Dienstag, 08.01. Sommergäste – Schaubühne

Es ist da eine Ansammlung von Menschen auf der Bühne, die sich im schönsten Hochsommer langweilen. Einfach so. Die oberste Schicht der Gesellschaft, Juristen, Schriftsteller und Ärzte suchen vergeblich nach einem Sinn in ihrem vermeintlich erfüllten Wohlstand. Zwischen Traumbild und Realismus gehen hier die von Gorki entworfenen Mittelstandsbürger in der Sommerfrische unter.

Warwara leidet an ihrer Kinderlosigkeit, ein lethargischer Ehemann daneben, der ihr alles andere als helfen kann und will. Die Liebe eines Anderen weist sie zurück. In einen Schriftsteller projiziert sie ihre heimliche Sehnsucht nach Liebe und Pathos – und erkennt, dass dessen Künstlertum auch nur noch eine Fassade ist. Schließlich beschließt Warwara auszubrechen. Dennoch bleiben sie allesamt in ihrer Existenz gefangen: Als sei die Datscha auf der Bühne ein prunkvoller Käfig ohne Entkommen.

In Hermanis Inszenierung wirken die einst gehobenen Sommergäste eher wie Penner und es gibt einige Hinweise darauf, dass sie es tatsächlich sind – Plastiktüten voller Geld in einem Einkaufswagen, Durcheinandergequassel, mal verständlich, mal weniger verständlich und die ganze Zeit steht eine Prise Landstreichertum im Raum.

Gorki schrieb sein Stück 1904, kurz vor Kriegen und Revolutionen, mit denen ein altes und starkes Europa unwiederbringlich zusammenbrach. Und dennoch erhalten seine Figuren heute eine paradoxe Lebendigkeit: Wie Spiegelfiguren, die auch heute noch zu existieren scheinen. Wenn wir in den Rollen erkennen, dass sie und ihr Kreis bereits damals müde Gespenster in der eigenen Gegenwart sind, so kann man es durchaus auch auf heutige Zeiten, über 100 Jahre später, beziehen: »Sommergäste im eigenen Land. Zugereiste. Stets auf der Suche nach einem bequemen Platz im Leben. Wir tun nichts und reden furchtbar viel«.

Schaubühne: Beginn: 19.30 Uhr| Karten ab 8 Euro

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