5 Dinge, die ich besser kann, seit ich 30 bin

© Jean Gerber | Unsplash

Eine gewisse Magie umgibt die Lebenszahl 30. Ob es sich dabei um weiße oder schwarze Magie handelt, das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Besonders Frauen tun sich oft schwer mit dem Übertreten dieser magischen Schwelle – nicht selten wird es uns aber auch schwer gemacht. Doch abseits der Tatsache, dass unsere Eier plötzlich von außen und innen mit ähnlicher Gehässigkeit bewerten werden wie unsere ersten Falten, schenkte mir dieser Lebensabschnitt auch eine Reihe an Erkenntnissen, auf die ich 29 Jahre hinlernen musste. Hier sind fünf Dinge, die ich mit 30 besser kann:

Von Starksein zum Schwach-Sinn. Wie ich lernte, um Hilfe zu bitten

In meinen Zwanzigern konnte mich nichts aufhalten. Und das war auch gut so. Denn nur so lernt man, über sich hinauszuwachsen. Ich traf viele, sehr viele dumme Entscheidungen. Naiv, unüberlegt, stoisch. Und auch das war gut so. Ich gegen den Rest der Welt. Ich schaffe das schon. Es gab kein Jobinterview, in dem ich nicht das Blaue vom Himmel log. Schon mal gemacht? Aber klar! Im Anschluss musste ich mich vor Aufregung übergeben und schmiss mich in die unbekannten Wellen des Erwachsenendaseins. „Ich kann das alleine“, lautete mein Credo. Denn irgendjemandem, meistens sich selbst, möchte man immer etwas beweisen.

Heute fällt es mir leichter, um Hilfe zu bitten. Dazu gehören jedoch auch die Erkenntnis und Akzeptanz der eigenen Schwächen. Und ironischerweise wird das Leben leichter, wenn man versteht, wie schwach man selber dann und wann ist. Ich kann heute vieles, aber lange nicht alles. So sind Hände plötzlich nicht nur zum Abklatschen, sondern zum Halten und Helfen da. In seinen Dreißigern lernt man zu verstehen, dass jeder sein eigenes Paket zu schleppen hat und realisiert, dass das eigene nicht immer das größte ist. „Ich brauche deine Hilfe“ – diese Aufforderung kann sich an Familie, Freunde oder einen Therapeuten richten. Heute geht sie mir leichter über die Lippen, als noch vor einigen Jahren.

Can you pay my bills? Wie ich lernte, meinen Wert zu erkennen

Ich blicke oft zurück, das ist auch Teil dieser Alters, man blickt öfters zurück, und denke mir: Heute würde mir das nicht mehr passieren. Ich würde mich nicht mehr von einem Arbeitgeber vor versammelter Mannschaft anscheißen, von einem Auftraggeber bis zum Belastbarkeitsgrenze im Preis drücken und von einem Date wie Scheiße behandeln lassen. Ich weiß heute, was ich wert bin. Als Mensch, als Frau. Tiefstapeln, um sich unter sonst verschlossenen Türen durchzumogeln, ist das Eine. Den eigenen Wert zu drücken, um Aufmerksamkeit, Zuwendung und, sei es drum, Geld zu erhalten. Zu wissen, was man wert ist und dies auch zu artikulieren, geht oft einher mit: „Was ne Emanze“ oder „Zicke“. Nochmals, ich schreibe hier aus den Augen einer Frau. Es kann auch passieren, dass man sich mit einem gewissen Wertverständnis Feinde macht oder einen Teil des Weges alleine gehen muss – das ist jedoch nicht schlimm. Du bist jetzt 30 und verstehst den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein. Dazu mehr unter Punkt 4.

Fuck my life! Wie ich lernte, guten Sex zu haben

Ich hatte schlechten Sex. Damit meine ich „acht Minuten lang ausbuhen wollen“ schlechten Sex. Jene Art Sex, bei der du auf dem Rücken liegst, kniest oder stehst – auch schlechter Sex kann kreativ sein – und dich fragst: Jesus, Maria und Josef, was mache ich hier eigentlich? Unbeholfener, unbequemer Sex, dessen Geilheit es nicht Kälte der Anonymität nicht in eine heiße Nacht verwandeln kann. Das Lustige ist, ich hatte nicht nur einmal schlechten Sex und habe mich jedes Mal ähnlich verhalten: höflich lächeln, nachjustieren, wieder höflich lächeln, anziehen. Das nicht so Lustige ist: Ich war Teil des Schlechten. Aufgrund mangelndem Körperbewusstseins und fehlendem Selbstbewusstseins. Wie? Sex bei Tageslicht auf der offenen Fensterbank? Schweißperlen, so groß wie Billardkugeln, bildeten sich in einer Art Angstschweißmarianengraben unter meinen Brüsten. Was folgte, war hölzern und statisch. Nicht weich und elektrisch.

Heute, mit 30, weiß ich, wie ich es mag. Ich höre darauf, was meinem Partner gefällt. Es geht weniger um die Performance als um die B-Note. Die Zwischentöne. Ich lache öfters, auch über Peinlichkeiten. Ich höre auf, wenn ich merke, dass es sich falsch anfühlt. Ich artikuliere und finde die richten Worte für das, was ich brauche. Ich mache weiter, genau so, wenn es richtig ist. Rollen am Bauch, Schweiß an den Schläfen, Tageslicht auf dem Po – das geht heute besser. Sex auf Augenhöhe, da muss man reinwachsen.

Seelische Masturbation. Wie ich lernte, Alleinsein zu lieben

Ich sei etwas kauzig, kommentierte meine Mutter vor wenigen Wochen meinen immer öfter auftretenden Wunsch alleine zu sein. Alleine lesen, alleine an die Decke starren, letztes Jahr zum ersten Mal alleine verreisen. Was bis vor einigen Jahre noch eine Unwohlsein und Angst lösenden Herausforderung war, kann ich mit 30 richtig gut. Aber auch erst seit der einhergehenden Erkenntnis, dass Alleinsein nicht Einsamkeit bedeutet. Bewusstes Alleinsein ist für mich zu einem essentiellen Bestandteil eines Reifeprozesses geworden, der erst mit 30 wirklich anfing zu fruchten. Die zehn Jahre meiner Zwanziger fühlen sich retrospektiv an wie ein überlebensgroßes Bällebad, indem viel Raum für Aktion, jedoch wenig Raum für Introspektion gab. Heute ertrage ich jene das Trommelfell zerberstende Ruhe in einem Raum voller Ich, ohne hastig nach ablenkendem Brimborium suchen zu müssen.

Der größte Depp bin meistens ich. Wie ich lernte, Selbstironie zu kultivieren

Mehrmals im Monat verleihe ich mir den „Vollpfosten des Tages“. Nach dessen Erhalt bedanke ich mich mit einer artigen Dankesrede bei meinen Eltern und bade im tosenden Applaus eines imaginären Publikums. Das Vermögen, aus voller Kehle über meine eigene Dummheit lachen zu können, gehört für mich zu den wichtigsten Errungenschaften meines 30er-Kapitels. Ich lebe quasi im Imperfekt. Ich bin ein Imperfekt. Und seitdem ich dies weiß, gelingt mir wesentlich mehr, als noch vor zehn Jahren. Sich nicht so ernst zu nehmen ist der Anfang einer ernsthaften Karriere als Mensch. Das weiß ich heute. Dieser Prozess hat mit der Loslösung vom Ego zu tun, wobei Ego hier nicht mit Wert zu verwechseln ist (siehe Punkt 2). Denn es ist das Ego und ausschließlich das Ego, das so oft Talent, Empathie und der Liebe im Weg steht. Statt, wie noch vor fünf Jahren, meinen Körper auf konstanter Diät zu halten, mache ich dies heute mit meinem Ego.

Eine Randnotiz an alle 29,11-Jährigen: Die Liste jener Dinge, die ich immer noch nicht kann, würde hier den Rahmen sprengen. Es bleibt daher genauso spannend wie vor zehn Jahren.

Sags deinen Freunden: