davor, es würde zu sehr wackeln und die Schreckensvorstellung von Nippel-Alarm waren meine ständigen Begleiter. Auf dem Flohmarkt, im Sommer, im Top – na klasse! Doch nach einigen Tagen wurde mir bewusst, dass niemand auf meine Brüste sah, die Leute interessierten sich nicht dafür. Vielleicht lag es an der Ignoranz der Berliner, vielleicht verhielten sie sich auch einfach nur besonders unauffällig. Mich freute es jedenfalls sehr. Gleichzeitig fing ich an, immer mehr auf die Brüste von anderen Frauen zu schauen und mich zu fragen, was sie wohl anhatten – wenn überhaupt etwas. Und tatsächlich war ich nicht die einzige, die BH-frei umherlief. Was für ein Befreiungsschlag!

Freie Brüste, bessere Gesundheit?

Als ich das erste Mal ohne BH ausging, kehrte dann doch die anfängliche Unsicherheit zurück. Für gewöhnlich war ich die Erste auf der Tanzfläche, ich tanzte ohne Hemmungen und jeder Blick war mir egal. Diesmal nicht. Ich fühlte mich, als habe man mir nicht meinen BH, sondern mein Schutzschild genommen. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass dies der letzte Tag ohne Bügel unter der Brust wäre. Wieder zu Hause merkte ich jedoch, wie entspannt meine Schultern waren und dass auch mein Rücken nicht – wie sonst oft nach dem Feiern – schmerzte. Sollte all das von einem BH kommen können?

Wie eine Studie von Professor Jean-Denis Rouillon vom Universitätsklinikum im französischen Besançon zeigt: ja. Er hat bei über 300 Teilnehmerinnen die Auswirkungen einer BH-befreiten Brust untersucht. Auch er kam zu dem Schluss, dass ein BH nur hinderlich wirke und es für die Frau gesünder sei, keinen zu tragen. Auch ohne BH erschlaffen die Brüste bei den meisten Frauen nicht, das Muskelgewebe wurde sogar fester, die Trägerinnen hatten keine Rückenschmerzen mehr und bekamen besser Luft. Kurzum: Das Gesündeste scheint ein BH nicht zu sein.

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Als ich meinen Schwestern von meinen Erkenntnissen berichtete, waren sie brüskiert. Sie haben beide auch eine große Oberweite und konnten sich nicht vorstellen, ohne BH das Haus zu verlassen. Sie machten sich Gedanken darüber, dass ihre Brüste dann nicht richtig sitzen oder man ihre Brustwarzen sehen würde. Ich erkannte mein Ich von vor ein paar Wochen in diesen Aussagen wieder. Auch andere Freundinnen sagten mir, dass sie sich so ein Experiment nicht vorstellen könnten. „Sowas geht auch nur mit 20er-Brüsten!“, befand eine Freundin. Der gesellschaftliche Druck schien das weibliche Geschlecht fest im Griff zu haben.

Männer wiederum schienen das Ganze gut zu finden. Weniger auspacken, hieß es. Sie stimmten mir zu, dass Drähte und Bügel um den Oberkörper geschnallt keine bequeme und angenehme Sache sein könnten. Außerdem meinte einer meiner Freunde, ihm wäre es bewusst, dass Brüste nicht immer "stehen wie eine Eins". Mit oder ohne BH wäre ihm da egal. Freie Brüste als Problem scheinen nur in unseren Köpfen zu existieren.

Free the boobs!

Mit der Zeit gewöhnte ich mich immer mehr an meine Freiheit. Ich akzeptierte, dass meine Brüste in ihrer natürlichen Form nicht aussahen wie in der Werbung oder auf Instagram. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, ich liebte meine Brüste mehr als je zuvor. Ich schaffte es tatsächlich, den gesellschaftlichen Druck abzulegen.

Heute trage ich einen BH nur, wenn ich Lust darauf habe. Ich trage ihn für mich, nicht für die anderen. Etwa, wenn für mich ein Outfit damit schöner aussieht oder ich ein pralles Dekolleté haben möchte. Ohne BH wohlfühlen, egal ob auf einer Party oder auf dem Flohmarkt, geht inzwischen genauso problemlos. Mein Motto: Free the boobs! Am besten gleich morgen.

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