Berlin, my love – ein Hassliebesgedicht

Wenn neun von zehn Passanten eine Bierflasche spazieren tragen,
wenn vor jeder Kneipe ein Aufsteller mit witzigem Kreidespruch steht,
wenn ein Radfahrer mit der Empörung des gekreuzigten Heilands quiekt, nur weil ein Auto ihn ein bisschen vom Sattel geschubst hat,
dann, my love, bin ich zuhause.

Wenn sich noch Ende Februar die Christbäume auf den Gehsteigen türmen,
wenn das verklingende Martinshorn des Rettungswagens nur die Ouvertüre für den anschwellenden Chor der Sirenen ist,
wenn Anwohner eine Miliz bilden müssen, um sich gegen kotzende Touris zu wehren,
dann, my love, fühl ich mich gut.

Wie soll ich ohne dich leben?

Denn wie soll ich ohne dich leben?
Ohne dein KaDeWe, diesen Tempel vergangener Zeiten?
Wo die Verkäuferinnen von Louis Vuitton aussehen, als wär ich bei KiK. Wo die Crème de la Crème aus OHV und TF ihren Mindestlohn in Champagner anlegt und Großmutters Sparstrumpf in Kaviar.
Wie, my love, soll ich darauf verzichten?

Wenn ich hinten im Bus sitzen muss, weil ich keinen Bugaboo-Wagen habe,
wenn mich Tauben und Ratten zur Arbeit begleiten,
wenn am Nebentisch ein Schauspieler, der eigentlich Fotograf ist, seinen Singer-Songwriter-Kumpel, der eigentlich Regisseur ist, dazu überreden will, eine Bar zu eröffnen,
dann, my love, atme ich auf.

KaDeWe – wo die Verkäuferinnen von Louis Vuitton aussehen, als wär ich bei KiK.

Wenn mich Zwanzigjährige darauf aufmerksam machen, dass das alles schon da war,
wenn der Taxifahrer Skrjabin hört und mir was von Schinkels Kirchen erzählt,
wenn sich bei Männlein und Weiblein die Poperze verkrampft, weil jemand gewagt hat, BERGHAIN zu sagen,
dann, my love, fühle ich mich unter Freunden.

Denn wie soll ich ohne dich glücklich sein?
Ohne deine schmutzigen Clubs mit ihren drolligen Türstehern?
Wo Keta beliebter ist als Amphetamine. Wo man drei Nächte hintereinander die gleichen Leute antreffen kann. Wo die Klos aufregender sind als die Tanzfläche.
Was, my love, soll ich ohne dich werden?

Ich brauche deinen Geruch nach Gras, Döner und Pisse,
deine vertrödelten Tage, die sich wie Freiheit anfühlen,
deine Räusche, so schöpferisch wie marodierende Abrissbirnen,
das Gefühl, Teil der Geschichte zu sein.
Ich liebe deine zerschossenen Sandsteinfassaden,
deine Parks, auf Bunkern und Trümmern erbaut,
deine Bahnen, die nie richtig fahren.
Deine Linden mit ihrem klebrigen Schmand.

Ich brauche deinen Geruch nach Gras, Döner und Pisse.

Nimm meine lausigen Blumen, lass sie mich niederlegen an deinem Altar.
Und dann lass mich noch eine Weile hier wohnen, my love.
Denn jeden anderen Ort hast du mir unerträglich gemacht.

 

Beim letzten Mal hat sich Clint an der Berlinale versucht.


Titelbild: © Laura Plank

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