100 Journalisten sagen, was guter Journalismus ist

Die Zukunft des Journalismus wird dieser Tage wieder vehement diskutiert, ob in Form von Kritik an den bestehenden Erlösmodellen oder als Hohelied auf die journalistische Handwerkskunst. Dirk von Gehlen, Süddeutsche-Journalist und Autor des Buches "Mashup – Lob der Kopie", greift das Thema aus einer ganz anderen Perspektive auf: Er stellt 100 Journalisten fünf Fragen zum Journalismus. Wir haben den Spieß umgedreht und ihm diese fünf Fragen gestellt.

Was ist guter Journalismus?
Auch weil ich finde, dass andere das besser erklären können als ich, bin ich auf die Idee gekommen, in größerem Maßstab selber zu fragen. Richtige Fragen zu stellen, kann beispielsweise sehr guter Journalismus sein. Aber im Ernst: "Journalismus heißt das zu veröffentlichen, was jemand anderer nicht veröffentlicht sehen will – alles anderen ist Werbung." Das ist ein Journalismus-Definitions-Satz, der George Orwell zugeschrieben wird. Für mich zeichnet sich guter Journalismus aber auch dadurch aus, dass er benennt, dass die Urheberschaft des Zitats nicht zweifelsfrei geklärt ist.

(Wie) Ist Ihnen persönlich das Internet dabei eine Hilfe?
Diese Frage hat – im Internet – skeptische Reaktionen hervorgerufen. Denn die Antwort sei doch klar. Ich kann mir aber vorstellen, dass es Bereiche im Journalismus und Kolleginnen und Kollegen gibt, die (noch) ohne das Internet arbeiten. Deshalb taucht die Frage hier auf. Außerdem könnte ja auch jemand antworten: "Das Internet ist keine Hilfe, sondern eine Bedrohung für meinen Beruf. Jetzt kann jeder veröffentlichen, klassische Autoritäten müssen sich neu hinterfragen lassen und der Kampf um Aufmerksamkeit wird immer schwieriger." Die Analyse würde ich persönlich teilen, ich würde allerdings den Schluss daraus ziehen, dass sich guter Journalismus genau diesen neuen Bedingungen stellen muss. Indem er seine Entstehung offenlegt, weniger Produkt- und eher Prozess-orientiert denkt und die technischen und dialogischen Möglichkeiten des digitalen Ökosystems verstehen und nutzen lernt.

Dirk von Gehlen - (c) Gerald von Foris© Gerald von Foris

Was ist der beste Weg in den Beruf?
Zuhören und lesen (zum Beispiel die Ratschläge der Kollegen im Fragebogen) und dann vor allem: Machen. Das ist wie mit dem Schwimmen: Man wird es nicht lernen, wenn man am Beckenrand steht und quatscht. Reinspringen, nass werden und vielleicht sogar mal untergehen oder Wasser schlucken!

Welchen Ratschlag, welche Regel oder welche Routine befolgen Sie?
Im Zweifel für den Zweifel – als Ratschlag wie als Referenz.

Wie geht's weiter?
Ich werde den Fragebogen weiter rumschicken, bis ich 100 Kolleginnen und Kollegen zum Antworten gebracht habe. Ich freue mich dabei natürlich auch über Vorschläge – bin aber so wählerisch selber zu entscheiden, welche Antworten mich jetzt interessieren und welche vielleicht erst später. Und wenn die 100 erreicht sind, spreche ich womöglich nochmal mit dem Erfinder von "5 questions for 100 designers" , von dem ich inspiriert wurde, und wir machen gemeinsam eine internationale Version der Journalistenfragen.

Alle Kurzinterviews gibt es auf "5 Fragen an 100 Journalisten".

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